Jung (Joh. Heinr.), genannt Stilling, ein durch seine Lebensschicksale merkwürdiger, tiefsinniger, aber religibs uberspannter Schriftsteller, wurde zu Im-Grund im Nassauischen von armen Eltern 12. Sept. 1740 geboren. Er erlernte erst das Schneiderhandwerk, studierte dann Medizin zu Straßburg, wo er im nähern Umgange mit Goethe lebte, ließ sich dann zu Elberfeld als Arzt nieder und zeichnete sich besonders als Operateur des Stars aus. Im J. 1778 wurde er an der Kameralschule zu Lautern angestellt und bei Verlegung dieser Anstalt nach Heidelberg als Professor der Landwirtschaft mit dahin versetzt. Dann folgte er 1787 einem Rufe als Professor der Skonomie und Kameralwissenschaften nach Marburg, kehrte aber 1803 nach Heidelberg zurück und lebte zuletzt ohne öffentliche Anstellung zu Karlsruhe, wo er als bad. Geheimrat 2. April 1817 starb. Seine schriftstellerische Laufbahn eröffnete er mit der an tiefen Anschauungen reichen, von Goethe zum Druck beförderten Erzählung seines Lebens: „Heinrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschafto (3 Bde., Berl. u. Opz. 1777—78), der er später Heinrich Stillings häusliches Lebeno (Berl. l 1789) folgen ließ. Beide Werke ließ er dann in einer neuen Gestalt unter dem Titel Heinrich Stil⸗(2 lings Leben, eine wahre Geschichtes (5 Bde., Berl. 1806) erscheinen. Den Schluß dazu bildet „Heinrich Stillings Alterd» (Heidelb. 1817), herausgegeben von seinem Enkel W. Schwarz. Seine kameralistischen Werke waren für ihre Zeit verdienstlich; berühmter aber machten ihn seine zahlreichen mystistischen Schriften, wie Theobald, oder die Schwärmero (2 Bde., Lpz. 1782—85; 3. Aufl., Lpz. 1828), (Das Heimwehs, «Der Volkslehrerv, Der christl. Menschenfreundo, Der graue Mann, eine Volksschrifto (Nürnb. 1795—1816), Das Schatzkästlein, Theorie der Geisterkundes (Nürnb. 1808), Apologie der Theorie der Geisterkunde (Nürnb. 1809), „Scenen aus dem Geisterreiches (Frankf. 1797— 1801; neue Aufl., Stuttg. 1870). Von seinen frühern Romanen sind zu nennen: Geschichte des Herrn von Morgenthaup (2 Bde., Berl. 1779) und «Geschichte Florentins von Fahlendornv(3 Bde., Mannh. 178183); zuletzt ließ er «Erzählungeno (3 Bde., Frankf. 1814—15) erscheinen. Eine schöne Charakteristik J.s gibt Goethe: Aus meinem Leben (Bd. 2). Ausgaben von J.s „Sämtlichen Schriftenb (14 Bde., 1835—39; 12 Bde., 1841—42 u. 1843—44), sowie seiner Lebensgeschichtes (zuletzt 1859) sind zu Stuttgart erschienen. Vgl. Bodemann, «Züge aus dem Leben von Johann Heinrich J., genannt Stillingo (Bielef. 1868).