Junius (Briefe des), eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der polit. Litteratur der Engländer. Dieselben erschienen unter dem Pseudonym Junius im Public Advertisero vom 21. Jan. 1769 bis 21. Jan. 1772 und griffen die Mitglieder des Kabinetts undandere Staatsbeamte, die Tribunale, das Parlament, selbst die Person des Königs schonungslos an, aber mit Talent, Sachkenntnis und Beredsamkeit. Ein deshalb wider den Herausgeber, den Buchdrucker Woodfall, 1770 von der Regierungerhobener Libellprozeß endigte ohne Resultat. J. veranstaltete selbst zu Anfang 1772 eine Gesamtausgabe seiner Briefe, für welche er eine Widmung an das engl. Volk und eine Vorrede verfaßte. Eine neue Ausgabe der Briefe des J. in drei Bänden publizierte Woodfalls, des ersten Verlegers, Sohn 1812; in derselben wurden zuerst die zahlreichen Privatbriefe des J. an seinen erleger, sowie andere vom jüngern Woodfall großenteils auf durchaus unsichere Vermutungen hin dem J. zugeschriebene, unter den verschiedensten Pseudonymen publizierte Briefe polit. Inhalts abgedruckt. Eine fernere neue Ausgabe wurde von John Wade veranstaltet (Junius. A new and enlarged editiono, 2 Bde.; Bd. 1, Lond. 1873; Bd. 2, Lond. 1865) und dieser eine ausführliche Darstellung der verschiedenen Hypothesen und Mutmaßungen über den Ursprung der Briefe, sowie die an den Demagogen Wilkes und an Lord Chatham gerichteten Privatbriefe beigegeben. Die Angriffe der Briefe des J. sind namentlich gerichtet gegen die Herzöge von Grafton und Bedford, die Lords Mansfield, North, Hillsborough und Granby, Sir William Draper, den berühmten Juristen Blackstone und andere Anhänger der Politik Georgs III. Doch wendet sich der Tadel des J. auch vielfach gegen die Mitglieder der Opposition, so gegen Wilkes, Horne Tooke u. a. Nur wenige werden geschont, wie Lord Holland und dessen Sohn Charles Fox; Lord Camden, George Grenville und Lord Chatham sind die einzigen, denen J. seine Anerkennung nicht versagt. Übrigens sind die Briefe trotz der Rücksichtslosigkeit ihrer Sprache und der in ihnen offen bekannten Nichtachtung des Königs ganz im monarchischen Geiste der brit. Verfassung geschrieben. Die Schreibart ist „gedrängt, zuweilen epigrammatisch, nie unklar, im dAusdruck sicher und fest, sparsam in Metaphern „und Schmuck und dabei sorgfältig genau, ands iman den Verfasser den ersten Prosaisten Englands —beizählen kann. eüber die Person des Autors. Man schrieb die Briefe nGeneral Lee, Glover, Edm. Burke, dem Genfer Delolme, dem Herzog von Portland, Lord Temple u. a. zu, doch ohne eine dieser Vermutungen auch nur annähernd begründen zu können. Nach dem Erscheinen der von Woodfall dem Jüngern besorgten Ausgabe der Privatbriefe des J. behauptete John Taylor in einer 1813 erschienenen Schrift (A discovery of the author of the letters 0f J. v), der als Gelehrter und polit. Schriftsteller jener Zeit bekannte Dr. Francis habe die Briefe verfaßt, sein Sohn Philip Francis habe sie abgeschrieben und zum Druck besorgt, änderte aber 1816 («The identity of J. with a distinguished living character establishedo) seine Vermutung dahin ab, daß der jüngere Francis, damals ein hoher Beamter außer Dienst und wegen des ihm verliehenen Bathordens in den Ritterstand erhoben, der alleinige Urheber der Briefe sei. Der heftige und bittere Charakter dieses Mannes, der Stil seiner Reden und Briefe haben in der That so viel von dem eigentümlichen Typus des J. an sich, auch stimmt Francis' Handschrift mit der augenscheinlich verstellten Handschrift des J. so wesentlich überein, daß Macaulay in seinem Aufsatze über Warren Hastings (zuerst in der Edinburgh Reviewo, 1841) die Indizien für stark genug zur Begründung einer Kriminalanklage gegen Francis erklärt. John Jaques wies in seiner History of J. and his workso (Lond. 1842) auf den aus dem Siebenjährigen Kriege bekannten Lord George Sackville hin, jedoch ohne diese schon früher aufgestellte Hypothese mit irgend welchen beachtenswerten Gründen unterstützen zu können. Sir David Brewster glaubte den wahren J. in dem Iro-Scoten Laughlin Maclean, der 1768 Parlamentsmitglied für Arundel, 1773 General-Kriegskommissar war und 1777 bei der Rückkehr von Westindien verunglückte, entdeckt zu haben; doch fand diese Meinung wenig Anklang. Dagegen brachte Sir Fortunatus Dwarris in Some new facts as to the authorship of the letters of J.v (Lond. 1850) neue Beweise für die Autorschaft des Sir Philip Francis vor. Neuerdings (1859) hat . Symons den Verfasser der Juniusbriefe in Wiliam Burke, dem Bruder des berühmten Parlamentsredners, erkennen wollen, ohne jedoch überzeugende Gründe für diese Vermutung aufzustellen. neuester Zeit ist die schon früher am gründlichten verteidigte Autorschaft Sir Philip Francis' wieder von Edward Twisleton aufgenommen und durch die von demselben veranlaßte sorgfältige Vergleichung der Handschrift des J. und des Sir Philip Francis die Thatsache, daß letzterer die Briefe geschrieben, zu einer kaum anfechtbaren Gewißheit erhoben worden (The handwriting of J. professionally investigated. By Mr. Charles Chabot, Expert. With preface and collateral evidence. Bythe Hon. Edward Twisletono, Lond. 1871). Sir Philip Franeis (geb. 22. Okt. 1740 in Dublin) war zur Zeit des Erscheinens der Briefe des J. First Clerk im Kriegsministerium. Seine Entlassung 1772 ist der Anlaß der unzweifelhaft von J. herrührenden, aber unter den Namen Veteran, Nemesis und Scotus publizierten, gegen den damaligen Kriegsminister Lord Barrington gerichteten Briefe. Die 1773 erfolgte Ernennung des entlassenen untergeordneten Beamten zum Mitgliede der obersten Regierungsbehörde für Bengalen hat Grund zu der bisher vollkommen unerwiesenen Vermutung gegeben, Francis habe sich die hohe und ! einträgliche Stellung durch das Geständnis seiner Autorschaft und die Zusicherung fernern Schweigens verschafft. In Bengalen trat Francis sofort in einen schroffen Gegensatz gegen den Statthalter Warren Hastings und die hergebrachte Politik der Ostindischen Kompagnie, vermochte aber nicht, seinen Anschauungen zum Siege zu verhelfen. Vielmehr nahm er, nachdem seine Entzweiung mit Hastings u einem Duell geführt hatte, in welchem Francis swer verwundet worden war, 1780 seine Entlassung und kehrte nach England zurück, wo er längere Zeit hindurch Mitglied des Unterhauses Dellee ist, ein öffentliches Amt aber nicht wieder ekleidet hat. Er starb 23. Dez. 1818. Vgl. Memoirs of Sir Philip Francis K. C. B. With correspondence and journals. Commenced by the late Joseph Parkes, completed and edited by Herman Merivalen (2 Bde., Lond. 1867); F. Brockhaus, Die Briefe des J. » (Lpz. 1876). Von deutschen übersetzungen des J. ist die von Arnold Ruge (3. Aufl., Lpz. 1867) hervorzuheben.