Anno oder Hanno, der Heilige, Erzbischof von Köln, stammte aus einem schwäb. Adelsgeschlechte und war ursprünglich zum Krieger bestimmt. Durch einen Verwandten für die geistliche Laufbahn gewonnen, machte er seine theol. Studien in Bamberg und erlangte bald einen solchen Ruf, daß ihn Kaiser Heinrich III. an seinen Hof berief und zu seinem Ratgeber und Kanzler ernannte. Als nach dem frühen Tode Heinrichs III. dessen Gattin die Kaiserin Agnes, die Vormundschaft und die Verwaltung des Reichs für ihren erst fünf Jahre alten Sohn, den nachmaligen Kaiser Heinrich IV., übernahm, sich aber in der schwierigen Stellung, in der sie sich den anspruchsvollen Reichsfürsten und der aufstrebenden 12, Emacht gegenüber befand, nicht gewachsen 3018 bemächtigte sich A., der 1056 auf den erzbischöfl. Stuhl zu Köln erhoben worden war, unter Mitwirkung des Erzbischofs Adalbert (s. d.) von Bremen, des Bayernherzogs Otto und anderer Fürsten 1062 der Person des jungen Königs und der Reichsverwaltung. Letztere mußte A. zwar 1064, während er in Italien war, um die Angelegenheiten des röm. Stuhls zu ordnen, an den Erzbischof Adalbert von Bremen überlassen, doch übernahm er dieselbe nach des letztern Tode auf Wunsch Heinrichs IV. im März 1072 von neuem, legte sie aber bereits im Dezember desselben Jahres wieder nieder. Er zog sich vom Hofe zurück und lebte meist in dem von ihm gestifteten Kloster auf dem Siegeberge, wo er 4. Dez. 1075 starb. Die Würde seines geistlichen Wandels, die väterliche Sorge für sein Erzbistum und der Eifer, mit dem er die Reformation der Klöster betrieb und neue Klöster und Kirchen stiftete, veranlaßten 1183 seine Heiligsprechung. Sein Gedächtnis wird am 4. Dez. gefeiert. Vgl. Agidius Müller, «A. II., der Heilige, Erzbischof von Köln » (Lpz. 1858); Lindner, «A. II., der Heilige y (Lpz. 1869). Der nach Sprache und Inhalt sehr merkwürdige Lobgesang auf den heiligen A. oder das Annolied wurde nicht lange nach dem Tode des Heiligen, spätestens im Anfange des 12. Jahrh. gedichtet. Die Dichtung ist wichtig als Denkmal der histor. Anschauung jener Zeit und zeigt, in wie kurzer Zeit Geschichte der Sage anheimfallen kann. Den Kern des Gedichts bildet allerdings das Leben A.s, allein es wird dieses in seinem Zusammenhange mit der allgemeinen Geschichte entwickelt. Die Darstellung ist echt volkstümlich und lebendig und wegen ihres naiven Tons anziehend. Die frühere Annahme Lachmanns, das Gedicht sei um 1183 entstanden, da in diesem Jahre die Kanonisation erfolgte, wird durch die hohe Altertümlichkeit der Sprache und die Reimbehandlung widerlegt; schon lange vor jener Zeit wird er in den Geschichtsquellen als Heiliger bezeichnet. Unbegründet ist die Ansicht Holtzmanns (in Pfeiffers Germaniab, Bd. 2), daß der Dichter identisch mit Lamprecht, dem Verfasser des Alexanderliedes, und mit Lambert von Hersfeld sei. Das Gedicht gab zuerst aus einer Handschrift, die indessen verloren gegangen ist, Opitz (Danz. 1639) heraus, neuerdings Bezzenberger (Quedlinb. 1848), Roth (Münch. 1848) und Kehrein (Frankf. a. M. 1865).