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NaturlehreBrockhaus 1882

Chlor (Chlorine, orydierte, oxygenierte, dephlogistisierte Salzsäure, chem. Zeichen CI, Atomgewicht -35,5), ein zu den Halogenen oder Salzbildern gerechnetes Element. Es wurde 1774 von Scheele entdeckt und nach damaliger Anschauung für von Phlogiston befreite Salzsäure betrachtet; Humphry Davy wies ihm 1810 seine Stellung unter den Elementen zu. Im freien Zustande kommt C. in der Natur niemals vor, dagegen in größter Menge mit Metallen verbunden, Meereswasse als Chlornatrium im Rererh im Meereswasser, in größerer oder geringerer Menge in allen Wasserläufen und Quellen, in allen Ackererden, in allen Pflanzen und Tieren; ferner als Chlorkalium im Sylvin, im Carnallit und in andern Salzmineralien. Man stellt das C. stets dar durch Oxydation der Chlorwasserstoffsäure oder Salzsäure: Dieser uur 5 ist jedoch direkt nicht durchführbar, sondern nur durch Vermittelung eines andern Körpers, welcher als Überträger des Sauerstoffs an die Chlorwasserstoffsäure betrachtet werden kann. Als solchen benutzt man meist das Mangansuperoxyd oder den Braunstein MnO. . Übergießt man Mangansuperoxyd mit konzentrierter Salzsäure und erwärmt, so verbindet der Sauerstoff desselben sich mit dem Wasserstoff der Chlorwasserstoffsäure und die eine Hälfte des vorhandenen C. tritt in freier Form auf, während die andere Hälfte mit dem Mangan zu Manganchlorür verbunden bleibt: Das so entstandene Manganchlorür kann bei geeigneter Behandlung wieder in Mangansuperoxyd verwandelt werden (Weldons Verfahren, s. Chlorkalk) und es ist daher das Mangan nur als Träger des Sauerstoffs zu bezeichnen. Auf gleiche Weise wie Mangansuperoxyd verhalten sich viele andere Drro. Chrem Körper, so Bleisuperoxyd, Kobaltoryd, Chromsäure, Salpetersäure. Im chem. Laboratorium, wie in der Technik benutzt man bes G. 1 50 den Braunstein zur Entwickelung des C. Bei der Darstellung im Kleinen füllt man einen Glaskolben bis zum Halse mit erbsengroßen Körnern von Braunstein, gießt so viel konzentrierte Salzsäure hinzu, daß der freie Raum des Kolbens nur etwa zur Hälfte davon erfüllt ist, und erwärmt sehr gelinde. Das entweichende Chlorgas wird durch ein Glasrohr zunächst in eine Waschflasche geleitet, um es möglichst von abgedunsteter Salzsäure zu befreien, und dann im pneumatischen Apparat über warmem Wasser gesammelt; über Quecksilber kann man es nicht auffangen, da es sich mit diesem chemisch verbindet. Will man das Gas ganz rein haben, so ist es, nachdem es in Wasser gewaschen ist, noch durch ein mit Braunstein gefülltes, zum schwachen Glühen erhitztes Rohr zu leiten, da es nur auf diese Weise gelingt, die letzten Reste von Salzsäure zu entfernen. Das C. ist ein Gas von grüngelber Farbe, von heftig reizendem, erstickendem Geruch, vor der Einatmung desselben ist dringend zu warnen, da es die zerstörendsten Wirkungen auf die Lungen ausübt; sein spezifisches Gewicht ist 2,45. Durch Kälte oder starken Druck läßt sich C. zu einer grüngelben Flüssigkeit verdichten, welche bei — 33,6 C. siedet und bei — 90 noch nicht fest wird. Es ist in Wasser löslich, am reichlichsten bei einer Temperatur von 10 C.; die gesättigt wässerige Lösung ist das Chlorwasser, Aqua chlorata der Pharmakopöe; bei höhern Temperaturen ist es erheblich weniger löslich. Das Chlorwasser ist an einem kühlen Orte im Dunkeln aufzubewahren, da es sich im Lichte unter Bildung von Salzsäure zersetzt. ů Das C. hat eine außerordentlich große Affinität zu allen andern Elementen: bei gewöhnlicher nißt, sind unter K aufzusuchen. Temperatur verbindet es sich unter Feuererscheinung mit Antimon, Phosphor, Bor, Silicium, Kalium, Zink und Zinn, wenn diese in fein verteiltem Zustande in das Gas gebracht werden, andere Metalle, wie Kupfer, verbrennen, wenn sie warm in C. eineführt werden. Gleiche Volume C. und Wassersioff, im Dunkeln gemischt, bleiben unverändert, sobald aber ein Sonnenstrahl oder unter Umständen schon zerstreutes Tageslicht das Gemisch trifft, entsteht heftige, gefährliche e Miichm unter Bildung von Chlorwasserstoff. Eine Mischung von Kohlenwasserstoffgas und C. verbrennt beim Entzünden unter Bildung einer schwarzen Rauchwolke von abgeschiedenem Rftoras ebenso verbrennt eine entzündete Kerze in Chlorgas unter Bildung von Ruß, indem der Wasserstoff sich mit C. verbindet und Kohlenstoff frei wird. Wegen seiner großen Affinität zum Wasserstoff kann C. bei Gegenwart von Wasser als starkes Orydationsmittel wirken, indem der Sauerstoff des Wassers dabei auf den oxydierbaren Körper übertragen wird, z. B.: Alle Brom⸗,„ Jod?, Schwefelverbindungen der Metalle werden von C. teils schon bei gewöhnlicher Temperatur, teils beim Erhitzen zersetzt. Mit einzelnen organischen Körpern vereint sich C. direkt, meist erfolgt die Einwirkung so, daß ein Chlormolekül dabei in Reaktion tritt, wobei ein Chloratom sich mit einem Wasserstoffatom vereint, dieses der Verbindung entziehend, während das zweite Chloratom an dessen Stelle tritt, wodurch eine Menge von Chlorsubstitutionsprodukten gebildet werden können. Die Zerstörung von Farbstoffen, der das C. seine Verwendung zum Bleichen vegetabilischer Stoffe verdankt, ist teils auf Oxydations-, teils auf Substitutionsvorgänge zurückzuführen. C. ist endlich allem pflanzlichen, wie tierischen Leben feindlich; es vernichtet Ansteckungsstoffe, soweit sie organischen Ursprungs sind, und wird daher als eins der wirksamsten Desinfektionsmittel gebraucht. In den Verbindungen wirkt C. als einwertiges Element. Von diesen sind nachstehend nur die mit nicht metallischen Elementen berücksichtigt, soweit sie allgemeines Interesse haben, während die metallischen Chlorverbindungen, die Chloride und Chlorüre, sich bei den einzelnen Metallen finden. 1) Chlorhydrat Ch 10 He0 bildet sich in Form von kleinen Krystallen, wenn Chlorwasser bis zum Gefrierpunkt abgekühlt wird. 2) Chlorsäuren. C. vereint sich in mehrern Verhältnissen mit Sauerstoff, resp. Hydroxylgruppen und bildet folgende Säuren: Unterchlorige Säure CI. OUI, als Anhydrid CI20

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 319Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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