FeedDessoir
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Dessoir (Ludw., eigentlich Leop. Dessauer), hervorragender deutscher Schauspieler, geb. 15. Dez. 1810 zu Posen als Sohn eines jüd. Kaufmanns, erschien schon 1825 als in Körners «Toniv auf dem Stadttheater seiner Vaterstadt und machte sich demselben bis zum Bankrott des Direktors Couriol als Schauspieler, Sekretär, Billeteur und Rollenschreiber nützlich. Dann ging er nach Spandau, durchreiste darauf mit Wandertruppen Pommern, Sachsen und Schlesien und fand endlich in Lbeck wenigstens für einen Winter Engagement an einer festen Bühne. Im J. 1831 engagierte ihn Direktor Haake, der sich in der Folge um seine Ausbildung sehr verdient machte, für die vereinigten Theater Mainz und Wiesbaden, wo er mit Erfolg jugendliche Helden und Liebhaber spielte. Auch als er 1834 einem Rufe nach Leipzig Folge leistete, blieb ihm dieser Erfolg treu, ebenso in Breslau, wohin er sich nach seiner Vermählung (1835) mit Therese Reimann gewandt hatte. Doch mußte die Ehe schon nach zwei Jahren getrennt werden; eine später (1844) geschlossene zweite Verbindung mit Helene Pfeffer aus Pest löste der Wahnsinn, in den die letztere verfiel. D. nahm 1837 sein altes Wanderleben wieder auf, gastierte in Prag, Brünn, Wien und Pest, und erft hier ließ er sich bis w1839 wieder fesseln. In diesem Jahre ging er als Nachfolger Karl Devrients nach Karlsruhe und begründete hier als Charakterdarsteller seinen Ruf, der die Ursache seines Engagements am Hoftheater zu Berlin wurde, wo er schon 1847 mit großem Ersolg gastiert hatte. Seitdem zählte er zu den bedeutendsten Mitgliedern des berliner Schauspiels und wirkte vorzugsweise als Vertreter des klassischen Dramas. In den Tragödien Schillers und Goethes, namentlich aber auch Shakspeares, erwarb er sich durch die Tiefe der Auffassung, die innere Kraft der Darstellung und die Energie des leidenschaftlichen Pathos allgemeine Anerkennung. Nicht minder zeichnete er sich in den Werken neuerer Dichter aus, wie als Caligula in Halms «Fechter von Ravennay und als Nareiß im gleichnamigen Stück Brachvogels. Ein hartnäckiges Nervenleiden nötigte den Künstler 1872, um seine Pensionierung nachzusuchen, die er jedoch nicht lange genießen sollte, denn sein Tod erfolgte bereits 30. Dez. 1874 zu Berlin.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 93Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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