FeedDiplomatik
Recht & StaatBrockhaus 1882

Diplomatik (grch.) ist diejenige histor. Hilfswissenschaft, welche die Dokumente oder die im Geschäftswege entstandenen Schriftstücke früherer Zeiten Dursiehen, beurteilen und gebrauchen lehrt. Ihren Namen erhielt sie von der wichtigsten und schwierigsten Klasse dieser Dokumente, den Diplomen (s. d.) oder Urkunden, an denen sie auch zur Wissenschaft sich heranbildete und allmählich die gegenwärtige Ausdehnung und Bedeutung ihres Begriffs erreichte. Man hatte zwar schon seit dem Anfange des 16. Jahrh. geschichtlichen Werken Urkunden beigegeben; größere Bedeutung erlangten dieselben jedoch erst bei Gelegenheit der vielfachen, während des 17. Jahrh. in Deutschland erörterten staats- und fürstenrechtlichen Streitfragen (bella diplomatica). Der belg. Jesuit Dan. Papebroch machte den ersten Versuch einer wissenschaftlichen Behandlung der Urkunden und faßte die Ergebnisse seiner Forschung in einer Abhandlung zusammen, welche dem zweiten Bande der Acta Sanctorum Aprilisv (1675) beigegeben ist. Der Umstand, daß hier die Echtheit der ältesten, namentlich vieler meroving. Urkunden der Abtei St.⸗Denis angezweifelt worden war, veranlaßte den gelehrten Benediktiner Mabillon, mit seinem berühmten Werke De re diplomaticay (Par. 1681; mit Supplementen, Par. 1704; 2 Bde., Neap. 1789) zu antworten, das der neuen Wissenschaft den Namen verlieh und deren eigentliche Grundlage wurde, ohne jedoch eine vollständige Behandlung derselben zu geben oder auch nur zu beabsichtigen. Nach Mabillon erfuhren auf lange Zeit hin nur die einzelnen Teile der D. entweder ganz neue Begründung oder weitere Ausführung und Bereicherung. So erweiterte der Engländer Madorx die Formelkunde, brach Heineccius der Siegelkunde neue Bahn und behandelte Bessel, der Abt des Klosters Göttweih, die Spezialdiplomatik der deutschen Könige und Kaiser von Konrad I. bis Friedrich II. und beründete namentlich die diplomatische Geographie Deutschlands. Des letztern berühmtes Chronicon Gotwicense (2 Bde., 1732) wurde durch die diplomatischen Werke Heumanns (1745 — 53) gewissermaßen ergänzt. In Frankreich fügte Montfaucon die griech. Schriftkunde und Charpentier die Kenntnis der Tironischen Noten hinzu, denen die von Baring und Walther mit großem Fleiße gesammelten Buchstabenproben und Abkürzungen der lat. Schrift sich ergänzend anschlossen. In Deutschland ward die D. auch unter die Gegenstände des Universitätsunterrichts aufgenommen und zu diesem Behufe von Eckhard (1742) und Joaim (1748) in Kompendien gebracht. Mit viel reiern Hilfsmitteln, aber im wesentlichen wieder von abillons Standpunkte aus, behandelten gleichfalls wei Benediktiner, Tassin und Toustain, aufs neue die D. sehr ausführlich in dem noch immer unentbehrlichen Nouveau traité de diplomatiquep 6 Bde., Par. 1750—65; deutsch von Adelung und udolf, 9 Bde., Erf. 1759—69), während drei andere Benediktiner, Dantine, Durand und Clemencet, in der Art de vérifier les dateso (1750) für die histor. und diplomatische Chronologie eine treffliche Grundlage schufen. Eine systematische Fassung der D. versuchte zuerst Gatterer seit 1765, dann mit etwas mehr Erfolg Gruber (1783) und Zinkernagel (1800). Eine größere Umgestaltung würde jedenfalls Schönemann herbei ührt haben, wenn nicht dessen „Versuch eines vollständigen Systems der D.v (2 Bde., Hamb. 1800 — 1) wegen des frühen Todes des Verfassers unvollendet geblieben wäre. Seitdem wurde die D., die übrigens infolge der polit. Umgestaltungen in Deutschland viel an ihrer praktischen Bedeutung für die Entscheidung von Rechtsfragen verlor, nicht wieder in allgemeinen, das Ganze umfassenden Lehrbüchern bearbeitet. Dagegen fand sie seitdem nach einer andern Seite hin fruchtbare Pflege in der Verwaltung und Nutzbarmachung der Archive, welches beides nun mehr und mehr nach richtigen wissenschaftlichen hen und Aebesthah Unter die Früchte dieser Studien und Areiten sind namentlich die ausgezeichneten Urkundensammlungen und Regesten zu rechnen, welche in immer wachsender 9090 die sicherste Grundlage für geschichtliche Studien darbieten. Die D. der Karolinger und der deutschen Kaiser hat in neuester Zeit vor-Audeic durch Th. Sickel und J. Ficker einsichtige Bearbeitung gefunden. Daneben wurden auch einzelne Zweige der D., wie die Schriftkunde durch Kopp u. a., die Sphragistik und Heraldik durch Melly, Bernd, den Fürsten zu Hohenlohe-Waldenburg u. a. gefördert, während mehrere Zeitschriften, wie die Zeitschrift für Archivkunde, D. und Geschichte von Höfer, Er ard und von Medem (1833 — 35) und die „geitschrift für die Archive Deutschlandsd von Friedemann (1846—53) den fortlebenden Sinn für das Ganze der Wissenschaft bekundeten. Gegenwärtig enthalten besonders die «Archivalische Zeitschrifto von Löher und die «Mitteilungen des österr. Instituts für Geschichtey von Mühlbacher wichtige Beiträge zur D. Ihr dienen auch die von v. Sybel und Sickel herausgegebenen Kaiserurkunden in Abbildungeno. (S. Archiv.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 381Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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