FeedDiplomatie (grch.)
Recht & StaatBrockhaus 1882

Diplomatie (grch.), Inbegriff der bei dem völkerrechtlichen Verkehr zwischen civilisierten Staaten Dandiune Regeln und Grundsätze, Staatsunterhandlungskunst, auch Wesen, Handlungsweise eines Diplomaten. Der Name gehört den modernen Zeiten an, die J d ist alt; denn die dipKlomatischen Perong und die Unverletzlichkeit der diplomatischen ersonen sind die ältesten und allgemeinsten Spuren des Völkerrechts. Schon die altorient. Kulturvölker, dann die Republiken des klassischen Altertums haben in der iie Mittel des g Periode ihrer polit. Entwickelung die Mittel des gegenseitigen Verkehrs zwischen Staaten und Völkern ausgebildet und zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit geführt. Die Geschichte des Peloponnesischen Kriegs, selbst die Zeiten des Verfalls von Hellas bieten so gut Belege dafür wie die Geschichte der Römer, deren diplomatische Kunst oft nicht minder durch Geschmeidigkeit als das Mutealter en Trotz ausgezeichnet war, Auch das Mittelalter hatte seine Diplomatenschule, auf die ein Teil des altröm. Geistes überegangen schien, in der röm. Kirche, und selbst der Fe entlehnte seine Meister auf diesem Geiete dem Kreise des Klerus. Der Verfall des Mittelalters war durch die regere Entwickelung der einzelnen Staatenkörper, durch ihre selbständige polit. Gestaltung, durch das schärfere Hervortreten ihrer gesonderten Interessen bezeichnet, und aus der mittelalterlichen Allgemeinheit wuchs die staatliche Vielheit und Mannigfaltigkeit hervor, welche die Grundlage der modernen polit. Ordnung bildet. In dem Verhältnis, als dieser Umschwung eintrat, wurde es auch wichtiger, sowohl über die Zustände und Bewegungen im Innern der verschiedenen Staaten, als auch über ihre gegenseitigen Beziehungen in genauer und ununterbrochener Kenntnis zu bleiben. Schon im Laufe des 15. Jahrh. ist der Umschwung in der D., gleichzeitig mit dem allgemeinen Umschwung der Verhältnisse, bemerkbar. Von Italien, wo die klassische Bildung ihre ersten mächtigen Wirkungen geäußert, breitet sich der Geist dieser neuen staatsmännischen Kunst der Unterhandlung und Vertretung aus und gründet seine Schule auf dem ganzen Festlande, am erfolgreichsten in dem Kreise mächtiger Praxis, deren Träger Karl V. und seine Politik war. Gibt es einerseits eine Wissenschaft der D., die das Studium des Staats-⸗ und Völkerrechts, der Politik, Statistik und Geschichte umfaßt, so liegt doch auf der andern Seite die wesentliche Bedingung diplomatischen Erfolgs in jener Kunst, seinen Zweck zu erreichen, die man aus bloß wissenschaftlichen Studien sich nie erwerben mag. Die feine psychol. Taktik, die es versteht, Menschen zu gewinnen und zu leiten, Raschheit und Ausdauer, Geschmeidigkeit und Zähigkeit werden nicht erlernt, sondern angeboren und im Leben selbst ausgebilbet. Jene steifen Formen, die prätentiöse Etikette und alle die Kleinlichkeiten des Vorrangs, die so viel Mühe und Kunst der Diplomaten des 17. Jahrh. in Anspruch nahmen, waren für die großen Diplomaten jener Zeit sehr wohlerwogene und sehr geschickt gebrauchte Mittel zum Zwecke. Dieselben wurden nicht erst durch den Wiener Kongreß beseitigt, auch nicht durch die neuen Bestimmungen des Aachener Kongresses über die Gesandtenklassen. Ein freierer Geist des xs ** Lebens und das Aufkommen anderer Mittel für dieselben Zwecke hatten sie schon früher entfernt oder doch beschränkt, und namentlich hatte die Zeit Friedrichs II. hierbei das meiste 117 Die Aufgabe des Diplomaten der Gegenwart ist in mancher Hinsicht vereinfacht, insofern die Politik nicht 10 so ausschließlich wie früher persönliche und höfische Angelegenheiten betrifft, insofern die Offentlichkeit, die parlamentarischen Institutionen auf die Bedeutung des diplomatischen Verkehrs mächtig eingewirkt haben. Allein auf der andern Seite ist die Aufgabe der D. schwieriger und ernster geworden. Außer der Kenntnis des Staatsrechts, der polit. Lage und Parteien im Innern der Staaten ist eine genaue Einsicht in die wirtschaftlichen und nationalen Interessen unentbehrlich. Der höhere DipJlomat muß gegenwärtig mitten im Strome der geistigen Bewegung stehen; er muß die großen Fragen der innern Politik, der Nationalökonomie, des sozialen Lebens in ihrer ganen Bedeutung zu würdigen wissen und beherrschen. Solche Wissenschaft wird aber wieder nicht allein in der Schule, sondern hauptsächlich auch in der großen Bewegung des Lebens erworben und geübt. Einen Teil der völkerrechtlichen Bestimmun-Rot speziell das Gesandtschaftsrecht mit einigen otizen über Herkömmliches und einigen Klugheitsregeln hat man in besondern Werken zusammengestellt. Dahin gehören: Wicquefort, L'ambassadeur et ses fonctionso (2 Bde., Par. 1764); (Graf Garden,) Traité complet de diplomatie par un ancien ministre (3 Bde., Par. 1833); Winter, Système de la diplomatien (Berl. 1830); Martens, Le Guide diplomatiques (5. Aufl., herausg. von Gesscken, 2 Bde., Lpz. 1864). Sammlungen diplomatischer Aktenstücke veröffentlichten unter andern die beiden Martens (s. d.). Die Zeitgeschichte behandeln Amyots Archives diplomatiqueso (seit 1861) und das »Staatsarchivo von Aegidi und Klauhold (seit w1862).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 381Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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