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NaturlehreBrockhaus 1882

Eiszeit (oder Diluvialzeit). Infolge der Untersuchungen an heutigen Gletschern, welche um 1840 hauptsächlich von Charpentier und Agassiz angeregt wurden, hat sich herausgestellt, daß diese gewaltigen, in steter Bewegung befindlichen Eismassen, welche sich auf den Hochgebirgen, sowie in den Polargegenden finden, bei ihrer Abschmelzung nicht zu verkennende Spuren hinterlassen. Es wurde ferner erkannt, daß die Gletscher als Vehikel für den ungestörten Transport von Gesteinstrümmern dienen, die auf dem Gletscher als Grund⸗, Seiten- und Mittelmoränen von den Höhen in die Thäler auf weite Strecken verführt und dann als Endmoränen abgelagert werden, während man früher glaubte, daß die sog. Findlingsblöcke oder erratischen Gesteine durch Wasserströme von ihren Lagerstätten weggeführt und abgesetzt worden seien. Andererseits überzeugte man sich, daß die Gletscher den Felsboden, auf dem sie sich bewegten, abrieben und abnutzten, die unter sie geratenen Trümmer zu feinem Sand zerknirschten, der wieder als Schleifmittel für die Abnutzung diente, und daß sie so eigentümliche, geritzte Schliffflächen auf den harten Felsen erzeugten, welche für die Gletscherwirkung durchaus charakteristisch waren. Man schloß folgerichtig daraus, daß überall, wo solche Spuren nachweislich waren, früher Gletscher existiert haben mußten. Die Untersuchungen ergaben nun bald, daß die Gletscher derjenigen Hochgebirge, welche jetzt noch über die Schneelinie emporragen, wie Pyrenäen, Alpen u. s. w., weit ausgedehnter gewesen sein mußten; daß Gegenden und Gebirge, welche jetzt keine Gletscher mehr zeigen, wie Jura, Vogesen, Schwarzwald, Harz, Erzgebirge, Schweden, Finland, Schottland, England u. a., früher solche besessen hatten. Bald erkannte man denn auch, daß in den Land-wie Meeresablagerungen, welche dieser Epoche 979 Rei Ausdehnung der Gletscher angehörten, die Reste von Tieren si sinden, welche jetzt in weit höhern Breiten leben. So fand man den Vielfraß, den weißen Fuchs, das Renntier bis an den Fuß der Alpen und Pyrenäen verbreitet; die Tiere des Hochgebirgs, wie Gemse, Steinbock und Murmeltier in der Ebene; die Muscheln der Meere um Grönland und Spitzbergen in den Ablagerungen von England, Schottland und dem südl. Skandinavien. Ähnliche Beobachtungen wurden in Nordamerika gemacht. Von Thatsachen zu Thatsachen Temmnen ön mußte man endlich zu dem Schluß kommen, da nach der wärmern Tertiärzeit allmählich eine Kälteperiode eingetreten sei, welche die ganze nördl. Erdhälfte umfaßte, und daß die meisten Spuren, welche man früher einer allgemeinen Sintflut zugeschrieben hatte, von dieser E. herrührten, die jetzt von allen Geologen angenommen wird. In manchen Gegenden läßt sich sogar als wahrscheinlich nachwenen, daß nach Eintritt einer ersten, säkularen Kälteperiode wieder eine Erwärmung stattfand, innerhalb welcher die Gletscher sich zurückzogen und eine großartige Vegetation sich an einzelnen Orten entwickelte, um dann unter dem Einfluß einer wiederholten Temperaturerniedrigung wieder zu Grunde zu gehen. Mit Sicherheit ist jetzt festgestellt, daß die C. der nördl. Erdhälfte eintrat, während der Mensch schon in Europa an einzelnen Stellen existierte; daß —„ dieser E. bedeutende Niveauveränderungen statthatten, sodaß die Meere große Strecken Landes bedeckten und nachher wieder frei ließen; daß während der Abschmelzungsperiode ungeheuere Massen von zerriebenem Gestein durch die Flüsse verführt wurden, welche die Ablagerungen bilden, die jetzt als alte Flußschotter und Löß bekannt sind, und daß die ganze Fauna sich in solcher Weise vermischt vorfand, daß zu den an ihren jetzigen Standorten befindlichen Tieren sich einesteils nordische Tiere, die sich ud südl. Ti haben, andernteils ausgestorbene und südl. Tierformen gesellten, wie das Mammut, das Knochennashorn u. s. w. Damals war ganz Skandinavien und Finland vergletschert. Von hier aus erstreckte sich eine kontinuierliche Decke von Gletschereis bis zum Fuß des Harzes, des Riesengebirges und des Urals. Die Moränen und die Ablagerungen der Schmelzwasser dieses Inlandeises werden als nordisches Diluvium bezeichnet. (S. Diluvium.) Schottland und Wales waren in demselben Zustande; die Gletscher der Alpen reichten einerseits ber die ebene Schweiz hinaus bis hoch in den Jura hinauf, andererseits in die Ebenen der Lombardei und Venetiens. Über die Ursachen dieser Kälteperioden ist man noch nicht ganz im klaren; man hat dieselben neuerdings aus allgemeinen astron. Verhältnissen zu erklären gesucht. Belehrung darüber findet man in den geolog. Lehrbüchern von Credner, Lyell, K. Vogt u. a., namentlich aber in dem Werk von J. Geikie, «The great Ice-Ager (Lond. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 920Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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