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GeschichteBrockhaus 1882

Elisabeth, Pfalzgräfin bei Rhein, Abtissin von Herford, geb. in Heidelberg 26. Dez. 1618, älteste Tochter Friedrichs V. von der Pfalz und dessen Gemahlin Elisabeth, verlebte ihre erste Jugend am brandenb. Hofe und kam erst in ihrem neunten Jahre zu ihren Eltern, die in Holland Zuflucht gefunden hatten, zurück. Um ihrem prot. Bekenntnis treu zu bleiben schlug sie das glänzende Los des poln. Königsthrons, den König Wladislaw 1634 der Fünfzehnjährigen anbot, aus. Mit ihrem Vetter, dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm von Brandenburg, schloß sie herzliche Freundschaft; näher noch trat sie der geistesverwandten Dichterin Anna Marie von Schürmann und besonders dem Neubegründer der Philosophie, Cartesius, der, wie die pfälz. Königsfamilie, in Holland eine Freistatt gefunden hatte. Cartesius, der E. seine «Princi⸗- pia philosophiae gewidmet 11 fand an der Prinzessin eine begeisterte Schülerin und Genossin seiner Ideen; bis an seinen Tod standen beide in Praan Wre m J. 1650 siedelte E. nach Heidelberg zu ihrem Bruder Karl Ludwig über, folgte aber bald einer Einladung des Großen Kurstürsten, der ihre Jugendfreundin Luise Henriette geheiratet hatte, nach Krossen. Im J. 1661 zur Koadjutorin der Abtissin in Herford, einer Verwandten aus dem Zweibrückenschen Hause, erwählt, verbrachte sie zunächst noch einige Jahre bei den Verwandten in Kassel; 30. April 1667 aber wurde sie nach dem Tode ihrer Vorgängerin als Abtissin von Herford inthronisiert. In dieser Stellung gab sie Anlaß zu einer merkwürdigen religiösen Bewegung, als sie ihr Kloster den franz.⸗holländ. Labadisten unter ihrem Führer Labadie selbst, etwa 3 — 400 Personen, nach ihrer Vertreibung aus Amsterdam als Asyl anbot. Die zum Teil excentrischen Kultus⸗ und Lebensformen der halb und halb kommunistischen Gemeinde erregten in dem streng luth. Herford allgemeinen Widerwillen. Mit Hilfe des Kurfürsten wußte sich aber E. der Angriffe und Untersuchungskommissionen zu erwehren, und selbst ein Reichskammergerichtsmandat, welches die Stadt gegen die fremde Gemeinde zu Wege brachte, ließ se im Vertrauen auf den starken Freund unbeachtet. Erst die Gefahren des franz.⸗holländ. Kriegs 1672 bewogen die Labadisten zur heimlichen Entweichung. Später wandten sich quäkerische Sektierer an die Prinzessin, 1677 kam William Penn selbst, blieb drei Tage als Gast und schied als wärmster Freund, mit dem E. bis an ihren Tod korrespondierte. Doch ließ sich diese niemals für die Erweckungy gewinnen. Ihren philos. Neigungen blieb sie noch in den spätern Jahren namentlich durch die Bekanntschaft mit Malebranches und Leibniz zugewandt. Sie starb 8. Okt. 1680.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 59Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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