FeedEpigraphik
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Epigraphik (grch.) oder Inschriftenkunde flegt man denjenigen Teil der Inns der in 2 chaft zu nennen, der das Verständnis der in Metall, Stein oder andern dauerhaften Stoffen einscriptiones) vermittelt. In vielen Fällen, wo die Litteratur eines Volks vollständig untergegangen, ist man sogar ausschließlich auf die Phbntziern ö angewiesen, so z. B. bei den Assyrern, Phöniziern, Phrygern, Lykern, ebenso wie bei manchen Dialekten von Hellas und Italien. Von den semitischen Inschriften sind besonders hervorzuheben: die Stele des Mesa, Königs von Moab (um 890 v. Chr.), der Sarkophag des Eschmunazar und die jüngst gefundene Siloahinschrift; sonst überwiegen die sakralen und Grabinschriften; viele sind, obwohl formelhaft und insignifikant, dennoch wichtig durch den Ort, wo sie gefunden, nämlich an den verschiedensten Punkten des Mittelmeers, soweit der phöniz. Handel reichte. Eine Zusammenstellung aller semit. Inschriften ist von der Französischen Akademie begonnen durch das »Corpus inscriptionum semiticarump (Par. 1881). Viel größer ist die Wichtigkeit der Inschriften bei den Völkern des klassischen Altertums; ursprünglich wurde allerdings gar nicht, und dann wenig Eprache. v es existieren keine Inschriften in griech. prache, die älter wären als etwa 620 v. Chr.; die lateinischen sind noch bedeutend jünger, denn die älteste von allen, die neuerdings gefundene linksläufige Duenosinschrift, gehört ungefähr in die Zeit von 350 v. Chr. Für die spätere Zeit schwillt dann aber das epigraphische Material lawinenartig an, und die Kenntnis des Altertums ist dadurch nicht nur auf eine breitere, sondern auch eine solidere Basis gestellt; die neuere Behandlun der Provinzial⸗ und der Kaisergeschichte ist erst durch Vertiefung des epigraphischen Studiums ermöglicht. Von großer 4e Wonte9 für die Geschichte sind die Staatsverträge, Volksbeschlüsse, Tributlisten, Sitzungsprotokolle, Stiftungsurkunden, Reden und Briese und Urkunden der Fürsten, Beamtenlisten, Ehrendekrete, Elogien, offizielle Kalender, Bauurkunden, Inventare von Tempelschätzen und Arsenalen, Grenz⸗ und Meilensteine. Die Masse der Inschriften in Rom während der Kaiserzeit war so groß, daß allein beim Brande des Kapitols unter Vespasian 3000 öffentliche Urkunden vernichtet wurden. — Fast noch wichtiger sind die Inschriften für das Privatleben der Alten; von der Geburt des Menschen bis zum Tode gibt es kaum irgend einen Abschnitt, irgend ein freudiges oder trauriges Ereignis, das sich nicht in den ashen wiederspiegelt. Hier die harmlosen Kritzeleien des sich verewigenden Touristen, dort die unheimlichen Bleitafeln, die in geheimnisvoller Sprache einen Feind den unterirdischen Göttern weihen. Der Zahl nach überwiegen weitaus die Grabschriften, die ihr Thema in allen Tonarten variieren: fromme Wünsche und stille Ergebung wechseln mit dem Hohnlachen der Verzweifelnden, die dem Glück und sogar der Hoffnung den Abschied geben. Die Erkenntnis von der Wichtigkeit der E. hat sich nur langsam Bahn gebrochen, zunächst bei den Griechen. Außer einigen Grammatikern, die über die Buchstaben schrieben, sind Krateros wegen seiner Sammlung der Voltsbeschlüsse zu nennen, und Phi—⸗ lochoros, der attische Epigramme zusammenstellte, und Polemo, der in seinen periegetischen Schriften stets die Inschriften der Weihgeschenke berücksichtigte. Die antiken Historiker haben die Masse des inschriftlichen Materials, die ihnen zu Gebote stand, nicht in der Weise ausgenutzt, die zu wünschen wäre; selbst Thucydides erlaubt sich Abweichungen vom Wortlaut, und Tacitus zieht es vor, statt der im Original erhaltenen Rede des Kaisers Claudius eine frei komponierte einzulegen. Daß im Mittelalter das Studium der antiken E. nicht gepflegt wurde, ist nicht wunderbar, im Gegenteil ist es zu verwundern, daß selbst im 9. Jahrh. die röm. Inschriften berücksichtigt wurden: aus dieser Zeit stammt die berühmte, sehr sorgfältige Sammlung des Anonymus Einsidelensis. Erst in der Renaissancezeit fsing man an, den Inschriften wieder mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, und Jahrhunderte hindurch war Italien das Land der Inschriften und 75717 der Inschriftenkunde. Hier entstanden eine Reihe der wichtigsten Sammlungen. (Vgl. De Rossi, Le prime raccolte d'ant. iscrizionin im (Giornale Arcadicos, 127, 128.) Schon Cola di Rienzi, der letzte der Tribunen, hatte eifrig kopiert und gesammelt, ebenso Poggio (1380 —1459) und Cyriacus von Ancona (1391, gest. vor 1457), der von seinen weiten Reisen in den Orient auch griech. Kopien mit heimbrachte. In Spanien fing man am Ende des 15. Jahrh., in Frankreich Mitte des 16. Jahrh. an zu sammeln; die erste deutsche Sammlung: Inscriptioues saerosauctae vetustatiso, gaben P. Apianus und B. Amantius (Ingolstadt 1534) auf Kosten R. Fuggers heraus. Von den Holländern ist M. Smetius aus Brügge zu nennen, dessen vorzügliche Sammlungen erst später durch Lipsius (Leid. 1588) herausgegeben wurden. In die zweite Hälfte des 16. Jahrh. fallen auch die besonders für die lateinische E. verhängnisvollen großartigen Fälschungen des neapolit. Architekten Pirro Ligorio, welche bis in das 19. Jahrh. herab in den Inschriftensammlungen eine bedeutende Rolle spielen; am wenigsten noch in den von Janus Gruter herausgegebenen «Inscriptiones antiquae totius orbis Romanuso (Heidelb. 1602—3; neue vermehrte Ausg. von J. J. Grävius, Amsterd. 1707). Die Anregung zu diesem Unternehmen war von J. Scaliger ausgegangen, der auch fast 10 Monate seines Lebens dazu verwendete, um einen musterültigen epigraphischen Index dazu anzufertigen. arauf folgte die große Sammlung von L. A. Muratori, WNovus thesaurus veterum inscriptionum» (Mail. 1739—42, mit Ergänzungen von Seb. Donati, Lucca 1765). An der Spitze der neuern Epigraphiker stehen ohne Frage Gaktano Marini (1742—1815), dessen epochemachendes Werk 4Gli atti dei fratelli Arvali-Giom) 1795 erschien, und sein Schüler Bartolomeo Borghesi (1781-1860), dessen zerstreute Aufsätze in den &Ocuvres épigraphiques» (Par. 186469) I wurden. Da sich das epigraphische Material von Jahr zu Jahr mehrte, so wurde das Bedürfnis nach einem neuen «Corpus inscriptionumo schon längst lebhaft empfunden; besonders war es Olaus Kellermann, ein dän. Gelehrter, der sich mit diesem riesigen Plane trug, aber durch den Tod (1837) an der Ausführung gehindert wurde; auch franz. Projekte hatten keinen Erfolg, bis die berliner Akademie die Sache in die Hand nahm und nach längerm Schwanken die Aufgabe dem bedeutendsten der jetzt lebenden Epigraphiker, Th. Mommsen, übertrug, dessen eInscriptiones regni Neapolitanis bereits (Lpz. 1852) erschienen waren. Dem ersten Bande des „Corpus inscriptionum latinarumo (Berl. 1863), der die Inschriften republikanischer Zeit zusammenfaßte, gingen als Vorläufer die von Ritschl bearbeiteten Priscae latinitatis monumenta epigraphicas (Berl. 1862) voran; dann erschienen die weitern Bände nach der geogr. Reihenfolge der röm. Provinzen geordnet, bearbeitet von Mommsen, Henzen, Hübner, Zangemeister u. a. Die von Wilmanns gesammelten afrik. Inschriften im achten Bande wurden 1881 von Mommsen herausgegeben. Das riesige Werk nähert sich jetzt bereits seinem Ende; es fehlen nur noch außer Gallien einige Teile von Italien. Die nötigen Ergänzungen bietet die Ephemeris epigraphica (Berl. 1872, von der bisjetzt vier Bände erschienen sind). Eine sehr nützliche Auswahl der wichtigsten lat. de Borsn als Hilfsmittel besonders für akademische Vorlesungen bietet das Werk von G. Wilmanns Exempla inscriptionum latinarumo (2 Bde., Berl. 1873). Vgl. auch Hübner, «Handbuch der römischen E. (Berl. 1877), und den Artikel eInscriptionso in der Encyclopaedia Britanuica (1881). Die in dem «Corpusv nicht berücksichtigten Inschriften der italischen Dialekte sind gesammelt von A. Fabretti, «Corpus inscriptionum italicarumo (Tur. 1867, mit Glossar und mehrern Nachträgen), ferner von Lepsius, Inseriptiones Umbricae et Oscaer (Epz. 1841) und Zvetaieff, „Sylloge inscriptionum oscarumo (Petersb. 1878); wegen des Etruskischen ist auch Corssen, »Sprache der Etruskero (Lpz. 1874), zu nennen. Die griechische E., obwohl bis in das 19. Jahrh. neben der lateinischen meist stiefmütterlich behandelt, erlangte dennoch neuerdings früher als erstere auf Veranstaltung der berliner Akademie ein zusammenfassendes 4Corpus inscriptionum graecarumv», begonnen von A. Böckh, dann fortgeführt von Joh. Franz E. Curtius und A. Kirchhoff (4 Bde., Berl. 1828—77). Allein diese für die damalige Zeit hoch bedeutende Leistung, um die sich Böckh ein hervorragendes Verdienst erwarb, genügt 571 nicht mehr; namentlich weil damals die Mittel fehlten, den Orient bereisen und eigene Abschriften anfertigen zu lassen. Auch das Material hat sich inzwischen stark vermehrt. Das Böckhsche „(Corpusv ist daher partiell ersetzt gleichfalls auf Veranlassung der berliner Akademie durch die Unscriptiones graecae antiquissimaen, herausgegeben von H. Röhl (Berl. 1882) und das «Corpus inscriptionum atticarumo, herausgegeben von A. Kirchhoff, U. Köhler, W. Dittenberger (Berl. 1873 fg.). Für den Rest sind wir immer noch anewiesen u. a. auf drei große Sammlungen: die in Athen seit 1837 mit längern Unterbrechungen unter der Redaction erst von Pittakis, dann der Archäologischen Gesellschaft erscheinende KArchacologike Ephemeris (Athen 1843 fg.), A. Rangabeés „Antiquités Helléniquese (Bd. 1, Athen 1842; Bd. 2, 1857) und Phil. Le Bas' Inscriptions grecques et latines recueillies en Grèce et en Asie mineurer (Par. 1847 fg.), deren Bearbeitung von Waddington fortgesetzt wurde und jetzt von Foucart zu Ende geführt wird. Zur Einführung in das Studium ist außer Franz, Elementa epigraphices graecaen (Berl. 1840), auch C. T. Newton, Die griech. Inschrifteno (übersetzt von J. Imelmann, Hannov. 1881) zu empfehlen. Dialektisch wichtige Inschriften sind zusammengestellt von P. Cauer, Delectus inscriptionum graecarum propter dialectum memorabiliumo (Lpz. 1877), historisch wichtige von Hicks, Ilistorical inscriptionso (Oxf. 1881). Für die Geschichte der griech. Schrift besonders der ältern Zeit ist die bedeutendste Leistung die von A. Kirchhoff, «Studien zur Geschichte des griech. Alphabetso (3. Aufl., Berl. 1876). Dieschristliche E. wird in Deutschland weniger gepflegt. Das griech. «Corpuso hat zwar nicht die christlichen prinzipiell ausgeschlossen, bietet aber doch im vierten Bande eine mangelhafte und willkürliche Auswahl; das lateinische hat die christlichen E. fast gänzlich ausgeschlossen. Hier laufen die Fäden zusammen in Rom bei G. B. de Rossi, dem Herausgeber der Inscriptiones christianae urbis Romae VII saeculi antiquioreso (Rom 1857 fg.). Landschaftlich geordnete Sammlungen lieferten Le Blant, «Inscriptions chrétiennes de la Gaules (Par. 1855—56) und Hübner, eInscriptiones christianae Hispaniaes (Berl. 1871) und Inscriptiones Britaniae christianae (Berl. 1876). nennt man in der beschreibenden Botanik diejenigen Blüten, bei denen sämtliche Blütenteile höher stehen als der Fruchtknoten. (S. Blüte und Tafel: Blüte und Blütenstand, Fig. 17.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 223Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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