FeedFischer (Ernst Kuno Berthold)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Fischer (Ernst Kuno Berthold), hervorragender deutscher Philosoph, geb. 23. Juli 1824 zu Sandewalde in Schlesien, wo sein Vater Prediger war, erhielt seine Vorbildung zur Universität auf dem deutschen Gymnasium zu Posen und studierte dann seit Ostern 1844 311 in Leipzig Philologie, dann Theologie und Philosophie zu Halle, wo er auch 1847 promovierte. Nachdem er Jan. 1848 bis Aug. 1850 als Hauslehrer zu Pforzheim gelebt, habilitierte er sich Michaelis 1850 an der Universität zu Heidelberg für Philosophie, wo seine Vorlesungen alsbald ungewöhnlichen Beifall fanden. Im Juli 1853 entzog ihm jedoch ein Ministerialreskript, ohne dafür Gründe anzugeben, die Erlaubnis zum Halten von Vorlesungen, welche Maßregel in Deutschland Aufsehen erregte. F. lebte hierauf zu Heidelberg in Gemeinschaft mit Gervinus und Strauß seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Im Herbst 1855 wandte er sich nach Berlin, um sich daselbst von neuem zu habilitieren, doch wurde ihm vom Ministerium Raumer auf Grund des bad. Verbots die Erlaubnis dazu verweigert. Erst auf Verwenden der Fakultät ward ihm durch Kabinettsordre des Königs im Sept. 1856 die Habilitation gestattet. Kurze Zeit vorher hatte indes F. einen Ruf als Professor nach Jena erhalten, dem er auch Folge leistete. Im Dez. 1856 siedelte er nach Jena über und begann hier seine Vorlesungen vor einem Zahh und Bez⸗ wie er sich an dieser Universität an Zahl und Begeisterung seit den Zeiten Schillers und Fichtes nicht wieder zusammengefunden hatte. Er 1862 vom Großherzog von Weimar den Titel eines Geh. Hofrats. Im Winter 1865—66 begleitete er den Erbgroßherzog nach Italien und Sicilien, 1870 lehnte er einen Ruf nach Wien ab, folgte jedoch 1872 demjenigen an die Universität Heidelberg, wo er seitdem eine ebenso glänzende Lehrhaftigkeit, wie früher in Jena entwickelt. Er wurde vom Großherzog von Baden zum Geheimrat ernannt und ist Mitglied der Accademia dei Lincei zu Rom. Als Philosoph gehört F. der Richtung Hegels an. Seine ersten schriftstellerischen Leistungen waren: „Diotima. Die Idee des Schönen» (Pforzh. 1849) und «Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehrey (Stuttg. 1852). Das erstere Werk enthält in Briefform eine Entwickelung der ästhetischen Grundbegriffe, wie sie durch Hegel und zum Teil durch seine Schüler ausgebildet worden. Das letztere umfaßt eine kompendiarische Darstellung der Hegelschen Logik als Leitfaden für akademische Vorlesungen. Eine zweite, ganz umgearbeitete Auflage erschien Heidelberg 1865. 55 Hauptwerk ist jedoch die „Geschichte der neuern Philosophies (Bd. 1—6, Buiveig u. Heidelb. 1852—77; 2. Aufl., Bd. 1—4, Heidelb. 1865—69; 3. Aufl., Bd. 1—4, Münch. 1878—82), welche in einer Reihenfolge von Monoraphien Descartes und seine Schule, Spinoza, Leibniz und seine Schule, Kant, Fichte, Schelling meisterhaft entwickelt. Als ein besonderes Werk erschien: Francis Bacon und seine Nachfolgero (Opz. 1856; 2. Aufl. 1875). Diesen umfassenden Arbeiten schlossen sich eine Reihe von kleinern Schriften, meist Reden und Vorträge, an, wie »Schiller. Drei Vorlesungeno (Frankf. 1858) und 4Friedr. Schiller. Akademische Festrede (Lpz. 1860); ferner: 4Kants Leben und die Grundlagen seiner Lehre. Drei Vorträger (Mannh. 1860), Joh. Gottlieb Fichtes und «Die beiden Kantschen Schulen in Jena (zusammen Stuttg. 1862), 4Lessings Nathan der Weisen (Stuttg. 1864; 3. Aufl. 1881), Lessing als Reformator der deutschen Litteraturo (2 Tle., Stuttg. 1881), 4Goethes Faust (Stuttg. 1878), 4Baruch Spinozas Leben und Charakter» (Heidelb. 1865), „Shakspeares Charakterentwickelung Richards III.“ (Heidelb. 1868), «über die Entstehung und die Entwickelungsformen des Witzes » (Heidelb. 1871), Anti-Trendelenburg » (1. u. 2. Aufl., Jena 1870). F. bekundet als Lehrer wie als Schriftsteller ein glänzendes Talent für den didaktischen und rednerischen Vortrag. Seine Darstellungen der philos. Lehren und Systeme sind meisterhaft in Bezug auf Gründlichkeit, Vollständigkeit und Klarheit, und auch seine Sprache ist von untadelhafter Durchsichtigkeit und Natürlichkeit. Die Schriften F.s zählen deshalb zu den besten Leistungen der deutschen philos. Litteratur in neuerer Zeit. Besonders durch denjenigen Teil seines Hauptwerks, der über Kant handelt, hat er auf die philos. Bewegung der letzten beiden Jahrzehnte einen großen Einfluß ausgeübt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 842Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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