Fliedner (Theod.), der Begründer des evang. Diakonissenwerks, geb. 21. Jan. 1800 zu Epstein in Nassau als Sohn eines Predigers, studierte nach dem frühen Tode des Vaters (1813) unter dürftigen Verhältnissen seit 1817 Theologie in Gießen und Göttingen, später auf dem Seminar zu Herborn. Darauf ward F. Hauslehrer in Köln und übernahm 1822 das Pfarramt in der kleinen, armen evang. Gemeinde zu Kaiserswerth. Um ihrer Armut abzuhelfen, sammelte F. Gaben in wohlhabenden Nachbargemeinden und machte eine 14monatige Kollektenreise durch Holland und England. Hier fühlte er sich teils durch die presbyteriale Kirchenverfassung, teils durch die zahlreichen blühenden Wohlthätigkeitsanstalten mächtig angeregt. Daher begründete 0 18. Juni 1826 den Rheinisch-Westfälischen Gefängnisverein zu Düsseldorf, im Sept. 1833 in einem Gartenhause seines Pfarrgartens ein Asyl und Magdalenenstift für entlassene weibliche Gefangene. Im J. 1835 errichtete F. die erste Kleinkinderschule in Düsseldorf, eine Einrichtung, welche vom deutschen Pfarrer Oberlin ins Leben gerufen worden war, aber dann in Frankreich und England besonders gepflegt wurde. Im J. 1836 folgte in Verbindung mit einer Kleinkinderschule in Kaiserswerth die erste Bildungsanstalt für Kleinkinderlehrerinnen, welche hernach zu einem Seminar für Lehrerinnen an Elementar⸗ und höhern Schulen erweitert wurde. Weit wichtiger noch ward die Heranbildung weiblicher Kräfte zur Krankenpflege. Am 30. Mai 1836 wurde der Rheinisch-Westfälische Diakonissenverein begründet, am 13. Okt. desselben Jahres das Diakonissenmutterhaus in Kais erswerth. Rach seinem Muster sind an andern Orten bereits 53 selbständige Diakonissenmutterhäuser begründet. Zahlreiche Schwestern sind hier für Kranken⸗„Armen⸗, Kinder⸗, Gefangenen⸗ und Magdalenenpflege, für Mägdeherbergen und auch solche für den Unterricht in Kleinkinderschulen und andern Lehranstalten gebildet worden. Besonders erwähnenswert sind die großen Pensionate und höhern Töchterschulen in Hilden, Florenz, Beirut und Smyrna. Mit der eigentlichen Diakonissenbildungsanstalt verband er Dendlein außer der in Kaiserswerth bereits bestehenden Kleinkinderschule und dem Asyl (mit Magdalenenstift) zunächst ein Krankenhaus (1836), das seitdem auf 120 Betten erweitert worden ist, dann ein Waisenstift für Mädchen aus den mittlern Ständen (1842), ein Seminar für Lehrerinnen (1847), in welchem auch die Lehrschwestern ihre Ausbildung erhalten, eine Heilanstalt für weibliche Gemütskranke (1852), ein Feierabendhaus für die alten und kranken Schwestern (1854) und eine Diakonissenschule zur Heranbildung jüngerer Mädchen (1864). .s Anstalt zu Kaiserswerth ist nicht nur das Mutterhaus für viele ähnliche Stiftungen, sondern auch Muster und Vorbild für zahlreiche Diakonissenbäuser in und außerhalb Deutschlands geworden. Die letztern wurden fast sämtlich entweder durch F. unmittelbar ins Leben gerufen oder wenigstens von ihm durch Rat und That gefördert. Alle diese Institute wurden von Kaiserswerth aus durch F. geleitet und unterstützt. In den J. 1851 und 1856—57 besuchte er den Orient. Dort gründete er die Hospitäler in Jerusalem, Konstantinopel und Alexandria, die Waisenerziehungshäuser in Smyrna, Jerusalem und Beirut. Obgleich bei seiner Rückkehr körperlich leidend, widmete er sich doch fortgesetzt mit rastlosem Eifer der Anstalt in Kaiserswerth wie überhaupt dem Diakonissenwerke bis zu seinem Tode, welcher 4. Okt. 1864 erfolgte. Bis dahin waren bereits mehr als 100 Stationen in Armen⸗, Kranken⸗, Waisen⸗, Erziehungs⸗ und Gefangenenhäusern von 430 Schwestern besetzt; außerdem wirkten noch zahlreiche zu Kaiserswerth gebildete Lehrerinnen in allen Ländern Curopas. Die Anstalten zu Kaiserswerth sind seit 1836 aus dem kleinen Gartenhause zu Straßen mit stattlichen Gebäuden angewachsen, in denen täglich 550—560 Menschen beköstigt werden. Die Zahl der Stationen war 1883 bereits auf 187 mit insgesamt gegen 650 Schwestern und einer jährlichen Ausgabe von über 600000 Mark gestiegen. F.s Schriften sind meist ascetischen und pädagogischen Inhalts. Unter denselben ist das Buch der Märtyrero (3 Bde., nebst Supplement, Kaisersw. 1853—60) hervorzuheben. Seine Witwe, Karoline, geb. Bertheau, Schülerin der Amalie Sieveking in Hamburg, welche seit 1843 seine Gehilfin auch in seiner amtlichen Thä-Ater gewesen ist, hat sich im Frühjahr 1883 wegen Altersschwäche von der Leitung des Werks zurückziehen müssen. Sein Schwiegersohn, Pastor Disselhoff, sein ältester Sohn Georg und seine zweite Tochter stehen den jährlich über 50 000 Kranke, Elende und Hilfsbedürftige aller Art versorgenden Anstalten vor. Fliedner (Fritz), Sohn des vorigen, geb. 10. Juni 1845 zu Kaiserswerth, studierte 1864—67 in Halle und Tübingen Theologie, wurde 1870 als evang. Prediger in Madrid angestellt und ist seitdem zugleich für die Evangelisation Spaniens thätig durch Gründung evang. Gemeinden und Schulen leines Waisenhauses, eines Hospitals, zweier Buchhandlungen in Madrid und Barcelona und eines christl. Gymnasiums) und Verbreitung pädagog. Schriften. Er ist Herausgeber des Amigo de la Infancia und der Revista cristianao.