Fliegen nennt man die Bewegung eines Körpers durch die Luft auf größere Entfernungen hin. Die zu dem F. nötige Propulsion kann entweder auf den Körper von außen einwirken (passives F.) oder aktiv von dem Körper selbst entwickelt werden. So fliegt eine Kugel durch einen Stoß oder durch die von plötzlich sich entwickelnden Gasen erzeugte Spannkraft fortgetrieben, ein Ballon, der durch die Leichtigkeit des in ihm enthaltenen Gases, ein Samenkorn, das durch seine gespreizte Faserkrone in der Luft schwebt und vom Winde bewegt wird, ein Fallschirm, dessen Fläche dem Fallen Widerstand leistet und den ebenfalls der Wind weiter treibt. Das aktive F. bedarf eigener Organe, welche einerseits die nötige Kraft entwickeln, um durch Schlagen der Luft dieselbe unter sich zu verdichten, und andererseits fallschirmähnlich eine genügende Oberfläche bieten, um das Fallen zu verhindern. (S. Fallschirm.) Diese organischen Einrichtungen finden sich unter den Wirbeltieren bei den meisten Vögeln, einigen Säugetieren und Fischen, unter den Wirhellosen bei den meisten Insekten. Bei fast sämtlichen fliegenden Wirbeltieren sind es die vordern Brustgliedmaßen, welche zu diesem Zwecke modifiziert sind. Am wenigsten ist dieses der Fall bei den fliegenden Eichhörnchen und Beuteltieren, wo nur zwischen den Gliedmaßen und dem Körper eine mehr oder minder breite Hautfalte ausgespannt werden kann, welche als Fallschirm dient. Ausnahmsweise ist bei den kleinen ind. Eidechsen, fliegende Drachen Draco volitans) genannt, ebenfalls ein Fallschirm durch eine zwischen den verlängerten und seitlich hervorstehenden Rippen angebrachte Haut hergestellt. Bei den Fliegenden Fischen (s. d.) sind die Brustflossen zu Fallschirmen vergrößert. Bei den Fledermäusen und Vögeln ist die ganze vordere Ertremität umgewandelt, der Schultergürtel stark befestigt zur Stütze des Luftruders, welches die Luft schlägt und das bei den Fledermäusen durch eine zwischen den außerordentlich verlängerten Fingern ausspannbare Haut, bei den Vögeln durch die Federn des Flügels hergestellt ist. Bei den vorweltlichen Pterodaktylen war eine den Fledermäusen ähnliche Organisation vorhanden, indem zwar ebenfalls eine Flughaut existierte, die aber nur durch den sehr verlängerten letzten Finger gespannt wurde. Bei den Insekten sind die Flügel aus Rückenschuppen hervorgegangen und ursprünglich stets vier Flügel vorhanden, welche auf dem zweiten und dritten Brustringe stehen. Bei den zweiflügeligen Insekten (Dipteren) sind aber die hintern Scwi bei den Strepsipteren die vordern zu sog. Schwingkölbchen (Halteren) verkümmert und bei allen Käfern dienen die vordern Flügel nur als Decken. Zum F. selbst dienen dann noch weitere Einrichtungen, die darauf hinzielen, den Körper leichter zu machen. Bei den Vögeln entwickeln sich Luftsäcke, die von den Atemorganen aus mit warmer Luft gefüllt werden und sich in die Knochen verzweigen, sodaß diese hohl werden; bei den Insekten entwickeln sich die Luftgänge (Tracheen) im Innern des Körpers zu großen Kanälen und Blasen, die ebenfalls mit Luft vollgepumpt werden. Die Bewegungen selbst, welche mittels der Flügel ausgeführt werden, sind sehr verschiedener Natur und es wird dabei oft eine staunenswerte Kraft und Ausdauer entwickelt. Schon Aristoteles versuchte das F. zu erklären, aber erst Borelli (De motu animaliumo, 1680) legte den Grund zur Theorie des F. In neuerer Zeit haben besonders Prechtl (Untersuchungen über den Flug der Vögels, Wien 1846), der Franzose Marey (La machine animale. Locomotion ter-( restre et aërienneo, Par. 1874) und der Engländer Pettigrew (Die Ortsbewegung der Tierev, Bd. 10 der «Internationalen wissenschaftlichen Bibliothekos, Lpz. 1875) höchst sinnreiche Versuche angestellt, welche die Mechanik des F. der Insekten und Fliegen erläutert haben. Die Anhänger Borellis leiten den Flug von dem keilartigen Wirken der Flügel her, die als schiefe Ebenen auf die Luft schlagen, welch letztere dann rückwirkend den Flieger hebt oder vorwärts treibt. Nach Pettigrew vermögen die Flügel während ihrer Thätigkeit sich auf- und abzuwinden und achterförmige Linien zu beschreiben, wodurch die rückwirkenden, treibenden Luftströme entstehen. Obwohl der anatom. Bau des fliegenden Tiers vielerlei das F. begünstigende Umstände nachweist, so bleibt doch für das Studium des F. die Ergründung der Haupteigenschaften der Flugorgane die Hauptsache, weshalb auch die neuere Forschung; durch vielseitige Beobachtung des Flugs, der dabei thätigen Flügel, sowie durch Anfertigung künstlicher Flügel die Elemente für die wahre Theorie des Flugs zu gewinnen sucht. Daß beim Flug die eigentümliche Gestalt des Fliegenden, der Anlauf beim Auffliegen u. dgl. m. von Einfluß ist, wird auch von den modernen Beobachtern und Forschern zugegeben. Die Geschwindigkeit der Fliegenden ist in der Regel eine große und erreicht bei Raubvögeln, Brieftauben 15 m für die Sekunde und auch darüber; bei der Stubenfliege nahezu 8 meper Sekunde. Der künstlichen Nachahmung des Flugs mittels Flugmaschinen wird schon frühzeitig gedacht (Sage von Dädalus ss. d.] und Ikarus); aber erst Borelli und viel später Laurent, Besnier, Degen, Henson, Springfellow, Landelle u. v. a. haben die Anfertigung von Flugmaschinen, jedoch ohne wirkuche Erfolg, versucht. Die Möglichkeit eines solchen wird von vielen Theoretikern verneint; Pettigrew ist jedoch der Ansicht, daß es vielleicht einst noch glücken könne, die richtigen Flugflächen für die Luftschiffahrt (s. d.) zu erfinden. Vgl. Schlotter, «über das mechan. Prinzip des Flugs und dessen Anwendung auf die Luftschiffahrto (Gera 1874).