Flottwell (Adalbert von), preuß. Staatsmann, Sohn des vorigen, geb. 3. Febr. 1829 zu Marienwerder, besuchte die Landesschule zu Pforta, widmete sich dann dem Studium beider Rechte und wurde 1859 Regierungsassessor zu Posen. Nachdem er 1861—67 die Stelle eines Landrats im Kreise Meseritz bekleidet hatte, wurde er 1867 als Hilfsarbeiter in das Ministerium des Innern berufen, und übernahm 1868 als Landesdirektor die innere Verwaltung des Fürstentums Waldeck, welche infolge des Accessionsvertrags vom 18. Juli 1867 an Preußen übergegangen war. Auf den Wunsch des Fürsten Leopold trat er 1. April 1872 in die Regierung von Lippe-Detmold über, um als Nachfolger des Ministers von Oheimb eine Vermittelung mit der liberalen Majorität des Landes, welche die Wiederherstellung des demokratischen Wahlgesetzes vom 16. Jan. 1849 forderte, zu versuchen. Alle darauf gerichteten Bemühungen scheiterten jedoch, und F. legte im Jan. 1875 sein Amt nieder, um als Regierungspräsident von Marienwerder wieder in den preuß. Staatsdienst zurückzukehren. Nachdem er in dieser Stellung bis 1880 geblieben und während dieser Zeit zugleich den 7. marienwerder Wahlbezirk im Reichstage vertreten hatte, wurde er als Bezirkspräsident von Lothringen nach Metz berufen. lourens (Marie Jean Pierre), franz. Arzt und Physiolog, geb. 15. April 1794 zu Maureilhan (Depart. Herault), kam 1814 nach Paris, wo er in enge Beziehungen zu de Tuant Georges und Fredéric Cuvier, Destut de Tracy, Geoffroy Saint-Hilaire u. a. trat. Seine ersten wissenschaftlichen Schriften, die sich durch Klarheit des Stils und Präcision der Analyse auszeichneten, erschienen 1819. Am Atheneum zu Paris hielt er 1821 eine Reihe Vorlesungen über die physiol. Theorie des Gefühls und überreichte zu derselben Zeit der Akademie der Wissenschaften mehrere Denkschriften, welche die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise durch ihre vorzüglichen Untersuchungen über den menschlichen wie tierischen Organismus auf sich zogen. F. wurde 1828 Mitglied der Akademie der Wissenschaften in der Abteilung Economie rurale, erhielt 1830 den Lehrstuhl für vergleichende Anatomie im Königlischen botan. Garten, wurde 1832 Titularprofessor am Museum, 1833 Sekretär der Akademie der Wissenschaften und 1840 in die Französische Akademie gewählt. Das Arrondissement Beziers sandte ihn 1837 in die Kammer, wo er auf der Linken Platz nahm, ohne sich jedoch in den Parteikampf zu mischen. Ludwig Philipp erhob ihn 1846 zum Pair von Frankreich, doch blieb er unausgesetzt Professor. F., der neben tiefem Wissen ein großes Schriftstellertalent besaß und es verstand, Gegenstände der Wissenschaft in einer eleganten und würdigen Weise zu behandeln, starb 6. Dez. 1867 zu Montgeron bei Paris. Unter seinen Schriften sind eine Anzahl von Untersuchungen und Abhandlungen zur Anatomie und Physiologie des Gehirns und des Nervensystems hervorzuheben, unter andern; Recherches expérimentales sur les propriéëtés et les fonctions du système nerveux dans les animaux vertébrés (Par. 1824, deutsch von Becker, mit Vorrede, Lpz. 1820), Expériences sur le système nerveux, faisant suite aux recherches expérimentales (Par. 1825, deutsch von Becker, Lpz. 1826), eins seiner Hauptwerke, mit denen er seinen wissenschaftlichen Ruf begründete. Demselben folgten außer zahlreichen Abhandlungen in den Mémoiresv der Akademie: 4Cours sur la génération, P'ovologie et bembryologie v (Par. 1836), «Recherches sur le développement des os et des dentso (Par. 1842), „Anatomie générale de la peau et des membranes muqueuseso (Par. 1843), 4Mémoires d'anatomie et de physiologie comparéeso (Par. 1844), KThéorie expérimentale de la formation des oso (Par. 1847). F. war der erste, der in diesem Werke das große Gesetz des Lebens durch Versuche nachwies, daß die Materie sich ohne Aufhören verändert und erneuert, daß aber die Kraft bestehen bleibt. Die Berichte der Akademie der Wissenschaften aus dem J. 1847 enthalten mehrere Denkschriften von F. über die Wirkungen des Einatmens von Ather, damals noch ganz unbekannt, und er war der erste, der die Wirksamkeit des Chloroforms kennen lehrte. Später erschien noch KCours de physiologie comparéer (Par. 1855). Neben seinen rein fachwissenschaftlichen Arbeiten hat F. seit 1841 auch eine Reihe von Werken philos. Inhalts veröffentlicht. Dahin gehören: Analyse raisonnée de travaux de George Cuviero (Par. 1841 u. öfter), «Buffon, histoire de ses travaux et de ses idées (Par. 1844 u. öfter), De P'instinct et de Pintelligence des animauxo (Par. 1841 u. öfter), Examen de la phrénologier (Par. 1842 u. 1845), (Fontenelle, ou de la philosophie moderne relativement aux sciences physiqueso (Par. 1847), «Histoire de la découverte de la circulation du sango (Par. 185%0), De la longévité ou de la quantité de vie sur le globe o (Par. 1854 u. öfter), „De la vie et de Pintelligences (Par. 1858). Von 1853 bis 1855⁵ gab 5 die «Oeuvres de Buffono heraus. In seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte er: „Hloges historiques o (3 Bde., Par. 1856—62), „Examen du livre de M. Darwino (Par. 1864), De punité de composition et du débat entre Cuvier et Geoffroy Saint-Hilairep (Par. 1865). lourens (Gustave), franz. sozialdemokratischer Schriftsteller, Sohn des vorigen, geb. 4. Aug. 1838 zu Paris, studierte Naturwissenschaften und wurde 1863 Steilvertreter seines Vaters für den Lehrstuhl der Naturgeschichte am College de France, wo seine freisinnigen Ansichten ihn mit dem Klerus verfeindeten, der es bald dahin zu bringen wußte, daß seine Vorlesungen verboten wurden. F. ging nach Belgien, ließ hier unter dem Titel «Histoire de bhommev seinen pariser Lehrkursus drucken und hielt polit. Vorträge in Brüssel und Lüttich. Nachdem er mehrere Jahre in Konstantinopel, Griechenland und Italien zugebracht, zu der Begründung der Zeitung LIIndépendance helléniques beigetragen und sich in Kreta eine Zeit lang an die Spitze der Aufständischen gestellt hatte, kehrte er 1868 nach Paris zurück, wo er an allen revolutionären Umtrieben Anteil nahm, aber nach der Niederwerfung der von ihm geleiteten Meuterei zu Belleville 7. Febr. 1870 genötigt wurde, ins Ausland zu flüchten, von wo ihm die Ereignisse des 4. Sept. die Rückkehr nach Paris ermöglichten. Er traf sogleich neue Anstalten zu aufrührerischen Unternehmungen und stellte sich eigenmächtig an die Spitze von fünf Bataillonen der Nationalgarde in Belleville und Menilmontant. Als dann später die provisorische Regierung Verhaftsbefehle gegen die Hauptanstifter des Aufruhrs erließ, konnte sich F. längere Zeit allen Nachsuchungen entziehen, bis er 7. Dez. in Créteil bei Vincennes verhaftet und nach dem Gefängnis von Mazas gebracht wurde, woraus ihn seine Tirailleure in der Nacht vom 21. zum 22. Jan. gewaltsam befreiten. Nachdem 18. März 1871 die Sozialisten sich zu Herren von Paris gemacht und die Commune proklamiert hatten, wurde F. im 19. und 20. Arrondissement zum Mitgliede derselben gewählt und zum Obersten ernannt. Als solcher erhielt er vom Kriegsdelegaten 2. April den Befehl, mit einer Kolonne von Föderierten an dem Ausfall gegen Versailles teilzunehmen, und besetzte 3. April den Eisenbahnhof von Rueil bei Malmaison, als er sich plötzlich von einer aus Versailles gekommenen Patrouille Gendarmen eingeschlossen sah. Bei dem sich hierbei entwickelnden Handgemenge wurde F. getötet. Außer polit. Flugschriften veröffentlichte er das wissenschaftliche Werk: «Science de 'homme v (Bd. 1, Par. 1869).