FeedGauß (Karl Friedr.)
HimmelskundeBrockhaus 1882

Gauß (Karl Friedr.), einer der größten Mathematiker, wurde geboren 30. April (nicht 20. April, wie bisweilen irrtümlich angegeben wird) 1777 in Braunschweig, wo sein Vater den Titel eines Wasserkunstmeisters führte. Er kam mit dem 7. Jahre in eine Volksschule, mit dem 11. auf das Gymnasium und gab auch hier so deutliche Beweise großer Talente, daß er die Aufmerksamkeit des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig auf sich zog, der seine fernere wissenschaftliche Ausbildung auf alle Weise unterstützte. Im Febr. 1792 kam er in das Collegium Carolinum, und nachdem er seit 1795 zu Göttingen studiert und seit 1798 zu Braunschweig und Helmstedt privatisiert hatte, ward er 1807 zum Professor und Direktor der Sternwarte zu Göttingen, 1816 zum Hofrat, 1845 zum Geh. Hofrat ernannt. Er starb daselbst 23. Febr. 1855. Sein Denkmal (Bronzestatue, von Schaper entworfen, von Howaldt gegossen) unweit des Wendenthors auf der Promenade am Gaußberg zu Braunschweig, zu welchem bei der Säkularfeier 30. April 1877 der Grundstein gelegt worden war, wurde 27. Juni 1880 enthüllt. Bereits in seiner Doktordissertation 1799 zeigte G. seinen Scharfsinn, indem er die frühern Bemühungen, den Hauptsatz der Algebra zu beweisen, einer scharfen Kritik unterwarf und selbst einen neuen, strengen Beweis desselben lieferte. Eine Umarbeitung dieser Abhandlung gab er in einer 1849 in der Societät der Wissenschaften gehaltenen Vorlesung, welche in deren Abhandlungeno (Bd. 4, Gött. 1851) abgedruckt wurde. Noch glänzender entwickelte er seine Kräfte in den schon 1795 begonnenen und vier Jahre im Druck hingezogenen Disquisitiones arithmeticae (Lpz. 1800), einem Werk voll der feinsten mathem. Spekulation, durch welches die höhere Arithmetik mit den schönsten Entdeckungen bereichert worden ist. Als zu Anfange des 19. Jahrh. die neuen Planeten entdeckt wurden, fand G. neue Methoden zur Berechnung ihrer Bahnen; unter den Methoden zur Bahnberechnung ist namentlich die bereits 1795 erfundene Methode der kleinsten Quadrate berühmt geworden. Er veröffentlichte dieselben in einem andern seiner Hauptwerke, der «Theoria motus corporum coelestiump (Hamb. 1809; deutsch von Haase, Hannov. 1865), die viel dazu beigetragen hat, dem um diese Zeit erwachenden Sinne für genauere astron. Beobachtungen die rechte Richtung zu geben. Auch seine Theoria combinationis observationum erroribus minimis obnoxiae (Gött. 1823) war eine wesentliche Bereicherung der Wissenschaft. Mit praktisch-astron. Arbeiten hatte G. sich schon während seines Aufenthalts in Braunschweig vielfach beschäftigt. Die göttinger Sternwarte, welche seit 1755 bestanden, bot dazu vergrößerte Hilfsmittel dar, noch mehr aber die neue Sternwarte, deren Bau zwar schon 1803 begonnen, aber durch die Zeitverhältnisse lange unterbrochen gewesen war, bis er 1811 unter G.' Leitung wieder aufgenommen und 1817 vollendet wurde. Im Auftrage der Regierung setzte er seit 1820 die dän. heretzenen im Königreich Hannover fort, bei welcher Gelegenheit er auch nach einer andern Seite hin den Reichtum seines Geistes bekundete. Er erfand unter anderm den Heliotropen, stellte für die Prosizierung der auf der Sphäre liegenden Dreieckspunkte auf die Ebene der Karte neue Regeln auf und bediente sich zur Kompensation der Messungsfehler der bereits erwähnten Methode der kleinsten Quadrate. Die Genauigkeit seiner Triangulation übertraf alle frühern Leistungen dieser Art. Neben seinen mathem. und astron. Arbeiten und der Ausführung umfangreicher Regierungsaufträge pflegte G. sich von jeher mit einem oder dem andern Gegenstande der Physik iw Feit u beschäftigen. eit der Ankunft Wilhelm Eduard Webers (s. d.) in Göttingen wandte G. seine Aufmerksamkeit besonders dem Erdmagnetismus zu. Das von ihm erfundene Magnetometer eröffnete hier ein ganz neues Feld der Beobachtung. Mit diesen Studien aufs engste verknüpft war die Theorie des Elektromagnetismus, die G. mit besonderm Interesse verfolgte, da er die Erfolge einer richtigen Benutzung dieser Kraft für die Telegraphie, deren wissenschaftlicher Begründer er ist, mit klarem Blick voraussah. Mit Weber führte er auch die erste Anlage eines elektromagnetischen Telegraphen (s.d.) in Göttingen zwischen dem physik. Kabinett und der eine Viertelstunde davon entfernten Sternwarte und dem magnetischen Observatorium aus. Mit Weber gab „ die 4Resultate aus den Beobachtungen des Magnetischen Vereinso (6 Bde., Gött. 1837—43) nebst KAtlas des Erdmagnetismus (3 Bde., Lpz. 1840) heraus. Andere Gebiete der Physik betreffen die Allgemeinen Lehrsätze in Beziehung auf die im verkehrten Verhältnisse des Quadrats der Entfernung wirkenden Anziehungs⸗ und Abstoßungskräftey (Lpz. 1840) und die Dioptrischen Untersuchungeno (Gött. 1843). In der letzten Zeit beschäftigte sich G. vorzugsweise mit der Theorie der Geodäsie, über welche er Untersuchungen über Gegenstände der höhern Geodäsiez (2 Abteil., Gött. 1845 — 47) veröffentlichte. Alle seine Schriften zeichnen sich durch große Klarheit und Schärfe der Entwickelung wie durch Einfachheit in der Darstellung aus. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften, die in den astron. Fachjournalen, Poggendorffs namentlich aber in den Abhandlungenr der göttinger Gesellschaft der Wissenschaften enthalten sind, wurde von letzterer Gesellschaft veröffentlicht (6 Bde., Gött. 1863—74; Bd. 7, herausg. von Schering, Gotha 1871). Schon vorher hatte Peters den «Briefwechsel zwischen G. und seinem Freunde Schumacher (4 Bde., Altona 1860—62) herausgegeben. Der Briefwechsel zwischen G. und Besselo wurde auf Veranlassung der königl. preuß. Akademie der Wissenschaften (Lpz. 1880) herausgegeben. Vgl. Sartorius von Waltershausen, «G. zum Gedächtnis v (Lpz. 1856); Hanselmann, «Karl Friedr. G. Zwölf Kapitel aus seinem Lebeno (Lpz. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 597Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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