Gelehrsamkeit bezeichnet im allgemeinen teils subjektiv die Eigenschaft eines wissenschaftlich gebildeten Menschen, teils objektiv den Inbegriff vielfacher und gründlicher Kenntnisse. Im engern Sinne unterscheidet man G. von eigentlicher Wissenschaft, indem man erstere auf das histor. Gegebene bezieht, das sich gedächtnismäßig auffassen läßt, letztere aber in das Denken und Erkennen der Gründe setzt, worin die philos. Einsicht besteht. Zur G. rechnet man seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften insbesondere eine genaue Kenntnis der altklassischen Sprachen; denn da die neuern Gelehrten einen großen Teil ihrer Kenntnisse den Griechen und Römern verdanken, so wird von einem eigentlichen Gelehrten mit Recht gefordert, daß er aus den Quellen selbst zu schöpfen und also die Schriften der Alten in den Originalen zu benutzen im Stande sei. Unter allen ebildeten Völkern haben die Gelehrten stets einen dedentenden Einfluß auf die sozialen Verhältnisse ausgeübt, welcher Einfluß um so stärker war, wenn, wie dies bei den Agyptern und im Mittelalter der Fall, die Priester zugleich den Stand der Gelehrten bildeten. Diese Verbindung des Priestertums mit dem Gelehrtenstande war den Wissenschaften nachteilig, da die Priester gern ihre Kenntnisse verheimlichten und den Laien nur so viel davon mitteilten, als sie für gut fanden, daher man die Ungelehrten auvch jetzt noch zuweilen Laien nennt. Seitdem in der Neuzeit die G. ein Gemeingut der Menschen geworden, hat das Studium der Wissenschaften einen viel allgemeinern Charakter und freiern Aufschwung genommen. Dabei sind durch die Buchdruckerkunst r die Quellen der G. dergestalt vervielfältigt und verbreitet worden, daß auch durch das bloße Lesen wissenschaftlicher Werke gelehrte Kenntnisse erworben werden können, obgleich kein Mensch des mündlichen Unterrichts anderer gänzlich entbehren kann. (S. Autodidakten.)