FeedGhyezy (Koloman von)
GeschichteBrockhaus 1882

Ghyezy (Koloman von), ungar. Staatsmann, geb. 2. Febr. 1808 zu Komorn, wo sein Vater, Franz von G., als erster Vizegespan des Komorner Komitats lebte, erhielt seine Erziehung erst in seiner Vaterstadt, dann in Raab und widmete sich hierauf jurist. Studien. Nachdem er 1828 das Advokatendiplom in Pest erhalten, wurde er 1833 zum ersten Vizenotar des Komorner Komitats mit dem Titel eines Obernotars, 1839 zum Komitatsobernotar und 1843 zum Reichstagsdeputierten gewählt. Auf dem Reichstage entfaltete G. als Distriktualnotar eine solche Geschicklichkeit und 1 daß er in kurzer Zeit den Notabilitäten des Reichstags beigezählt wurde. Während derselben Reichstagssession wurde er zugleich zum ersten Vizegespan seines Komitats gewählt, Anfang Nov. 1847 zum Protonotar an der königl. Tafel und noch in demselben Monat zum Protonotar (ordentlichen Richter) an der Septemviraltafel, dem obersten Gerichtshofe des Landes, ernannt. In dieser Eigenschaft nahm er, dem damaligen Staatsrecht gemäß, seit Dez. 1847 an dem Reichstage 1847—48 Anteil. Nach Bildung des ersten ungar. Ministeriums wurde G. vom damaligen Justizminister Franz Deak zum Unterstaatssekretär ernannt, auch wiederum zum Reichstagsdeputierten des Komorner Komitats für den in Pest zusammengetretenen Sommerreichstag von 1848 gewählt. Als Deäk im September zurücktrat, leitete er selbständig das Justizministerium bis Ende Dezember, entsagte dann ebenfalls sowohl seiner Deputiertenstelle als auch seinem Amt als Unterstaatssekretär und zog sich vollständig in das Privatleben zurück. Als 1861 das öffentliche Leben in Ungarn wieder erwachte, ward auch G. von einem Wahlbezirke des Komorner Komitats zum Abgeordneten erwählt. Das Abgeordnetenhaus berief ihn zum Präsidenten, in welcher Eigenschaft er viel Takt und eine von allen Seiten anerkannte Unparteilichkeit an den Tag legte. Als im Herbst 1865 der Reichstag wieder einberufen worden war, trat G. als Abgeordneter der Stadt Komorn in das Haus der Abgeordneten und wurde Mitglied der Kommission für eine detaillierte Formulierung des Ausgleichsantrags. Hier zeigte sich wieder der bereits früher hervorgetretene Gegensatz der sog. Adreß- und der Beschlußpartei, an deren Spitze nun G. und Koloman Tisza standen. G. sah schon 1869 das Unersprießliche der steten Opposition gegen den Ausgleich ein und sprach das öffentlich aus. Auf dem Reichstage 1870—73 trat er oft als Vermittler auf, ohne jedoch immer Mannlernrm. Im März 1874 übernahm G. im Ministerium Bitto das Portefeuille der Finanzen. Rückhaltslos deckte er die Schäden der Finanzwirtschaft auf und schlug tiefgreifende Mittel vor zur Behebung derselben, ohne jedoch gründliche Abhilfe schaffen zu können. Nachdem das Ministerium Bittô 11. Febr. 1875 seine Entlassung eingereicht hatte, wurde G. wieder zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt. Seit dem J. 1879 zog er sich jedoch aus Gesundheitsrücksichten ins Privatleben zurück.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 16Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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