Gil Vicente, der Vater des portug. Dramas und Schöpfer des modernen Lustspiels, in der Geder va der span. Litteratur ebenso berühmt wie in er vaterländischen, wurde um 1470 geboren. Guimaräes, Barcellos und Lissabon streiten um die Ehre, seine Geburtsstadt zu sein. Der erstern Stadt entstammte das adelige Ges chlecht do Canto, welchem er angehörte; in der zweiten lebten lange Zeit Nachkommen des Dichters; in der dritten endlich hielt er selber sich bereits vor 1495 auf, um Jurisprudenz zu studieren. Beim Herzog von Beia, dem spätern König Emanuel, nahm er die Stellung eines Lehrers der Rhetorik ein. Seine poetischen Anlagen, lebendige Phantasie und jovialer Sinn zogen ihn zu den Musen hin, besonders nach der günstigen Aufnahme seiner ersten dichterischen Versuche am Hofe Emannels d. Gr. Sein erstes Stück schrieb G. 1502, zur Feier der Geburt des nachmaligen Königs Johann III., ein Schäferspiel, „Der Besuche (Visitackop) genannt, das vor dem Hofe aufgeführt ward und so sen Weit daß man seine Wiederholung am nächsten eihnachtsfeste verlangte. G. aber verfaßte ein neues Stück, wie das erste in span. Sprache, doch in mehr dramatischer Form, «Auto pastoril castelhano v. So datiert die Einführung des Dramas in Portugal vom J. 1502. Seitdem fuhr G. von 1502 bis 1536, während der Regierungszeit Emanuels und seines Nachfolgers fort, zu allen größern jährlichen Hof- und Kirchenfesten ähnliche dramatische Spiele zu dichten, an deren Aufführung er selbst und seine Tochter Paula, die als Schauspielerin, Tonkünstlerin und auch als Dichterin berühmt war, teilnahmen. Doch fehlte es G. nicht an Neidern, welchen er einst, um seine Erfindungsgabe zu beweisen, in einer Hofgesellschaft über ein aufgegebenes Sprichwort die launige, sinnreiche Farce Inen Pereira improvisierte, die vielleicht sein bestes Stück ist. G. starb in Dürftigkeit um 1536. Seine zuerst nur in fliegenden Blättern verbreiteten Werke wurden nach seinem Tode von seinen Kindern Paula und Luiz Vicente herausgegeben Lissab. 1562) und dann mit Verbesserungen des Heiligen Officiums, d. i. durch von der Inquisition unterdrückte Stellen verstümmelt (Lissab. 1585). In neuester Zeit veranstalteten Barreto Feio und Monteiro einen Wiederabdruck (3 Bde., Hamb. 1834), nachdem Böhl de Faber in dem Teatro espanol anterior à Lope de Vegas (Hamb. 1832) die in span. Sprache geschriebenen Autosy und Scenen aus einigen andern castilian. Stücken herausgegeben hatte. Die vierte Ausgabe(Lissab. 1852) ist ein Neudruck der dritten; eine den Ansprüchen moderner Kritik entsprechende Textausgabe existiert noch nicht. Auszüge aus G.s Dramen finden sich in „Osma, Trauerspiel. Aus dem Portugiesischen übersetzty (Halberst. 1824); neun Stücke übersetzte Moritz Rapp (Hildburgh. 1868). Es ist nicht zu verkennen, daß bei G. in seinen 17 Autoso, wenigstens in formeller Hinsicht, die lat. und franz. mittelalterlichen Mysterien und bei den Schäferspielen (Autos pastoriso) insbesondere die seines Zeitgenossen Juan del Encina Muster gewesen sind; auch mögen die franz. Farcen auf seine 12 Possen nicht 151 Einfluß gewesen sein. Aber sowohl in diesen als in den übrigen Gattungen seiner Stücke, den 10 Tragikomödien und 3 Komödien, in denen allen der hispanische Romanzenvers vorherrscht, zeigt sich so viel Frische, Lebendigkeit und Laune, und alle haben eine so durchaus eigenartige nationale Färbung, daß sie trotz der oft noch rohen Anlage und unbeholfenen Ausführung von dramatischem Genie zeugen und vorzüglich die Farcen des G. als die Grundlagen eines Nationallustspiels anzusehen sind. Auch bildete sich in der That eine Schule mehr volkstümlicher Dramatiker nach ihm, darunter Antonio Prestes, Chiado, Simäo Camoens. Vgl. Graf von Schack, «Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spaniene (3 Bde., Berl. 1845); Theophilo Braga, MHistoria do theatro Portuguezůe (Porto 1870) und Questöes de litteratura e arte portugueza (Lissab. 1881).