FeedGrabbe (Christian Dietr.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Grabbe (Christian Dietr.), dramatischer Dichter, eb. 11. Dez. 1801 zu Detmold, wo sein Vater Zuchtaus⸗ und Leihbankverwalter war, studierte in Leipzig und seit 1821 in Berlin die Rechte; auch verkehrte er viel mit geistreichen Männern und Dichtern, in Leipzig mit A. Wendt, in Berlin mit Heine und F. von Uechtritz; in Dresden suchte er dann an Tieck sich anzuschließen. Während er alle auf der einen Seite durch seine Genialität anzog, stieß er sie auf der andern durch seine unliebenswürdigen persönlichen Eigenschaften ab. Cynisch im Genuß, forciert in seiner Genialität, ratlos über si selbst, beschloß er Schauspieler zu werden, wozu ihm jede Anlage fehlte, widmete sich dann wieder in Detmold mit großem Eifer jurist. Studien, wurde hier als Regimentsauditeur angestellt und heiratete die Tochter seines frühern Gönners, des Archivrats Clostermeier. Für häusliches Glück nicht geschaffen, errüttete er sein eigenes Dasein und das seiner Fran immer mehr und erhielt auch seine Entlassun als Regimentsauditeur. Mit der Welt und sich selbst zerfallen, begab er sich hierauf zu dem ihm bekannten Immermann nach Düsseldorf, setzte jedoch auch hier sein wüstes Leben fort und flüchtete endlich nach seiner Vaterstadt, wo er in den Armen der mit ihm wieder versöhnten Gattin 12. Sept. 1836 starb. Schon in seinem 18. Lebensjahre dichtete G. sein Drama Der Herzog von Gothlando, worin er nach der Seite des Wilden, Häßlichen und Unwahren sich in die tollsten Ausschweifungen verlor, zugleich aber eine Fülle von Genialität und ein originelles dramatisches Talent bekundete. Seine „Dramatischen Dichtungen (2 Bde., Frankf. 1827) enthalten sowohl diese Tragödie, die in gewissem Sinne als der eigentliche Maßstab für sein Talent wie für seine Verirrungen gelten darf, als auch die mißlungene und schwächliche Tragödie «Nanette und Marier; ferner das mit köstlichem Humor und reichem Witz ausgestattete Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutungo, ein teilweise ausgeführtes, teilweise in großartigen Zügen skizziertes histor. Trauerspiel Marius und Sullav und eine Abhandlung über die Shakspeare-Manie. Er schrieb ferner das kühn komponierte dramatische Gedicht Don 870 und Fauste (Frankf. 1829; 2. Aufl. Garb 1870), die Hohenstaufentragödien 4 Friedrich „Napoleon, oder die Hundert Tager (Frankf. 1831; 2.Aufl., Prag 1870), das dramatische, lustspielartig in kräftigen Bildern hingestellte Tragödie «Hannibals (Düsseld. 1835) und die schon von Ermattung des Geistes vielfach zeugende Hermannsschlachto (Düsseld. 1838), die mit einer etwas einseitig, aber warm geschriebenen biographischen Einleitung von E. Duller begleitet wurde. Seine Broschüre Das Theater zu Düsseldorf, mit Rückblicken auf die übrige deutsche Schaubühner (Düsseld. 1835) zeugt von seiner geringen litterarhistor. Umsicht und von seinem Mangel an kritischem Scharfsinn. Seinen Dramen sehlt die künstlerische Architektonik; seine Sprache ergeht sich bisweilen in Cynismen oder berschweng-When Hyperbeln; in der Ausführung überwiegt die Skizze Zartgefühl und Geschmack werden allzu oft beleidigt. Dagegen sind sie überaus reich an einzelnen genialen Zügen und originellen Gedanken und Wendungen. Die Geschichte und die histor. Charaktere sind darin oft in großem Sinne und mit Geist aufgefaßt und alle Partien, die einen starken, kräftigen Farbenauftrag erlauben, mit charakteristischer Energie ausgearbeitet. überdies zeichnen sich seine in Prosa geschriebenen Dramen, z. B. Hannibalo, durch eine kernige Sprache aus. Seine Gesammelten Werker sind neuerdings mehrfach heraus-Ghuner worden: von Gottschall (2Bde., Lpz. 1870), umenthal (4 Bde., Detm. 1874); der letztere veröffentlichte auch 6 Rachträge zur Kenntnis G.s v (Berl. 1875). Vgl. Ziegler, „G.s Leben und Charaktero (Hamb. 1855).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 254Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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