FeedGrey (auf Chillingham und Howich)
GeschichteBrockhaus 1882

Grey (auf Chillingham und Howich), eine seit dem 13. Jahrh. in Northumberland ansässige Familie. Sir John G., der 1372 lebte, war Vater Sir Thomas Gi.s von Chillingham, der eine Tochter John Mowbrays, Herzogs von Norfolk, heiratete und 1402 starb. Dessen ältester Sohn, John, ward zum Grafen von Tankerville in der Normandie erhoben. Von dem zweiten, Thomas, stammten die 1706 erloschenen Lords G. of Werke und Sir Edward G. auf Howick Wur 1632), dessen Ururenkel, Henry, 1746 die Würde eines Baronet erhielt. Des letztern vierter Sohn war Sir Charles G., geb. 1729, der früh in Militärdienste trat, sich als Adjutant des Prinzen Ferdinand von Braunschweig im Siebenjährigen Kriege auszeichnete, hierauf in Amerika diente und 1782 Generallieutenant wurde; 1794 zum Oberbefehlshaber in Westindien ernannt, eroberte er im Verein mit Admiral Jervis einen großen Teil der franz. Besitzungen in den Antillen und wurde 1801 zum Lord G. von Howick, 1806 zum Viscount Howick und Grafen G. erhoben. Er starb 14. Nov. 1807. Sein ältester Sohn, Charles G., berühmter Staatsmann und Minister, ward 13. März 1764 auf dem Familiensitze Fallowden bei Alnwick in Northumberland geboren. Nachdem er zu Eton und Cambridge seine Studien vollendet, machte er mit 18 Jahren die gewöhnliche IK A auf dem Festlande und trat dann, 22 J. alt, als Abgeordneter der Grafschaft Northumberland ins Parlament. Obwohl seine Familie der Torypartei angehörte, zogen ihn seine Grundsätze alsbald zu den Whigs. Als die Französische Revolution Zwiespalt in deren Reihen trug, indem Burke mit den Gemäßigtern die Politik Pitts verstärkte, während der demokratisch gesinnte Fox in der Opposition verharrte, befand sich G. unter der kleinen Zahl Freunde, die sich dem letztern anschlossen. Er stiftete, um sich der Leitung des eine Laut Volks-Whitd zu bemächtigen, mit Erskine, Lauderdale, Whitbread u. a. die Gesellschaft der Volksfreunde, deren ausgesprochener Zweck eine mäßige Parlamentsreform war. Schon 1793 brachte er einen darauf bezüglichen Plan vor; vier Jahre darauf entwickelte er noch vollständiger einen Entwurf, der sich von dem spätern dadurch unterschied, daß er auf dreijährige Parlamente antrug. Die Motion wurde jedoch verworfen. Als 1806 nach dem Tode Pitts die Parteien sich einander näherten, nahm G., der bei der Howin seines Vaters zum Grafen den Titel Lord Howick erhalten hatte, an dem berühmten „Ministerium der Talentes teil. Er trat anfangs als erster Lord der Admiralität ein und übernahm dann nach Fox' Tode das Departement des Auswärtigen. In dieser Stellung befürwortete er 1807 einen Entwurf zur Abschaffung des Testeides und zur vollständigen Emancipation der Katholiken, der an dem Widerstand des Königs scheiterte und die Auflösung des Ministeriums zur Folge hatte. G. verlor sogar seinen Parlamentssitz für Northumberland. Da er aber von seinem Vater im Nov. 1807 den Grafentitel erbte, so trat er in das Oberhaus. Während der 18 Jahre, die G. nun in der Opposition zubrachte, setzte er beharrlich seinen Kampf gegen den herrschenden Toryismus fort. Besonders heftig widersetzte er sich 1816 der Erneuerung der Fremdenbill und 1817 der Suspendierung der Habeas-Corpus-Akte. Bei dem Prozeß gegen die Königin Karoline übernahm er die Verteidigung derselben. G. wurde 16. Nov. 1830 als erster Lord des Schatzes an die Spitze eines neuen, aus den Whigs gebildeten Ministeriums berufen. Er begann seine Verwaltung, indem er einen umfassenden Entwurf zur Reform des Parlaments vorlegte. Nach einem langen, harten, schwankenden Kampfe, welchen er samt seinen Kollegen mit großer Energie durchführte, wurde endlich der Sieg im Juni 1832 errungen. Die Annahme der Reformbill steigerte jedoch die Schwierigkeiten des Kabinetts um so mehr, als die Volkspartei ihre Ansprüche auf Reformen erweiterte. G., als der Vertreter der alten Whigs, eriet dadurch in eine schwankende Stellung und egte 9. Juli 1834 sein Amt nieder. Seiner Verwaltung folgte das Ministerium Melbourne, dem er seine Unterstützung nicht versagte. Später überließ der greise Staatsmann den polit. Kampfplatz den jüngern Führern seiner Partei. Er starb 17. Juli 1845 zu Howick-Hall in Northumberland. Sein Leben beschrieb sein jüngerer Sohn George als „Some account of the life and opinions of Charles second Earl G.v (Lond. 1861). Sein Briefwechsel mit Wilhelm IV. erschien als «Correspondence with King William IV. 1830—325 (2 Bde., Lond. 1867). Henry George, dritter Graf G., der älteste Sohn des vorigen, früher als Lord Howick bekannt, wurde 28. Dez. 1802 geboren. Nachdem er in Cambridge studiert hatte, trat er 1829 für Winchelsea und später für Northumberland ins Unterhaus, bekleidete unter dem Ministerium seines Vaters 1830 —33 das Unterstaatssekretariat der Kolonien und war dann bis zur Entlassung des Ministeriums Melbourne im Nov. 1834 Unterstaatssekretär des Innern. Beim Wiedereintritt der Whigs 1835 wurde er Kriegssekretär mit einem Sitz im Kabinett, welches Amt er jedoch 1839 niederlegte. Im J. 1841 für Sunderland ins Unterhaus gewählt, stimmte er 1842 in der Minorität für den Villiersschen Antrag auf Abschaffung der Kornzölle. Nach dem Siege des Freihandels und dem Sturze des Ministeriums Peel trat Lord Howick, der seinem Vater unterdessen als Graf G. gefolgt war, im Juli 1846 als Staatssekretär für die Kolonien ins Ministerium Russell. Er zeigte auf diesem Posten bedeutendes Talent, namentlich als Redner, machte sich aber durch Eigensinn und Hochmut unbeliebt und zog sich, besonders durch sein Benehmen gegen die Kolonisten am Kap der Guten Hoffnung und durch die unglückliche Führung des Kaffernkriegs, allgemeinen Tadel zu. So trug er einen Hauptteil der Schuld am Falle des Kabinetts Russell im Febr. 1835 und veröffentlichte 3 Rues unter dem Titel Colonial policy of Lord Russell's administrationo (2 Bde., Lond. 1853 eine Verteidigung seiner Politik. Seine ziemli konservativen Ansichten über Parlamemtaiiich Regierung und Wahlreform legte er in der Schrift „Parliamentary government considered in reference to Reform (2. Ausg., Lond. 1864; deutsch vom Grafen Leo Thun, Prag 1863) nieder und trat seitdem sämtlichen Reformmaßregeln der liberalen Ministerien entgegen. Sir George G., Vetter des vorigen, Neffe des zweiten Grafen, 11. Mai 1799 zu Gibraltar geboren, wo sein Vater Marinekommissar war, trat 1826 zuerst als Barrister auf. Im J. 1832 für Devonport ins Parlament gewählt, erhielt er im Dut 1834 das Unterstaatssekretartat für die Konien, welches er im April 1835, nach dem Wiedereintritt des Ministeriums Melbourne, zum zweiten mal übernahm. Im Febr. 1839 ward er Judge Advocate-General (Generalauditeur) und im Juni 1841 Kanzler des Herzogtums Lancaster und Kabinettsminister, ein Posten, den er jedoch schon im August desselben Jahres durch den Fall des Ministeriums verlor. Unter Lord Russell war er vom Juli 1846 bis zum Febr. 1852 Staatssekretär des Innern. Im Ministerium Aberdeen wurde er 1854 Staatssekretär für die Kolonien und war dann unter Palmerston 1855—58 abermals Minister des Innern. Bei der Neubildung des Kabinetts Palmerston im Juni 1859 trat er anfangs als Kanzler des Herzogtums Lancaster ein, 10. aber schon 1861 auf seinen alten Posten zurück. Er bekleidete denselben bis zum Tode Lord Palmerstons und hierauf auch in dem Ae Russell-Gladstone bis zu dessen Sturze im Juli 1866. In das 1868 gebildete Ministerium Gladstone wurde er nicht aufgenommen, entsagte bei den Neuwahlen von 1874 auch seinem Parlamentssitze für Morpeth. Er starb 9. Sept. 1882 in Falloden (Rorthumberland). Sir John G., ausgezeichneter General, geb. 1785, diente unter Wellington in Spanien und bei Waterloo, erhielt dann ein Kommando in Indien, ward 1838 Generalmajor und schlug 28. Dez. 1843 bei Punniar mit 2000 Mann ein Heer von 12000 Maharatten, wodurch er viel zur Unterwerfung dieses Volks beitrug. Er ward 1850 Oberbefehls-Cala in Bombay, kehrte aber 1852 wegen eines Schlaganfalls nach Europa zurück und starb 19. Febr. 1856. Sir George G., ethnogr. Forscher, geb. 14. April 1812 nach dem Tode seines Vaters, der als Oberstlieutenant beim Sturm von Badajoz 7. April 1812 fiel. Er erhielt seine Erziehung in der Militärakademie zu Sandhurst und trat 1829 in die brit. Armee, in der er zum Hauptmann stieg. Von 1837—39 unternahm erEntdeckungsreisen in das Innere von Australien, die er in Journals of two expeditions in N. W. and Western Australias (2 Bde., Lond. 1841) beschrieb. G. wurde 1841 zum Gouverneur von Sudaustralien und 1845 zum Gouverneur von Neuseeland ernannt, wo er durch seine energischen Maßregeln die eingeborenen Häuptlinge 1846 zur Unterwerfung nötigte. Nach England zurückgekehrt, veröffentlichte er seine interessante Polynesian mythologyr (Lond. 1855), begab sich aber schon 1854 als Gouverneur nach dem Kap der Guten Hoffnung und wurde 1861 von dort abermals nach Neuseeland versetzt. Vor seiner Abreise von Afrika (Jan. 1862) schenkte er seine kostbare Sammlung von Büchern und Handschriften, deren Katalog der deutsche Gelehrte Bleek herausgegeben hat (Library of Sir George G.v, 2 Bde., Capetown 1858), der öffentlichen Bibliothek der Kapstadt. Die Pacifikation Neuseelands wurde von ihm 1863—64 mit Erfolg durchgeführt, worauf er 1867 nach England zurückkehrte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 349Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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