FeedGudrun
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Gudrun (so lautet die nordische, Kütrun oder Küdrün die mittelhochdeutsche Namensform), ein deutsches volksmäßiges Epos aus dem letzten Jahrzehnt des 12. Jahrh., mit Recht schon die Nebensonne des Nibelungenliedes genannt, zu dem es sich verhält wie ein ernstes Drama zu einer erschütternden Tragödie. Während dieses an den Rhein und die Donau führt, rollt die G. Bilder der Nordsee auf. Das nur in einer einzigen und jüngern, der sog. Ambraser Handschrift erhaltene Gedicht (daraus zuerst abgedruckt in von der Hagens und Primissers (Heldenbucho, Berl. 1820) zerfällt seinem Inhalte nach in drei sich gesteigert wiederholende Teile. Der erste erzählt die Entführung Hagens von Irland durch Greife, seine Ernährung durch drei Königstöchter, seine Heimkehr und Vermählung mit Hilde aus India. Die aus dieser Ehe stammende Tochter, gleichfalls Hilde genannt, will ihr Vater nur dem vermählen, der ihm an Stärke gleichkommt; die Brautwerber läßt er töten. Der Inhalt des zweiten Teils berichtet, wie auf Geheiß König Hettels von Hegelingen dessen Helden Frute und Horand, jener durch Pracht, dieser durch seinen süßen Gesang ausgezeichnet, im Verein mit dem alten Wate, dem Starken, als Kaufleute verkleidet, Hagens Tochter Hilde entführen, später in Waleis mit Hagen, der den Räubern nachgesetzt war, kämpfen; den Schluß bildet eine Versöhnung und die Vermählung Hettels mit Hilde. Der letzte und Hauptteil, von dem das Gedicht den Namen empfangen, erzählt, wie G., Hettels und Hildes Tochter, von Hartmut, dem Sohne des Königs Ludwig von der Normandie, der Hettel in der Schlacht auf dem Wulpenwerde erschlägt, geraubt und, da sie seine Bewerbung standhaft zurückweist, in harter Gefangenschaft gehalten und von Hartmuts Mutter Gerlind viele Jahre zu niedrigen Magddiensten gezwungen wurde, bis ihr Bruder Ortwein und ihr Verlobter, König Herwig von Seeland, sie befreien und rächen. Der Schauplatz des Gedichts ist das nördl. Deutschland, Friesland, Dietmarsen, Dänemark, Seeland, Irland, die Normandie, und nur einem mit dem Meere und der Schiffahrt vertrauten Volke kann die Sage in dieser Gestalt angehören. Dieselbe reicht in alte Zeit zurück, und zahlreich sind die Anspielungen und Erzählungen in altnordischen und angelsächs Quellen vom 8. und 9. Jahrh. an. Den eigentlichen ursprünglichen Kern der Sage bildet der zweite und dritte Teil, und nur auf diese, namentlich auf Horands Gesang und die Schlacht auf dem Wulpenwerde beziehen sich die deutschen sowohl als die nordischen Zeugnisse. Dieser läßt sich als ein alter, im Odinsglauben herrschender Mythus nachweisen. Außer mündlicher überlieferung beruft sich das deutsche Gedicht auch auf ein geschriebenes Buch als seine Quelle. An dessen Existenz darf so wenig gezweifelt werden als an der Entstehung der Dichtung aus schriftlichen Grundlagen; wahrscheinlich war das verlorene Buch ein Gedicht in niederrhein. Sprache. Aber nicht am Niederrhein ist unsere G. entstanden, sondern sie ist aus einem Stamme, auf einem Boden erwachsen wie das Nibelungenlied und die meisten unserer volksmäßigen Epen, in Ssterreich. Das Gedicht, das weniger durch tragische Großartigkeit, wie das Nibelungenlied, als durch idyllische Anmut sich auszeichnet, hat durch Interpolation und Umarbeitung mannigfach gelitten. Durch die neuern Ausgaben des Gedichts von Bartsch (Lpz. 1865; 4. Aufl. 1880; in Bd. 2 der „Deutschen Klassiker des Mittelalters v), wozu noch dessen «Beiträge zur Geschichte und Kritik der G.» (Wien 1865) hinzukommen, die von Martin (Halle 1872, als 2. Band von Zachers «Germanischer Handbibliotheko) und von Symons(Halle 1883), sind alle frühern überholt, sowohl die vollständigen von Ziemann (Quedlinb. 1835) und Vollmer (Lpz. 1845), als mehr noch die durch Ausscheidung vermeintlicher Volkslieder auf die Zerstörung des Gedichts ausgehenden von Ettmüller (Zür. 1844), Müllenhoff (Kiel 1845) und Plönnies (pz. 1853). übersetzungen lieferten San-Marte (Berl. 1839), Keller (Stuttg. 1840), Simrock (Stuttg. u. Tüb. 1843 u. öfter), Plönnies (1853), Bacmeister (Reutl. 1860), Klee (Lpz. 1878) und Weitbrecht (Stuttg. 1884). Vgl. noch Keck, «Die Gudrunsagey (Lpz. 1867); Wilmanns, Die Entwickelung der Kudrundichtungo (Halle 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 595Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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