Gutztow (Karl Ferd.), einer der hervorragendsten Dichter und Schriftsteller der jüngsten deutschen Litteraturepoche, geb. 17. März 1811 zu Berlin, der Sohn eines Subalternbeamten beim Kriegsministerium, erhielt seine Bildung auf dem Friedrichswerderschen Gymnasium und studierte in Berlin Theologie und Philologie. Nachdem er 1830 bei einer Preisaufgabe (De diis fatalibuso) mit Erfolg konkurriert, wandte er sich mit Eifer den Fragen und Forderungen der Zeit zu. Noch als Student betrat er mit dem „Forum der Journallitteratur (1831) seine schriftstellerische Laufbahn, welche seitdem bis 1839, im Einklange mit der ganzen damaligen litterarischen Richtung, eine vorwiegend journalistische blieb. Wolfgang Menzel, der in jener Zeitschrift viel Anerkennung erfuhr, zog den jungen Schriftsteller nach Stuttgart, wo derselbe an des erstern „Litteraturblatto Anteil nahm. Von umfangreichern Arbeiten veröffentlichte G. in dieser Zeit anonym die (Briefe eines Narren an eine Närrino (Hamb. 1832), sowie den phantastischen Roman Maha Guru. Geschichte eines Gottes (2 Bde., Stuttg. 1833), welcher Aufsehen erregte. Abwechselnd in Berlin, Leipzig, Hamburg verweilend, lieferte er hauptsächlich Beiträge zum Morgenblatto und zur „Allgemeinen Zeitungo, die später als Novelleno (2 Bde., Hamb. 1834), „Soiréenv (2 Bde., Frankf. 1835) und «Offentliche Charaktereß (Hamb. 1835) Kanzet eit erschienen. Nach einem plötzlich mit enzel eingetretenen Zerwürfnis wandte sich G. 1835 nach Frankfurt a. M., wo er sich an dem von Duller begründeten «Phönir o beteiligte. Um diese Zeit erschienen sein barockes Drama «Nerov (Stuttg. 1835), die vielbesprochene Vorrede zu Schleiermachers Briefen über F. Schlegels Lueindes (Hamb. 1835) und die vielberufene Novelle „⸗Wally, die Zweiflerino (Mannh. 1835; umgearbeitet in Vergangene Tager, Frankf. 1852). Letzteres Werk, hervorgegangen aus der Lektüre von Fr. Schlegels Lessings Gedanken und Meinungenv, erregte durch die Polemik gegen den Offenbarungs-Amts. bei den Vertretern des Bestehenden großen nstoß. Namentlich richtete Menzel seine denunziatorischen Angriffe gegen das Buch, sowie bald auch egen die gesamte litterarische Thätigkeit des sog. ungen Deutschland (s. d.), und die Folge war das Verbot der jungdeutschen Schriften und G.s Verurteilung durch das bad. Hofgericht zu einer dreimonatlichen Gefängnisstrafe. Während er diese Strafe in Mannheim abbüßte, arbeitete er die Schrift Zur Philosophie der Geschichtes (Hamb. 1836) aus, welche gegen die Hegelsche Geschichtsauffassung gerichtet war. Nach überstandener Haft vermählte er sich in Frankfurt a. M., wo er mehrere Jahre verlebte, durch die Censurverhältnisse in seiner litterarischen und journalistischen pus. Wert vielfach gehemmt, besonders von dem preuß. Verbot seiner auch künftig erscheinenden Schriften bedrängt. Die „Deutsche Revuev, zu deren Herausgabe er sich mit Wienbarg Versuchwurde im Entstehen unterdrückt. Auch der Versuch, ein polit. Tageblatt, die «Frankfurter Börsenzeitunge, zu begründen, scheiterte an der Censur. Indes erhielt sich ein Beiblatt desselben, der Telegraph für Deutschlando, mit welchem G. 1838 der s Verhältnisse wegen nach Hamburg übersiedelte. In die Zeit seines frankfurter Aufenthalts fallen noch 4Beiträge zur Geschichte der neuesten Litteraturo (2 Bde., Stuttg. 1836) und 4«Götter, Helden, Don Quixotev (Hamb. 1838), Sammlungen seiner zerstreuten Kritiken und Charakteristiken; ferner „Goethe im Wendepunkte zweier Jahrhunderter Berl. 1836) und das Werk «Die Zeitgenossenv 2 Bde., Stuttg. 1837), das er, um den Anfeindungen der Polizei und der Parteikritik zu entgehen, unter Bulwers Namen einführte und später als „Säkularbildero in seine „Gesammelten Werke aufnahm. Der Übergang G.s von einer mehr kritischen und journalistischen Thätigkeit zu geschlossenen Schöpfungen gab sich kund durch das schon erwähnte Drama «Nerov und das bühnengerechtere König Saulo (Hamb. 1838), auf dem Gebiete des Romans durch «Seraphinev (Hamb. 1838) und „Blasedow und seine Söhney (3 Bde., Stuttg. 1838 —39). Von Hamburg aus veröffentlichte er sodann noch ein Skizzenbucho (Kass. 1839), «Die rote Mütze und die Kapuzey (Hamb. 1838), eine Streitschrift in der kölner Frage gegen Görres, und (Börnes Lebend (Hamb. 1840). Seitdem wandte sich G. hauptsächlich der Bühne zu und eröffnete diese zweite Epoche seiner produktiven Thätigkeit mit dem Trauerspiel Richard Savager (Hamb. 1839). Von der großen Anzahl seiner Stücke, die nun in rascher Folge erschienen, bürgerten sich bald mehrere in dem Repertoire aller larttar deutschen Theater ein. Die meiste Popuarität erlangte das Trauerspiel «Uriel Acostav (1847), unstreitig das wertvollste seiner dramatischen Werke, nebst den beiden trefflichen Lustspielen Zopf und Schwerto (1844) und Das Urbild des Tartufev (1847). Hieran reihen sich die eigentlich histor. Tragödien Patkulo (1841), Pugatscheffo Hlipo und Wullenwebery (1848), denen später Philipp und Perezy (1853) folgte. Eine andere Gruppe bilden die Schauspiele Werner, oder Herz und Welt» (1840), «Der 13. November⸗ (1842), (Ein weißes Blatto (1844), „Ottfriedo (1854) und „Ella Rosed (1856). An seine Lustspiele schließen sich noch an Die Schule der Reichend (1841), der „Königslieutenanto (1852) und Lenz und Söhnen (1855). In den Sammlungen von G.s Dramatischen Werkeno (9 Bde., Lpz. 1842—57; 20 Bdchn., 1862—63; neueste Aufl., Jena 1880) sind außer den genannten auch das Volkstrauerspiel «Liesli» (1852) und das histor. Charakterbild Lorbeer und Myrten (1856) enthalten. Eine 1842 nach Paris unternommene Reise, infolge deren er 4Briefe aus Paris v (2 Bde., Lpz. 184½ veröffentlichte, und die vorherrschende Neigung zur Bühne wurden Veranlassung, daß G. sein belletristisches Journal Telegrapho in andere Hände gab. Die von ihm verfaßten größern Artikel dieser Zeitschrift erschienen dann in den Sammlungen Vermischte Schriften (4 Bde., Lpz. 1842—52) und «Aus der Zeit und dem Lebeno (Lpz. 1846). Im J. 1842 nahm er seinen Aufenthalt wieder in dem ihn durch Familienbande fesselnden Frankfurt a. M., wo er sich mit der Sammlung und Redaction aller seiner bisher zerstreuten und meist unter ungünstigen Verhältnissen an das Licht getretenen Schriften ImeiteWer die vollständig umgearbeitet als« Gesammelte Werkey (12 Bde., Frankf. 1845—46; Bd. 13, 1852) erschienen. Darauf folgte er 1847 einem Rufe nach Dresden, wo er dritthalb Jahre lang am Hoftheater die früher von Tieck versehene Stelle eines Dramaturgen bekleidete. Eine neue einflußreiche Stellung auf dem Litteraturgebiete der Gegenwart erwarb sich G. nach dem Niedergange der deutschen Bewegung durch seine beiden großen Romane «Die Ritter vom Geistev (9 Bde., Lpz. 1850—52; 5. Aufl., Berl. 1869) ogl. A. Jung, «Briefe über G.s Ritter vom Geiste'o, Lpz. 1856) und Der Zauberer von Romp (9 Bde., Lpz. 1859—61; 4. Aufl., in 4 Bdn., Berl. 1872— 73; vgl. Eine kritische Studie über G.3 Zauberer von Rom', Gött. 1882), die wegen ihres Reichtums an Charakter⸗ und Situationszeichnungen und mehr noch als großartige und geistvolle, das moderne prot. und kath. Leben schildernde Kulturgemälde zu Gs bedeutendsten Schöpfungen gehören. G. machte sich durch diese Werke zum hervorragendsten Vertreter des Zeitromans. Von seinen übrigen Arbeiten in dieser Richtung sind noch die Novellen „Die Diakonissino (Frankf. 1855) und «Die kleine Narrenwelto (3 Bde., Frankf. 1856) hervorzuheben. Einen Rückblick auf sein Leben begann er mit Aus der Knabenzeito (Frankf. 1852). Von Okt. 1852 bis Ende 1862 gab er auch die populäre Wochenschrift Unterhaltungen am häuslichen Herdo heraus. Infolge seiner Ernennung zum Generalsekretär der Deutschen Schiller-Stiftung, um welche er sich entschiedene Verdienste erworben, siedelte G. 1862 von Dresden nach Weimar über, fühlte sich aber in diesem Verhältnis nicht wohl, da seine Auffassungen sich vielfach im Widerspruch mit denen des Verwaltungsrats befanden. Es trat ein Zustand der Überreizung, ja der Verzweiflung am Leben bei ihm ein, der ihn 15. Jan. 1865 in Friedberg auf einer Reise sogar zu einem Selbstmordversuch trieb. Ein —2* rer Aufenthalt in der Heilanstalt Gilgenberg bei Bayreuth stellte ihn indes von seiner Erkrankung wieder her. G. lebte nach seiner Genesung ein Radt lang in Vevey am Genfersee, dann in Kesselstadt bei Hanau, machte einen Sommeraufenthalt in Bregenz und siedelte 1870 nach Berlin über. Seine schriftstellerische Thätigkeit nahm er dort mit ungebrochener Kraft wieder auf. Sein Roman (Hohenschwangau» 5 Bde., Lpz. 1867), ein auf tiefen Studien ruhendes Kulturgemälde des Reformationszeitalters, hat einzelne Partien von künstlerischer Rundung und großer Schönheit, verwandelt sich aber ebenso oft in eine mit 2.Miehr Arabesken verzierte histor. Monographie. Mehr aus einem Guß ist der de., Beul 18 Roman «Die Söhne Pestalozziso (3 Bde., Berl. 1870). Der Roman Fritz Ellrodto (3 Bde., Jena 1872), der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. spielt, zeichnet sich durch frische Schilderung und gedrängte Handlung aus. Neben diesen größern Werken schrieb G. noch Novellen, die er unter dem Titel Lebensbilderv (2. Aufl., 3 Bde., Stuttg. 1874) zusammenstellte; eine Spruchsammlung: „Vom Baum der Erkenntniso (Stuttg. 1868), und Skizzen: „Die schönern Stunden, Rückblicke (2. Aufl., Stuttg. 1869). Ein in Mannheim zur Aufführung gekommener dramatischer Versuch: „Der westfälische Friedeo, hatte keinen nachhaltigen Erfolg. Auch in dem «Gefangenen von Metzo (aufgeführt am berliner Hoftheater 1872) konnte er nicht recht den inzwischen veränderten Ton der Zeit treffen. Eine bis in die ewiston emer bei. ten des Ausdrucks durchgeführte Revision seiner beiden großen Romane und der in 12 Bänden (Jena 1873—76) erschienenen neuen, vielfach vermehrten Auflage seiner Gesammelten Werker beschäftigte ihn teils in Berlin, teils in Italien und Wieblingen bei Heidelberg, wohin er sich mit seiner Familie zurückgezogen hatte, da ihn ein nervöses Leiden befiel. Im Okt. 1875 siedelte er ganz nach Heidelberg über. Oein letzter Roman: Die neuen Serapionsbrüderv Derlite 1877), behandelte in leichter, heiterer Form erliner Erinnerungen. Einen wesentlichen Beitrag zu seiner Biographie bieten G.s Rückblicke auf mein Lebeno (Berl. 1875). Eine Gesamtausgabe seiner Werke erschien in Jeng (Serie 1, 12 Bde., 1873 fg.; Serie 2, dramatische Werke, 1880). e Herbst 1877 siedelte er von Heidelberg nach Sachsenhausen (bei Frankfurt a. M.) über und starb daselbst in der Nacht vom 15. zum 16. Dez. 1878, bald nach Mitternacht, an Erstickung infolge eines Zimmerbrandes.