Haag oder der Haag, eigentlich 's Gravenhage (frz. La Haye, lat. Haga Comitis), die Residenz des Königs der Niederlande, sowie Sitz der Regierung und der Centralbehörden, liegt in der Provinz Südholland, 5 Km vom Strand der Nordsee, an der Bahn Rotterdam-Amsterdam, ist durch eine Zweigbahn nach Gouda mit der Niederländischen Rheinbahn verbunden und bildet mit dem großen Fischerdorf und berühmten Seebad Scheveningen eine Gemeinde, welche Anfang 1883 einschließlich der Garnison 127 931 E. zählte, die sich meist zur reform. Kirche bekennen. H. ist ein offener, freundlicher Ort mit angenehmer und fruchtbarer Umgebung, hat reine und gesunde Luft, viele schöne und breite Straßen, hohe, stattliche Häuser und große freie Plätze. Die Straßen sind mit gebrannten Steinen oder viereckigen Kieseln gepflastert und mit Baumreihen besetzt. Am Vijver (Teiche) inmitten der Stadt steht der ehemalige Hof von Holland oder der Hof der Grafen und später der Erbstatthalter, der nachmals vom König Ludwig Napoleon bewohnt ward. Derselbe besteht aus einer unregelmäßigen Masse älterer und neuerer Gebäude und umschließt die Sitzungssäle der Ersten und Zweiten Kammer der Generalstaaten, sowie die Lokale mehrerer Behörden. Auf dem Binnenhof saß Oldenbarneveldt gefangen und wurde da enthauptet. Der Thorturm, welcher den Ausgang aus dem Buitenhof zu dem Vijverberg überdeckt (Gevangenpoort), ist das alte Staatsgefängnis, in welchem viele berühmte Männer gefangen saßen. Andere ausgezeichnete Gebäude sind der Palast des Königs im Stadtteil Noordeinde (in seiner jetzigen Gestalt 1815 erbaut), der von außen sehr einfach, desto prächtiger aber im Innern ist; der Palast des Prinzen von Oranien, früher Wohnung des Großpensionärs J. de Witt; ferner das Archiv auf het Plein mit wertvollen Dokumenten zur Geschichte Europas während der vier letzten Jahrhunderte; das Städtische Museum mit einer Gemäldegalerie; das sog. Moritzhaus mit einer Gemäldesammlung; das Museum Meermanno-Westreenianum (eine Sammlung alter Drucke und Manuskripte, antiker Vasen, Skulpturen, chines. und japan. Raritäten); die königl. Bibliothek von 200000 Bänden, mit einem reichen Schatze von Handschriften und einem sehr bedeutenden Kabinett von Münzen, Medaillen und Gemmen; das Marineministerium mit einer sehenswerten Sammlung von Schiffsmodellen und andern nautischen Gegenständen; das Rathaus mit sehr schöner Fronte von 1565 und wertvollen Gemälden; die große Stückgießerei. H. hat zwei Standbilder des Prinzen Wilhelm I. von Oranien, worunter ein 1845 errichtetes Reiterstandbild, und ein 1853 errichtetes Standbild König Wilhelms II. Im Willemspark, einem schönen, runden Platze, steht das Nationaldenkmal zur Erinnerung an die Wiederherstellung der niederländ. Unabhängigkeit 1813, errichtet 1869. Auf der Paveljoensgracht steht ein schönes Standbild Spinozas. Unter den 17 Kirchen der Stadt zeichnen sich die 5 holländisch-reformierten aus, darunter vorzüglich die Große oder St. Jakobskirche (aus dem 15. und 16. Jahrh.) mit einem gegen 100 m hohen, sechseckigen Turm, einem Glockenspiel von 38 Glocken und merkwürdigen Grabmälern. Die Katholiken haben fünf Kirchen, die Juden zwei große Synagogen. Von höhern Unterrichtsanstalten finden sich im H. ein Gymnasium, eine höhere Bürgerschule und eine königl. Musikschule. Unter den Vereinen sind besonders bekannt die Haager Gesellschaft (s. d.) und das königl. 4und für Ethnographie und Linguistik des niederländ. Ostindiens. Seit den ältesten Zeiten Fürstensitz und nur als Residenz zur Bedeutung einer großen Stadt gelangt, entbehrt H. jener Quellen des innern Reichtums, durch welche die übrigen Städte Hollands blühen. Die Geschütz⸗, Eisen⸗, Messing⸗ und Kupfergießerei, die Fabrikation von Wagen, Posamentier-, Gold- und Silberwaren, Hüten und Möbeln abgerechnet, ist die Industrie unbedeutend. Die Bewohner leben zum Teil vom Hof und von dem starken Fremdenbesuch, der in neuester Zeit besonders infolge des Aufblühens des scheveninger Seebades sehr zugenommen hat. In der Umgebung werden viel Blumen, Früchte und Gemüse kultiviert. An der einen Seite der Stadt liegt ein breiter Kanal, den unausgesetzt zahlreiche Fahrzeuge bedecken. An die andere schließt sich ein stattlicher Wald, het Haagsche Bosch, mit einem königl. Lustschlosse, dem Haus im Busch, dessen Glanzpunkt der Oraniensaal ist, ein Oktogon, von Jordaens (s. d.) u. a. gemalt. Die übrigen Seiten sind von Wiesen, schönen Landsitzen und Gärten umgeben. Scheveningen ist mit H. durch eine schöne vierfache Allee, einen Dampftramway und eine Pferdebahn verbunden. H. war ursprünglich ein im Hain erbautes Jagdschloß der Grafen von Holland. Schon um 1250 baute aber Wilhelm, Graf von Holland (und deutscher König), einen Palast, um welchen herum andere Ansiedelungen entstanden. Im 16. Jahrh. wurde der Ort die Residenz der Generalstaaten, und im Laufe des 17. Jahrh. ward er der Mittelpunkt der wichtigsten Unterhandlungen der europ. Diplomatie. Hier vereinigten sich im sog. Haager Konzert 31. März 1710 der deutsche Kaiser, der König von Preußen, rahlerhal von Rußland und die Seemächte zur Aufrechterhaltung der Neutralität Norddeutschlands gegen Frankreich. Auch wurde hier die Tripleallianz zwischen Frankreich, England und Holland 4. Jan. 1717 und hierauf 17. Febr. 1717 der Friede zwischen Spanien, Savoyen und Ssterreich geschlossen. H. ward damals immer noch als Dorf aufgeführt, und zwar als das größte der Welt. Höchst nachteiligen Einfluß auf den Wohlstand hatte die Revolution von 1795 und dann die Regierung des Königs Ludwig Bonaparte, der die höchsten Behörden nach Utrecht und Amsterdam verlegte. Um so schneller stieg der Ort seit 1813 unter der Dynastie Oranien.