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ErdkundeBrockhaus 1882

Halle, zur Unterscheidung von andern gleichnamigen Orten früher H. in Sachsen (Halae Saxonum) oder auch H. im Magdeburgischen, jetzt gewöhnlich Halle an der Saale benannt, eine Immediatstadt im Regierungsbezirk Merseburg der preuß. Provinz Sachsen, liegt 32 km nordwestlich von Lnter am rechten Ufer der Saale, deren Ufer unterhalb der Stadt zwischen Cröllwitz und Giebichenstein romantische Felspartien zeigen und mit schönen Anlagen geschmückt sind. Die Stadt, welche aus der eigenklichen Stadt mit fünf Vorstädten und den beiden vormaligen, erst 1817 mit ihr vereinigten Amtsstädten Glaucha und Neumarkt erwuchs, ist in den alten Stadtteilen meist winkelig gebaut; doch hat sich ihr Außeres in neuester Zeit durch Regulierung der Straßen und Trottoirs, namentlich infolge der Abtragung der mittelalterlichen Befestigungen und seit im Norden, Osten und Süden umfangreiche neue Stadtteile entstanden sind, bedeutend verschönert. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnet sich besonders aus die Marienkirche mit vier Türmen, im got. Stile und von eigentümlich schöner innerer Bauart, 1529 — 54 vom Erzbischof Kardinal Albrecht von Magdeburg und Mainz aufgeführt. Sonst sind hervorzuheben: der auf dem Markte freistehende, im Laufe des 15. Jahrh. erbaute sog. Rote Turm mit einem sehr alten steinernen Rolandsbilde; die Ulrichskirche, welche seit 1339 als Kirche des Servitenklosters erbaut wurde, aber erst 1531 ihren jetzigen Namen erhielt; die aus dem 12. Jahrh. stammende Moritzkirche; die 1520—23 vom Kardinal Albrecht erbaute (reform.) Domkirche; das Wagegebäude und das altertümliche, 1883 stilvoll renovierte Rathaus am Markte. Auf dem Markte steht das Denkmal Händels und ein monumentaler Brunnen mit Landsknechtfigur (von Schaper) zur Erinnerung an die im Kriege von 1870/71 Gefallenen, auf der alten Promenade ein schönes Kriegerdenkmal von 1866 (Säule mit Borussia und Löwen, ebenfalls von Schaper). In der Nähe der 1484 -1513 erbauten Moritzburg, früher die Residenz und Citadelle der Erzbischöfe und Administratoren von Magdeburg, aber im Dreißigjährigen Kriege zur Ruine geworden, steht das Militärlazarett und die Freimaurerloge. In Glaucha befinden sich die Franckeschen Stiftungen (s. Francke) mit der 1829 aufgerichteten ehernen Statue des Gründers. In der Mitte der Stadt befinden sich das Universitätsgebäude, das Oberpostamt und das Landgericht, auf der Nordwestgrenze das Diakonissenhaus, im Nordosten das Stadtgymnasium, die neue Universitätsbibliothek und der stattliche Neubau des Oberbergamts, auf der Ostseite die sehr ausgedehnten Neubauten der mediz. Fakultät (chirurgische, medizinische, gynäkologische, Augen-und Ohrenkliniken, Anatomie, ein patholog. und ein physiolog. Institut); auf dem Neumarkt die für 900 Verbrecher eingerichtete Strafanstalt (seit 1841), 1 km westlich, jenseit der Saale, die Provinzial-Irrenanstalt (seit 1857). Unter den vielen gemeinnützigen Anstalten ist auch ein Taubstummeninstitut zu nennen. H. ist der Sitz des königl. Oberbergamts für die Provinzen Sachsen, Brandenburg und Pommern, des Hauptsteueramts, eines Landgerichts, Schwurgerichts und eines Amtsgerichts, des Landratamts für den Saalkreis und anderer Behörden. Die Bevölkerungsziffer ist in der neuern Zeit sehr rasch gewachsen. Während man 1831 erst 25 594 E. zählte, war deren Zahl 1849 auf 33848, Ende 1880, mit Einschluß der Soldaten, auf 71484 gestiegen (worunter 623 isrgelitisch und 2522 katholisch, die übrigen evangelisch). Auch Handel und Gewerbfleiß haben in neuester Zeit einen großen Aufschwung genommen. Außer der schon von früher her stark betriebenen Stärkefabrikation erstreckt sich die städtische Industrie besonders auf Rübenzucker Chemikalien, Malz, Brauerei, Färberei und Druckerei, Farbewaren, Wagenbau, Sprit- und Mineralölfabrikation; namentlich aber hat die Maschinenindustrie (Fabrikation von Dampfkesseln, Apparaten für Zuckerfabriken und Brennereien, landwirtschaftlichen Maschinen u. s. w.) einen großartigen Aufschwung genommen. Berühmt ist das Salzwerk zu H., eins der ältesten in Deutschland, das jährlich an 3500 Last Salz liefert. Es ist seit 1868 wieder ausschließlich Privateigentum einer Gesellschaft, der jetzt zur Knappschaft umgeformten, seit Beginn der städtischen Geschichte bestehenden Pfännerschaft. Die Saline liegt auf einer Saaleinsel, die Salzquellen im Centrum der Altstadt. Die Arbeiter in den Salzwerken sind unter dem Namen der Halloren (s. d.) bekannt. Bei der Stadt finden sich ausgedehnte Braunkohlengruben und Briquettfabriken. Auf den Handel haben besonders die Eisenbahnen gewirkt. H. ist der Knotenpunkt der Linien Berlin-H.⸗Bebra, H.⸗Grauhof-Löhne, H.⸗Münden, Magdeburg-H. Leipzig und H.⸗ Guben der Preußischen Staatsbahnen. Die frühere Aen 2 der Saaleschiffahrt ist in Abnahme begriffen. Von Wichtigkeit ist der Getreide⸗, Zucker-, Paraffin⸗ und Mineralölhandel. Es bestehen zu H. eine Handelskammer und eine Reichsbankstelle. Berühmt ist H. als Universitätsstadt. Die nächste Veranlassung zu der von dem Könige von Preußen, Friedrich J. (noch als Kurfürst), an der Stelle der 1688 angelegten Ritterakademie gestifteten und 1694 eingeweihten Universität zu

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 733Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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