FeedHamann (Joh. Georg)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Hamann (Joh. Georg), ein geistreicher und eigentümlich tiefer Denker und Schriftsteller, zuerst von Moser ader Magus in Nordens genannt, wurde 27. 7 1730 zu Königsberg in reußen geboren und besuchte seit 1746 die akademischen Hörsäle, wo er sich nach seines Vaters Wunsche der Theologie widmen sollte, aber in der Schwerfälligkeit seiner Zunge, seinem schwachen Gedächtnisse und in seiner Denkungsart so viele Hindernisse fand, daß er sich vorzugsweise mit Kritik, Poesie und Philologie zu beschäftigen anfing. Im 1752 kam er nach Livland als Lehrer in das Haus einer Baronin von Budberg, verließ es aber schon vor Ablauf eines halben Jahres und lebte nun in Riga, bis 1753 seine Umstände ihn nötigten, eine Hofmeisterstelle bei dem General von Witten in Kurland anzunehmen. Nachdem er auch diese 1755 wieder aufgegeben, fand er in Riga in der ihm befreundeten Berensschen Kaufmannsfamilie Aufnahme und studierte nun die Theorie der polit. und Handlungswissenschaften. Bald folgte er indes einer Einladung zur Rückkehr in das Wittensche Haus, blieb aber auch diesmal nicht lange daselbst, sondern wandte sich 1756 wieder nach seiner Vaterstadt. In Angelegenheiten des erwähnten Handelshauses in Riga besuchte er noch in demselben Jahre Berlin, Lübeck, Holland und England und blieb über ein Jahr in London. Nach der Rückkehr lebte er bis 1759 wieder in Riga, dann zu Königsberg im väterlichen Hause in einer glücklichen Muße, die er der Theologie und Syra sophie, der alten Litteratur und den orient. Sprachen widmete und nur durch eine Reise nach Kur- und Livland unterbrach. Im J. 1763 trat er als Kanzlist bei der Kriegs⸗ und Domänenkammer in Dienste, entsagte denselben aber schon 1764 und machte eine Reise nach Deutschland, dem Elsaß und der Schweiz. Hierauf ging er 1765 als Reisegefährte eines Hofrats Tottien in Mitau nach Warschau, lebte seit 1766 in dessen Hause in Mitau und kehrte dann nach Königsber zurück, wo er 1767 bei der Provinzialaccise⸗ und Zolldireklion und 1777 als Packhofverwalter bei dem königl. Licent angestellt wurde. Das Wohlwollen eines ihm bis dahin Unbekannten (Franz Buchholtz auf Welbergen bei Münster) setzte ihn 1784 in eine sorgenfreie Lage; aber sein Körper war durch Anstrengungen bereits so bolen 1757 daß er, um sich durch eine Reise zu erholen, 1787 Urlaub forderte, dafür aber seinen Abschied erhielt. Von da an lebte er abwechselnd zu Düsseldorf und Münster im vertrauten Um: nn mit Jacobi und der ihm geistesverwandten Fürstin Galizyn, die ihn auch zu Münster, wo er 21. Juni 1788 starb, in ihrem Garten begraben und ihm ein Denkmal errichten ließ. Als Schriftsteller wurde H. von seinen Zeitge-h nossen wenig beachtet, denn er widersetzte sich den n Richtungen des Zeitgeistes und hatte, indem er die H Bedeutung des Gefühls und die Würde der Offenbarung gegen die Forderungen des alles aufklärenden Verstandes beharrlich in S utz nahm, die v Renge gegen sich. Dazu kam, daß die eigentümliche Einkleidung seiner oft sehr tieffinnigen Gedan⸗ d ken und seine Vorliebe für bildliche und symbolische w Darstellung selbst manche, denen es um das Ver⸗ is ständnis des »Sehers zu thun war, zurückschreckte. Seine Schriften, die größtenteils als fliegende i Blätter ausgingen und sich daher bald zerstreuten, blieben ihrer vielen Anspielungen wegen den meisten unverständlich, fanden aber um so mehr die Anerkennung eines Herder, Goethe, Jacobi, Jean Paul und anderer bedeutender Männer. Namentlich hatte er auf die Anschauungs⸗ und Darstellungsweise Herders einen großen Einfluß. In allen seinen Schriften ist ein tiefer religiöser Sinn zu erkennen, der, auf das Unnennbare im Heiligtume des menschlichen Gemüts hinweisend, sich kräftig und mehr in begeisterten Blicken als in zusammenhängender Betrachtung über alle wesentlichen Gegenstände des Lebens ausbreitet. Fragmente aus seinen Schriften wurden von Cramer als «Sibyllinische Blätter des Magus in Norden: (Epz. 1819) herausgegeben und seine „Sämtlichen Schriften von Roth (9 Bde., Berl. 1821—43). Vgl. Gildemeister, „Johann Georg H.s Leben und Schrifteno (5 Bde., Gotha 1857—68; Bd. 6:

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 746Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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