FeedHardenberg (Karl Aug., Fürst von)
GeschichteBrockhaus 1882

Hardenberg (Karl Aug., Fürst von), preuß. Staatsmann, geb. zu Essenrode im Hannoverschen 31. Mai 1750, studierte in Leipzig und Göttingen und trat 1770 als Auditor bei der Justizkanzlei ein, dann bei der Kammer in Hannover. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Wetzlar, Regensburg, Wien und Berlin besuchte er Frankreich, Holland und England und wurde nach seiner Heimkehr 1778 Geh. Kammerrat und in den Grafenstand erhoben. Er kehrte dann von neuem an den engl. Hof zurück, wo der Prinz von Wales mit seiner Frau, geb. Gräfin von Reventlow, ein Liebesverältnis anknüpfte. Dies bewog H. 1782, den annov. Staatsdienst zu verlassen und in den von Braunschweig einzutreten, wo er noch im Mai als Präsident des Klosterrats und Mitglied des fechtelt. ratskollegiums eine ministerielle Stellung erhielt. Als 1790 der Markgraf von Ansbach und Bayreuth von dem König von Preußen einen Minister für seine Fürstentümer verlangte, empfahl Friedrich Wilhelm II. H. zu dieser Stelle. Nach der Vereinigung dieser Länder mit Preußen 1791 wurde H. nicht nur in jenem Amte bestätigt, sondern auch zum preuß. Staats⸗ und dirigierenden Minister ernannt und in das Kabinettsministerium aufgenommen, mit Beibehaltung der Verwaltung seiner Provinz, um die er sich große Verdienste erwarb. Im Kriege gegen Frankreich berief der König H. in sein Hauptquartier nach Frankfurt a. M. Anfang 1795 wurde er nach Basel gesendet, wo er 5. April den Fabscht zwischen Preußen und der franz. Republik abschloß. Nach er die Macht Bay1011 zurückgekehrt, erweiterte er die Machthoheit der Krone in den Markgrafschaften. Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. 1797 wurde H. nach Berlin versetzt und erhielt im Kabinetsministerium die Leitung aller fränk., auswärtigen, Hoheits-⸗ und öffentlichen Angelegenheiten, sowie die Lehnssachen. Außerdem wurde er 1800 Chef des magdeburgisch-halberstädtischen und 1802 Chef des westfäl. Departements und des von Neuchätel, sowie zugleich Kurator der Kunst⸗ und Bauakademie. Als der Minister von Haugwitz abdankte, übernahm im Aug. 1804 H. das Ministerium des Auswärtigen. Das Ziel seiner Politik war zunächst die Annexion des engl. Hannover, ohne sich doch einer der kriegführenden Parteien anzuschließen, aber mit Hinneigun zu Frankreich. Selbst als die franz. Truppen dur das preuß. Ansbach gegen Österreich marschierten, wollte H. gegen den von Haugwitz beratenen König in seiner Schaukelpolitik verharren. Da kam Kaiser Alexander J. nach Potsdam; unter Beirat von Haugwitz, der neben H. ins Kabinett on Pei war, ward 3. Nov. 1805 die Konvention von Potsdam unterzeichnet, welche Napoleon mit der dangwit. 29. Preußens bedrohte; 13. Nov. reiste Haugwitz ab, um Napoleon die Forderungen zu überbringen. Die Schlacht bei Austerlitz (2. Dez.) dämpfte dies kriegerische Feuer tief: 15. Dez. unterschrieb Haugwitz den Vertrag von Schönbrunn, mit dem Preußen in den Bund mit Frankreich trat, Hannover oean dafür jedoch Ansbach, Neuchätel und Kleve an Napoleon abtrat. Auch jetzt noch glaubte H. einen Mittelweg einschlagen, Hannover besetzen und vom Kriege fernbleiben zu können. In diesem Sinne waren die Vorschläge gehalten, mit denen Haugwitz wieder nach Paris reisen mußte. Hier aber verweigerte Napoleon jeden Nachlaß, Haugwitz unterzeichnete und der König genehmigte den Bund mit Napoleon. Am 24. April 1806 trat H. aus dem Ministerium. Nach der Schlacht bei Jena begab H. sich zum König und wurde 10. April 1807 auf Wunsch des Kaisers Alexander J. zum leitenden Minister ernannt. Nach dem Frieden von Tilsit gab er auf Verlangen Napoleons wieder seine Entlassung, blieb eine Zeit lang in Riga, dann in Tilsit, in Marienwerder oder auf seinen Gütern bei Tempelberg und Grohnde, bis ihn der König nach Steins Ausscheiden aus dem schwachen Ministerium Dohna-Altenstein 6. Juni 1810 zur Würde eines Staatskanzlers berief. Hiermit begann erst die große Periode seines Lebens. In seiner äußern Politik schloß er sich zwar notgedrungen eng an Frankreich an, führte aber im Innern die die künftige Befreiung Preußens einleitenden großen Reformen im Geiste Steins durch, so besonders die Umgestaltung des Heerwesens, die Aufhebung der Leibeigenschaft, der Steuerprivilegien, Zunftmonopole, Zwangs⸗ und Bannrechte, und unterstützte mit Hingebung die militärischen Reorganisationspläne Scharnhorsts. Glänzend thätig war H. während des Befreiungskriegs, unterzeichnete den ersten Pariser Frieden, wurde 3. Juni 1814 in den Fürstenstand erhoben und erhielt die Standesherrschaft Neuhardenberg. H. begleitete auch die verbündeten Monarchen nach London, nahm an dem Kongreß in Wien wesentlichen Anteil und wirkte mit zu den Verträgen in Paris 1815. Sieben Jahre stand H. noch an der Spitze des preuß. Staats, indem er den großartigen Reorganisationsarbeiten, welche dieselben erfüllte, mehr seinen Namen gab als seine Arbeit widmete. Seine persönlichste Angelegenheit war die Frage der Nationalrepräsentation, für die der König in H.8 Verordnung vom 22. Mai 1815 sein Wort gegeben hatte. Vergebens suchte H. durch Nachgiebigkeiten aller Art dies Versprechen durchzusetzen. Er wohnte den Kongressen zu Aachen, Karlsbad und Wien, ernr zu Troppau, Laibach und Verona bei. Von erona aus bereiste er dann Norditalien, wurde aber in Pavia krank und starb zu Genua 26. Nov. 1822. H.s Memoiren über die Zeit von 1805 bis zum Frieden von Tilsit, welche er vor seinem Tode dem Staatsrat Schöll anvertraute und König Friedrich Wilhelm III. versiegelt in dem Staatsarchiv niederlegte, mit der Bestimmung, daß sie erst 50 Jahre nach H.s Tode veröffentlicht werden sollten, sind durch L. von Ranke (Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten von H.»‚ 4 Bde., Lpz. 1877) herausgegeben und mit einer Biographie H.s begleitet worden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 839Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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