FeedHavre oder Le Havre de Gräce
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Havre oder Le Havre de Gräce, nächst Marseille der bedeutendste Handelshafen Frankreichs, die feste Hauptstadt eines Arrondissements im Depart. Unterseine, nördlich an der gegen 9 km breiten Mündung der hier 6,15 metiefen Seine, bei dem 100 mehohen Kreidekap La Hove und Endpunkt der Hauptlinie (Paris-H.) der franz. Westbahn, 89 km westlich von Rouen, 228 kKm im NW. von Paris, ist regelmäßig und gut gebaut, hat neun Quais, mehrere schöne Plätze und Straßen mit Fontainen und zählt (1881) 105 540 E. Unter den Gebäuden sind hervorzuheben die Kirchen Notre-Dame (zwischen 1557 und 1600 erbaut) und St.⸗Francois und das Große Schauspielhaus (außer welchem noch zwei Theater bestehen), ferner das 1855 im Renaissancestil erbaute Hötel de Ville, die Börse, das Zeughaus, das 1669 erbaute Marinearsenal, das Zollhaus, die Tabaksfabrik und das neu aufgebaute Etablissement Frascati. Vor dem Museum stehen die Bronzestatuen der hier geborenen Bernardin de St.⸗Pierre und Casimir Delavigne, von David d'Angers. H. hat einen Gerichtshof erster Instanz, zwei Friedensgerichte, eine Handelskammer, Handelsschule und ein Handelsgericht, ein Lage von Havre. Lyceum, eine hydrogr. Schule mit Sternwarte, einen Gewerberat, eine Gewerbeschule, eine städtische Bibliothek von 30000 Bänden, ein Museum für Kunst, Altertümer und Naturgeschichte, sowie mehrere wissenschaftliche Vereine, ein prot. Konsistorium und eine Synagoge, sowie stark besuchte Seebäder von Ste.⸗-Andrasse, 4 kKm von der Stadt. Der Hafen, dessen 75—100 m breiter Eingang 240 mlang ist, und der 500 Schiffe faßt, besteht aus acht gesonderten Bassins (von 53 ha Fläche und 8300m Quais), von denen das 1846—56 angelegte 21 ha große der Eure eins der schönsten der Welt ist; er hat einen großen Vorhafen und zwei Leuchttürme, und ist durch zwei Forts und drei Küstenbatterien befestigt. Der günstigen Lage an der Mündung der großen Wasserstraße von und nach Paris, sowie der Vortrefflichkeit des Hafens (außer Cherbourg der einzige an der ganzen Nordküste, welcher für große Schiffe vollkommen zu andel verdankt die Stadt ihre gegenwärtige Handelsbedeutung, die durch regelmäßigen Dampfbootverkehr mit Honfleur, Trouville, Caen, Dünkirchen, Brest, Morlaix, Cherbourg, Bordeaux, Antwerpen, Lissabon, Rotterdam, Hamburg, London, Liverpool, Southampton, Glasgow, Swansea, Bristol, Kopenhagen, Petersburg, Konstantinopel, Odessa, Brasilien, Montevideo. Buenos-Ayres, Antillen, Neuyork, Neu-Orleans, Mexiko, Canada, sowie durch Verbindungen mit den franz. Kolonien gefördert wird. Zugleich ist es ein wichtiger Platz für Auswanderer geworden; 1880 war die Zahl derselben 30867, worunter 2645 Franzosen. Neben großem Handel, vorzüglich mit Kaffee, Baumwolle, Häuten, Nutz⸗ und Farbhölzern, hat die Stadt eine Tabaksfabrik, eine Zucker⸗ und eine Petroleumraffinerie, mehrere chem. Fabriken, eine Glasfabrik, Ziegeleien, Brauereien, Färbereien, Baumwollspinnerei und Weberei, Mühlen, ferner Kupfer⸗ und Eisenschmelzereien, Ankerschmieden, Dampfmaschinenfabriken, mechan. Holzsägerei und Schiffbau auf drei Werften. Franz J. gründete an der Stelle des unwichtigen röm. Constantia Castra 1517 die Ville Françoise in der Nähe einer Kapelle der Notre-Dame de Gräce, wonach sie zubenannt wurde. Der Ort ward mehrmals, zumal in der ersten Hälfte des 18.Jahrh., von Sturmfluten heimgesucht. Im J. 1562 überlieferten die Protestanten die Stadt den Engländern, 1564 aber wurde sie wiedergenommen, und von den Engländern bombardiert 1694 und 1759. Durch Richelieu und Vauban wurde der Hafen den größten Schiffen zugänglich gemacht. Schon 1572 ward jedoch H. ein bedeutender Handelsplatz und schickte Schiffe nach Neufundland und Spitzbergen auf den Stockfisch⸗ und Walfischfang aus. Die Stadt wurde auch Sitz einer ind. Kompagnie, die 1643 eine Handelsstation auf Madagaskar, und später einer Senegalkompagnie, die ein Comptoir am Senegal anlegte. Vgl. A. Joanne, Le H., etrétat etc. » (Par. 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 927Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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