FeedLissabon (portug. und span. Lisböa)
Recht & StaatBrockhaus 1882

Lissabon (portug. und span. Lisböa), Haupt- und Residenzstadt von Portugal, ist Sitz der höchsten Reichskollegien, des obersten Gerichts⸗ und eines Appellhofs, des Kardinal⸗-Patriarchen, zugleich Kriegshafen und Centrum des portug. Handels und Kolonialverkehrs, überhaupt eine der wichtigsten Handelsstädte Europas. Dieselbe liegt in der Provinz Estremadura am nördl. Ufer der von der Mündung des Tejo gebildeten 18 km langen, 9 km breiten Bai von Lissabon (Rada de Lisböa) amphitheatralisch auf und zwischen drei größern und vier kleinern, nordwärts zu majestätischem Hintergrund der gezackten Serra de Cintra ansteigenden Hügeln in einer ungemein reizenden, mit wohlhabenden Ortschaften, ehemaligen Klostergebäuden, die jetzt andern Zwecken dienen, Fabriken, Landhäusern, Gärten und Orangenhainen besäeten Gegend, und gewährt von der Seeseite einen großartig schönen Anblick, vergleichbar dem von Konstantinopel und Neapel. Die eigentliche Stadt, ehemals in die vier Quartiere (Bairros) Alhama, die alte Stadt, Rocio, die niedere, am Tejo sich hinziehende neue Stadt, Bairro-Alto, die obere Stadt, und Alcäntara, das westl. Viertel eingeteilt, zerfällt jetzt in die drei Bairros: occidental (8 Kirchspiele), central (11) und oriental (15 Kirchspiele). Das westl. Viertel steht mit der im Südwesten gelegenen Vorstadt Belem, sowie mit den Ortschaften ihres Weichbildes (des Termo de Lisbéa) in Verbindung. Die Stadt ist, abgesehen von der Octroimauer, ganz offen, nur mit Zollthoren, erstreckt sich 7 Kmuan der Tejobai hin und hat 18 km im Umfang. Sie enthält 47 800 Häuser, 750 teils gepflasterte, teils macadamisierte, fast durchweg mit Gas erleuchtete Straßen, 13 Hauptplätze (Pragas) und 47 kleinere Pläße (Largos), 6 Promenaden, 5 Kirchhöfe, 41 Pfarr⸗ und 23 andere Kirchen, gegen 200 Kapellen, 8 Spitäler, 14 Kasernen, 6 Theater, 1 Amphitheater für Stiergefechte, 58 öffentliche Brunnen, 24 Thore, viele elegant eingerichtete Cafes und Kaufläden. Die Zahl der Einwohner betrug nach der letzten Zählung (1877) in der eigentlichen Stadt 203 681, in der Vorstadt Belem 31563, in Olivaes 29187, zusammen 264 431, worunter außer vielen Fremden zahlreiche Neger, Mulatten, Creolen und an 30000 Galegos aus dem span. Galicien, die als Last⸗ und Wasserträger u. s. w. dienen und mancherlei oft bedeutende Geschäfte treiben. L. hat infolge des großen Erdbebens von 1755 eine ganz neue Physiognomie erhalten. Die alte Stadt, das östlich an den Abhängen des 110 m hohen Monte do Castello sich ausbreitende Viertel Alhama, welches vom Erdbeben verschont geblieben, bildete bis in die neueste Zeit ein Gewirr enger, krummer und finsterer Gassen, mit alten, vielstöckigen, gotisch verzierten Häusern, die jetzt meist hübschen Häusern und breiten Straßen gewichen sind, während die seit 1755 neu aufgebauten Stadtteile regelmäßig angelegte Straßen und schöne, zum Teil palastähnliche, aber im schlechten Stile des 18. Jahrh. erbaute Häuser zeigen. Dagegen sind an der Avenida da Liberdade in neuester Zeit zwei Reihen Neubauten im schönsten Stil erstanden. Die schönsten Plätze sind die Praca do Commercio am Tejo-Ufer, auf drei Seiten von den Gebäuden der Ministerien, des Zollhauses, des Stadthauses und der Börse umgeben, in der Mitte mit der bronzenen Reiterstatue Josephs I., am Eingang in eine Straße mit einem Ruhmesbogen geziert, und die Praga do Rocio (Dom-Pedro-Platz) mit der Statue Pedros IV.; dicht daneben liegt der Hauptmarktplatz (da Figueira) mit schönen Kaufhallen aus Eisen, von Deutschen erbaut. Von den öffentlichen Promenaden ist die besuchteste der Passeio Publico mit dem Denkmal zur Befreiung von der span. Herrschaft; der Passeio ist der Anfang der großen Avenida da Liberdade, welche in der Länge von 3 km bis nach Campo Grande führt. Einige andere beliebte Promenaden sind: die Gärten von San-Pedro d'Alcantara, von Estrella, die Plätze Principe Real und Rocio, die große Dammstraße (Aterro) längs des Flusses bis nach Alcäntara; ferner der sehr schön gelegene zoolog. Garten in San-Sebastias da Pedreira und die königl. Tapada (Park) von Ajuda, wo die erste portug. landwirtschaftliche Ausstellung 1884 stattfand. Das Rendezvous der eleganten Welt ist die Straße Almeida Garrett (ehemals Chiado), der Mittelpunkt der Modehandlungen und vornehmen Hotels, an deren Ende der Cambesplatz mit dem Denkmal des Dichters Camöes sich befindet. Von den nach dem Erdbeben erbauten Kirchen sind erwähnenswert die Kirche des 1770 gestifteten Klosters Zum Herzen Jesu auf dem westl. Stadthügel, eine Nachahmung der Peterskirche zu Rom, und die aus Marmor erbaute, ehemals den Jesuiten gehörige Rochuskirche, mit kostbaren Mosaikgemälden in der St. Johanneskapelle. Altere Kirchen sind die umfangreiche Kathedrale Basilica de Sta. Maria, die große Patriarchalkirche mit Kuppel, die alte got. Kirche do Carmo, gestiftet von Dom Nuno Alvares Pereira 1420, seit 1755 eine Ruine, worin jetzt das Altertumsmuseum sich befindet, die Kirche da Graga mit dem Grabmal Albuquerques, die Klosterkirche San-Vicente de Föra mit vielen Gräbern des Hauses Braganza, die Kirche Nossa-Senhora do Loretto. Unter den königl. Schlössern zeichnet sich keins durch imposantes Ansehen aus, außer dem auf einer Anhöhe bei Belem gelegenen Palaste Ajüda, der jetzigen königl. Residenz, einem gewaltigen, aber unvollendet gebliebenen Bauwerk, mit dem königl. botanischen Garten, dem Naturalienkabinett und andern Sammlungen. Der ehemalige Residenzpalast Das Necessidades, im westl. Stadtteil, unweit der Mündung des Flüßchens Alcäntara, ursprünglich ein Nonnenkloster, ist ein äußerlich unscheinbares, doch im Innern mit Geschmack und Pracht ausgestattetes Schloß alten Ursprungs (1742), erneuert 1833, jetzt Residenz des Infanten Dom Augusto. Das ehemalige Klostergebäude nahebei, Residenz des Königs Fernando, enthält reiche Kunstsammlungen und Gemäldegalerien. Etwa IEm vom Palast von Ajüda findet sich der Palast von Belem, mit schönem Garten und herrlicher Aussicht auf den Tejo; er gehörte im 18. Jahrh. der durch Pombal berühmt gewordenen Familie Tavora. Das großartigste Bauwerk L.s ist der unter Johann V. (1732—38) aus Marmorquadern ausgeführte Aquädukt von Alcäntara, welcher der Stadt von dem 8 km entfernten Flecken Bellas und von anderwärts Trinkwasser zuführt und das Alcäntarathal auf 35 Bogen überschreitet, von denen der mittelste 65 m hoch ist; im ganzen hat der Aquädukt 127 Bogen; neuerdings hat man das Wasser des Flüßchens Alviella (30 km von Lissabon) in denselben Aquädukt geleitet. Das von Emanuel d. Gr. 1499 gestiftete ehemalige Hieronymitenkloster Belem GBBethlehem) in der gleichnamigen westl. Vorstadt, ein gewaltiges Gebäude von halb maurisch⸗-byzant., halb got. Bauart, mit prachtvoll verziertem Kreuzgang und gotischer, die Grabmäler Emanuels d. Gr., Johanns III., Alfons IV. und des Kardinals Heinrich enthaltender Kirche, ist jetzt Waisenhaus. Merkwürdig ist auch unweit dieses Klosters, dicht am Ufer des Tejo, die Torre de Belem, ein alter, dicker, schön verzierter Turm von arab.⸗got. Bauart, auf dessen Plattform eine den Strom beherrschende Batterie sich befindet. überdies sind zu nennen das königl. Schloß Bemposta im Nordosten der Stadt, worin sich die Heerschule befindet, das Theater San-Carlos für die ital. Oper und das Theater Donna-Maria für das nationale Schauspiel, die Münze, die Getreidehalle, die Polytechnische Schule, das Armee-Arsenal, das vorzüglich eingerichtete Marine-Arsenal, die königl. Werfte und Docks. Zu den wichtigern Bildungsanstalten zählen das Lyceum (Lyceu central), mehrere Normalschulen für Volksschullehrer und Lehrerinnen, zahlreiche öffentliche Bürgerschulen und eine große Anzahl von Privaterziehungs- und Lehranstalten für den Elementar⸗ und Sekundärunterricht und viele Asyle zur Erziehung armer Kinder, Kinderbewahranstalten und Kindergärten nach Fröbels System, die Gewerbeanstalt (Instituto industriah) mit Handelsschule, die Gewerbezeichenschule, die königl. Polytechnische Schule mit schönem botan. Garten, meteorologischen Anstalten und reichem naturhistor. Museum, die mediz.⸗chirurgische Akademie, die Heerschule Hadie Miart für Fortisikation und Artillerie, die Marineschule mit Sternwarte (38˙ 42“ nördl. Br. und 8 31, östl. L. von Ferro) und dem meteorolog. Observatorium, das königl. Ackerbau-Institut mit Tierarzneischule, einer Versuchsanstalt zu Bemposta, einer großen Baumschule zu Campo-Grande u. s. w. Auch hat L. eine Akademie der schönen Künste, ein königl. Konservatorium für Musik, eine Akademie der Wissenschaften (1778 gegründet und 1851 reorganisiert) mit einer Bibliothek und einem botan. Garten, zwei öffentlichen Bibliotheken, von denen die Nationalbibliothek 150000 Bände und gegen 10000 Manustripte enthält. Mit ihr ist die sehr reiche königl. Münzsammlung verbunden. Ferner das berühmte königl. Staatsarchiv der Torre do Tombo, welches sich mit der Pairs⸗ und Deputiertenkammer im ehemaligen Benediktinerkloster San-Vento befindet und eine ungeheuere Menge von Dokumenten (darunter 82 902 auf Indien bezagliche enthält, das Museu das Bellas Artes im Palais Pombal seit 1880. Die wichtigsten Wohlthätigkeitsanstalten sind die Sta.⸗Casa da Misericordia, verbunden mit einem großartigen Findel⸗ und Waisenhaus, das königl. Hospital San-José (die zage von Lissabon. Klinih, die Casa-Pia in den Räumen des Klosters Belem, eine großartige Waisen-Erziehungsanstalt, die Irrenanstalt in dem ehemaligen Kloster Rilhafolles u. a. Bemerkenswert sind außerdem mehrere Gefängnisse, der Limoeiro (im 14. Jahrh. Palast einiger Könige) für Männer, mit Aljube für Frauen, an deren Stelle 1885 ein großes Zellengefängnis getreten ist, ein Korrektionshaus für verwahrloste Kinder im ehemaligen Kloster Sta.Monica. L. war früher berüchtigt wegen f einer Unsicherheit und seines Schmutzes, die jedoch seit besserer Stadtverwaltung, Organisation der Municipalgarde und Cröffnung der Gasanstalt (1848) geschwunden sind. Den Sicherheitsdienst versieht außerdem eine zahlreiche Stadtpolizei. Die Judustrie der Stadt ist nicht unerheblich. Außer der Fabrikation von Schmucksachen, Filigran⸗, Gold⸗ und Silberwaren, einer hier uralten Industrie, blühen in der Stadt und ihren Umgebungen vorzüglich die Spinnerei und Weberei von Baumwolle, Hanf, Wolle und Seide. Sehr geschätzt sind die Arbeiten der hiesigen Schuhtmacher, Schneider, Hutmacher, Metallarbeiter und Steinhauer. Ferner bestehen mehrere Tabaks⸗ und Cigarrenfabriken, Porzellan-, Talg- und Seifenfabriken, Färbereien, Eisengießereien, Bau⸗ und Möbeltischlereien, Zuckerraffinerien, Maschinenfabriken, verschiedene Fabriken für Chemikalien, musikalische Instrumente, Waffen, Glas, Papier, Steingut, Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, mehrere Konservenfabriken u. s. w. Vom großen Wasser⸗⸗ behälter Mäi d'agua führen Röhrenleitungen das Trinkwasser durch alle Stadtteile in die Häuser. Warme Heilquellen sind in Ribeira Velha und im Arsenal. Bedeutender ist L. als Handelsplatz. Unter den Handelshäusern sind mehrere hundert ausländische, darunter auch viele deutsche. Unter den Kreditanstalten nimmt die Bank von L. (gegründet 1822) den ersten Rang ein; andere bedeutende sind Banco Lisboa se Agores, Lusitano und Commercial. Ferner bestehen 12 portug. Assekuranzgesellschaften, 9 Agenturen fremder, mehrere Dampfschiffahrts- und Eisenbahngesellschaften, eine Börse, eine Han⸗⸗ delskammer, ein Handelsgericht und zahlreiche Konsulate der auswärtigen Mächte. Durch Eisenbahnen ist L. mit Oporto, Badajoz und Algarbien verbunden. Im Bau begriffen ist eine Eisenbahn nach Cintra, Mafra, Torres Vedras und andern nördl. Ortschaften. Direkte Dampfschiffahrtsverbindungen ins Ausland bestehen nach Afrika, Asien und Amerika und nach fast allen bedeutenden Seehandelsplätzen Europas. Der Eingang zur Bai von L., die Entrada do Tejo, ist für die Passage ohne Lotsen gefährlich, indem sie in der Breite von etwa 600 von einer submarinen Felsenbank, Dente do Cachopo, durchsetzt und dadurch in zwei Kanäle geteilt wird. Den Eingang verteidigen die beiden Forts San-Juliäo am rechten Ufer und Bugio oder San-Lourengo auf dem Cachopo. Der Schiffahrtsver-He lehr L.s hat sich neuerdings außerordentlich gehoben; ausgeführt werden namentlich Kartoffeln, Olivenöl, Südfrüchte, Wein, Salz, Erze und Industrieerzeunnisse. Der Hafen ist sehr belebt durch zahlreiche hier an- und auslaufende Schiffe von engl., deutschen, franz. und span. Dampferlinien von 35 verschiedenen in- und ausländischen Gesellschaften. Der Fremdenverkehr nimmt außerordentlich zu und der Handel würde es in noch höherm Maße thun, wenn die Zollbehörden nicht allem internationalen Austausch so große Schwierigkeiten bereiteten und die Hafeneinrichtungen zeitgemäße, unerläßliche Verbesserung erhielten. L. hieß im Altertum Olisippo oder Ulisippo, als röm. Municipium Felicitas Julia, bei den Sueven und Westgoten Olisipona und Ulyssipona, bei den Arabern Al-Oschbuna und Lischbuna. Den Arabern, denen die Stadt 716 in die Hände fiel, wurde sie im Laufe der Zeit wiederholt entrissen, bis sie 25. Okt. 1147 Alfons I. von Portugal mit Hilfe von deutschen, flandr., engl. und franz. Kreuzfahrern für immer zu einer christlichen machte. Unter den christl. Königen wuchs die Bedeutsamkeit der Stadt rasch. Im 14. Jahrh. wurde sie von Ferdinand I. mit festen Mauern und Türmen umgeben, der untere offene Teil aber durch Heinrich II. von Castilien geplündert und in Brand gesteckt. Von König Iohann I. von Portugal zur Residenz erhoben, später von Emanuel d. Gr. zum Ausgangspunkt der portug. See-Expeditionen gemacht, blühte L. zu dem bedeutendsten Handelsorte Europas, zu einem Weltmarkte empor, sank aber wieder seit der Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. Einnahme und den Blutgerichten des Herzogs Alba (1580) unter der Herrschaft der Spanier, die erst 1640 vertrieben wurden. Die unter dem Hause Braganza wieder aufgeblühte und befestigte Stadt zählte mehr als 300000 E., als sie durch das Erdbeben vom 1. Nov. 1755 und die gleichzeitigen überflutungen und Feuersbrünste zu zwei Drittteilen zerstört wurde. Nur durch die Energie des Ministers Pombal stieg sie rasch aus Schutt und Asche wieder empor. Vom 29. Nov. 1807 bis zu der 30. Aug. 1808 durch die Engländer erzwungenen Räumung schmachtete L. unter der von Junot befehligten franz. Oecupation. Gegenwärtig (1885) wird an einer Verteidigungslinie gearbeitet, welche L. zu Land schützen soll. Sie beginnt bei Sacavem und reicht bis zur Barre bei Caxias (30 Km); mehrere starke Forts sind bereits fertig. Vgl. Ruanod, „(Guia el viajero en Lisboa v (Madr. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 111Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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