FeedManessische
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Manessische Handschrift nannte Bodmer eine auf der großen pariser Bibliothek aufbewahrte Minnesängerhandschrift (im kritischen Gebrauch mit Obezeichnet) auf Grund eines in ebenderselben Handschrift enthaltenen Liedes des züricher Dichters Joh. Hadlaub, worin dieser die beiden Manessen (Rüdiger Manesse, Ritter und Ratsherr zu Zürich w1280—1325, und dessen ältern Sohn gleichen Namens, Chorherr am großen Münster, erst Custos, dann Scholaster, 1296 1328) wegen ihrer Liebe zur einheimischen Poesie und insbesondere ihres Eifers im Sammeln von Liederbüchern preist. Diese Benennung ist jedoch jetzt durch die Bezeichnung „Pariser Handschrifto völlig verdrängt. Die Handschrift ist im 14. Jahrh. von verschiedenen Händen, jedenfalls in der Schweiz, geschrieben und unter den erhaltenen mittelhochdeutschen Liederhandschriften, wenn auch weder die älteste noch die zuverlässigste, doch bei weitem die reichste, denn sie enthält auf 429 pergamentenen Folioblättern über 7000 Strophen von 140 Dichtern und 137 je eine ganze Seite einnehmende Bilder. Um 1600 befand sie sich im Besitze der Freiherren von Hohen-Sax auf der Burg Forsteck bei St. Gallen, ward 1607 durch Marquard Freher für die kurfürstl. Bibliothek zu Heidelberg angekauft und kam während des Dreißigjährigen Kriegs nicht mit den übrigen entführten Handschriften nach Rom, sondern auf unbekannte Weise nach Paris in Privatbesitz und durch Geschenk an die Bibliothek daselbst, weshalb sie auch 1815 nicht mit den andern pfälzer Handschriften von dort zurückgefordert werden konnte. Die ersten Proben aus ihr lieferte Goldast um 1600 in verschiedenen seiner Werke; dann ließ Bodmer den größten Teil derselben abdrucken in seiner Sammlung von Minnesängern aus dem schwäb. Zeitpunkter (2 Bde., Lpz. 1758—59). Endlich gab sie von der Hagen vollständig heraus in den ersten beiden Teilen seiner Minnesingero (Lpz. 1838). Derselbe hat auch die Mehrzahl ihrer Bilder veröffentlicht und erläutert in den Abhandlungen der berliner Akademie der Wissenschafteno 1842—48 und im «Bildersaal altdeutscher Dichtero» (Berl. 1856). Ein Facsimile der Handschrift gab Mathieu heraus als »Minnesänger aus der Zeit der Hohenstaufen (Lpz. 1866).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 405Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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