Marmor nennt man in der Mineralogie und Geologie die deutlich krystallinisch körnigen Kalksteine, welche namentlich in dem ältesten Schiefergebirge, im Gneis und Glimmerschiefer eingelagert auftreten, aber auch den sedimentären Formationen nicht fehlen, wie denn gerade die ausgezeichnetsten Vorkommnisse dieser Art, von Carrara und aus der Gegend von Athen, Glieder des Jura- und des Kreidegebirges zu sein scheinen; in der Technik versteht man dagegen unter M. jede Varietät des Kalksteins, welche sich vermöge ihrer Farbe und Farbenzeichnung oder ihrer Politurfähigkeit zu künstlerischen Zwecken oder zu Ornamenten eignet, ganz abgesehen von Gefüge, körniger oder dichter Zusammensetzung und geolog. Alter. Die technisch nutzbaren Marmorarten hat man nach ihrer natürlichen Beschaffenheit in folgende Klassen eingeteilt: 1) Einfache Marmorarten, welche nur aus reinem oder nur mit Farbstoff versetztem (3. B. durch Kohle dunkel, durch Eisenocker bräunlich gefärbtem) Kalk bestehen. Dahin gehören: a) Der weiße M., z. B. der gelblichweiße parische, der feine pentelische, der koralitische, der von Lumi und der grauweiße vom Hymettus; der carrarische war schon im Altertum berühmt und liefert noch jetzt das beste Bildhauermaterial. Außer Oberitalien, das am reichsten an weißem M. ist, findet man solchen noch in Griechenland, Frankreich, den Pyrenäen, Tirol (bei Schlanders), Norwegen u. s. w. b) Der schwarze M., nero antico, Lucullan, welcher in Belgien (als Glied des Kohlenkalks), in Deutschland u. s. w. gefunden wird. c) Der rote M.: der braunrote, schwarzpunktierte rosso antico aus Agypten, der marbre griotte aus Narbonne, der rosenrote mit dunkelgrünen Augitkrystallen von der Insel Tiree in Schottland, der purpurfarbige von Tipperary in Irland und der rote veronesische. d) Der gelbe M.: der numidische giallo antico und der florentinische M. Der Varietäten, wo die Farben gemischt sind, existieren eine Unzahl, und man hat sie meist nur nach den Fundorten, bisweilen auch nach der vorherrschenden Farbe zu klassifizieren gesucht, z. B. mit weißem Grunde, mit schwarzem Grunde, mit blauem Grunde u. s. w. 2) Breccien, welche teils aus verschiedenfarbigen, durch die Marmormasse gleichsam zusammengekitteten Fragmenten bestehen, teils aus solchen M., welche nur durch Adern geteilt, aus Fragmenten zu bestehen scheinen (Pseudobreccien). Brocatello ist solcher Breccienmarmor, dessen Fragmente sehr klein sind. Außerdem unterscheidet man die Breccien nach den Farben, z. B. die violetta antica, scharfkantige weiße Fragmente mit violettem Bindemittel; breccia pavonazza, rote Fragmente mit weißem Grunde; Breccie von Moutiers, verschiedenfarbige Fragmente in violettem Grunde u. s. w. Der florentiner Ruinenmarmor zeigt ruinenähnliche Zeichnungen, entstanden durch die gegenseitige Verschiebung von Bruchstücken eines grau und verschieden gelb gestreiften Kalksteins. 3) Zusammengesetzte Marmorarten, welche nicht aus reinem Kalkstein bestehen, sondern andere Mineralien, z. B. Chlorit, Serpentin oder Talk u. s. w., in Bändern oder nestförmig eingesprengt enthalten, weswegen sie oft mit den Breccien große Ahnlichkeit haben. Unter den antiken Marmorarten erwähnen wir hier den verde antico, Kalk mit Serpentinadern. Der Cipolin ist weiß oder rötlich und mit Glimmer, Talk oder Chlorit gemengt, geflammt oder geadert. Namentlich sind Savoyen, Piemont, Corsica und die Pyrenäen reich an zusammengesetzten M. 4) Der Muschel- oder Lumachellmarmor enthält Schaltiergehäuse, entweder gedrängt oder verteilt durch den Kalkstein als Bindemittel vereinigt. Der prachtvollste dieser Art ist der M. von Bleiberg in Kärnten, welcher opalisiert. Der Luchamell von Astrachan ist dunkelbraun mit orangefarbenen Muscheln; der sog. Leichentuchmarmor ist dunkelschwarz mit weißen Petrefakten, die in Italien vielfach gebrauchte pietra stellaria ein M., welcher graue und weiße Korallen mit sternförmigem Querschnitt enthält. Auch gehört hierher eigentlich der rote Brocatello von Tortosa. Zu figürlichen Bildhauerarbeiten verwendet man jetzt ohne Ausnahme nur weißen M.; aus dem Altertum hat man Bildwerke von allen Arten.