FeedMazarin (Jules)
GeschichteBrockhaus 1882

Mazarin (Jules), eigentlich Mazarini, Kardinal und berühmter franz. Staatsmann während der Minderjährigkeit Ludwigs XIV., geb. 14. Juli 1602 zu Piscina als der Sohn eines sicil. Edel⸗ [(manns. Er studierte in Rom, dann auf span. Universitäten die Rechte, trat aber 1622 in päpstl. Militärdienste und stand 1625 als Hauptmann im Veltlin. Im mantuanischen Erbfolgestreite fungierte er als päpstl. Internuntius. In dieser Stellung lernte ihn in Lyon 1630 Richelieu kennen, der sich M.s fortan zur Aufrechthaltung des franz. Interesses in Italien bediente. Nachdem er 1632 zu Rom in den geistlichen Stand übergetreten, schickte ihn der Papst 1634 als Vizelegaten nach Avignon und bald darauf als außerordentlichen Nuntius in Angelegenheiten der lothring. Dynastie an den franz. Hof. Im J. 1636 kehrte M. nach Rom zurück und wirkte nun offen für die franz. Politik. Im J. 1639 trat er völlig in die Dienste Ludwigs XIII. und erhielt auf Verwenden Richelieus 16. Dez. 1641 den Kardinalshut. Richelieu empfahl ihn sterbend dem König als seinen Nachfolger; Ludwig XIII. ernannte ihn hierauf zum Staatsrat und erhob ihn auch zum Mitgliede des Regentschaftsrats, der unter der Präsidentschaft des Herzogs Gaston von Orléans das Reich während der Minderjährigkeit Ludwigs XIV. verwalten sollte. Nach dem Tode des Königs (Mai 1643) schien die Königin-Mutter das System Richelieus verlassen zu wollen; doch gelang es M. in kurzem, sich derselben unentbehrlich zu machen. Die durch den Westfälischen Frieden gekrönte Politik Frankreichs während der letzten Jahre des Dreißigjährigen Kriegs war vor allem M.s Werk. Aber der äußere Friede erweckte im Reich neue Gärung. M. versuchte sie zu ersticken, indem er 26. Aug. 1648 die Häupter der Opposition verhaften ließ. Schon am folgenden Tage erhob sich die Hauptstadt, womit die sog. Unruhen der Fronde (s. d.) ihren Anfang nahmen. Da Prinzen, Aristokraten, Geistliche, wie Kardinal Retz, die Spanier und die Opposition des Parlaments zusammenwirkten, wich M. dem Sturm aus und machte große Zugeständnisse (Ende 1649). Der Kampf entbrannte von neuem, als die Königin-Regentin auf seinen Rat im Jan. 1650 die Prinzen Condé und Conti nebst dem Herzog von Longueville (Dunois) verhaften ließ. M. begab sich nun selbst an der Spitze der königl. Truppen in die Provinzen, siegte bei Räthel 15. Dez., mußte aber vor den vereinten Gegnern im Febr. 1651 aus Paris weichen und flüchtete nach den Niederlanden. Während ihn das Parlament ächtete und die Presse mit zahllosen Schmähschriften (Mazarinades) verfolgte, ging er von Lüttich nach Köln, wo er seine Verbindung mit der Königin-Regentin herstellte. Die Empörung des Prinzen Condeé gab ihm endlich den Mut, Frankreich wieder zu betreten. Er traf Dez. 1651 zu Poitiers ein und verband sich mit der Streitmacht des Hofs. Weil jedoch die Stadt Paris ihre Unterwerfung von der Entfernung des geächteten Ministers abhängig machte, so entfernte er sich 19. Aug. 1652 nach Sedan und von hier nach Rheims. Erst 1. die Parteien Frieden geschlossen und Conde nach Spanien entwichen war, kehrte er 3. Febr. 1653 nach der Hauptstadt zurück. In kurzer Zeit hatte M. sich seine frühere polit. Gewalt wieder erworben. Spanien, mit dem Condé seine Waffen verbunden, ward aufs neue gedemütigt, mit Cromwell ein enges Verhältnis hergestellt und schließlich durch den Pyrenäischen Frieden (13. Aug. 1659) der Triumph über Spanien besiegelt. So vollendete M., was Richelieu begonnen: die Monarchie Ludwigs XIV. ist durch beide fundamentiert worden. M. starb 9. März 1661 zu Vincennes. Sein ungeheueres Vermůögen erbte der Marquis de la Meilleraie, der eine von M.s Nichten, Hortensia Mancini, heiratete und den Titel eines Herzogs von M. erhielt. Von M. erschienen: „Lettres du cardinal M. où P'on voit le secret de la négociation des Pyrénéeso (2 Bde., Par. 1745 u. öfter), Lettres à la reine Anne (Par. 1836), „Lettres relatives à la Frondes (Par. 1861). Moreau gab eine Bibliographie (3 Bde., Par. 1850—51) und eine Auswahl (3 Bde., Par. 1850—51) der Mazarinaden heraus. Vgl. Ranke, «Französische Geschichter (Bd. 3); A. Chéruel, 4Histoire de France sous le ministère M.„ (Bd. 1—3, Par. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 549Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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