Meißen, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Dresden, liegt zwischen dem Meisabach und dem Flüßchen Triebisch am linken Ufer der Elbe, über die hier zwei Brücken führen, und an der Linie Leipzig-Döbeln-Dresden der Sächsischen Staatsbahnen, in schöner Gegend, ist Sitz einer Amtshauptmannschaft, einesAmtsgerichts und eines Hauptsteueramts Und zählt (1880) 14166 meist prot. E. M. verdankt seinen Ursprung und seinen Namen (von czech. mys, Vorgebirge, adjektivisch mysny) der von König Heinrich J. um 929 gegen die neu unterworfenen Dalaminzier erbauten Zwingburg; von den alten Befestigungen sind nur noch wenige Spuren vorhanden. Seit Begründung der Mark M. unter Kaiser Otto I. war M. nicht nur der Sitz der Markgrafen, bis diese im 13. Jahrh. ihre Residenz in Dresden nahmen, sondern auch zeitweilig wenigstens der Bischöfe und der Burggrafen. An Stelle der alten markgräfl. Burg wurde unter Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht dem Beherzten seit 1471 durch den Meister Arnold von Westfalen ein neues Schloß im edelsten spätgot. Stile erbaut, welches seit seiner Restauration unter Kurfürst Johann Georg II. den Namen Albrechtsburg führt. Nach der Erfindung des Porzellans durch Böttger (s. d.), wurde dasselbe 1710 zur Porzellanfabrik, der ersten in Europa, eingerichtet; erst seitdem diese 1863 in neue im Triebischthale errichtete Gebäude verlegt worden war, wurde es von allen Verunstaltungen befreit, in seiner alten architektonischen Reinheit hergestellt und das Innere durch Wandgemälde und reiche Dekorierung zu Prachträumen umgeschaffen. An die Albrechtsburg stößt der Dom mit dem höckerigen Turm, einer 18 m hohen Spitzsäule von durchbrochener Arbeit; nachdem der in seiner frühesten Gestalt von Kaiser Otto I. erbaute Dom zu Anfang des 13. Jahrh. abgebrannt war, begann Bischof Withego I. 1266—93) einen solidern und schönern Neubau, kam jedoch damit nur bis zum Haupteingange der Südseite. Withego II. (1312 —42) setzte das Werk bis auf die beiden westl. Türme fort, die zu Anfang des 14. Jahrh. vollendet wurden, nach dem Brande von 1413 wieder 1479 aufgeführt, 1547 aber vom Blitz aufs neue zerstört wurden. Den westl. Haupteingang des Doms verdeckt die von Kurfürst Friedrich dem Streitbaren 1425 als Erbbegräbnis seines Stammes erbaute Fürstenkapelle, die außer dem ehernen Grabmal des Stifters verschiedene künstlerisch wertvolle Grabplatten enthält; der letzte der hier bestatteten Fürsten ist Albrecht der Beherzte, in einer Seitenkapelle ruht Georg der Bärtige mit seiner Gemahlin Barbara. Vgl. Puttrich, Das Schloß und der Dom zu M.v (Lpz. 1845); Gurlitt, Das Schloß zu M.v (Dresd. 1881); Ebert, Der Dom zu M.» (Meiß. 1835). Im Schloßhofe steht das von Hultzsch modellierte Standbild Albrechts des Beherzten. Das Domkapitel besteht aus acht Kapitularen (unter welchen zwei Professoren der Theologie an der Universität Leipzig), an der Spitze ein Dompropst und ein Domdechant. Den Schloßberg verbindet eine mächtige, jedenfalls noch aus dem 13. Jahrh. stammende Brücke mit dem Afraberge, so genannt nach dem St. Afrakloster regulierter Augustinerchorherren, welches Bischof Dietrich (1024 -39) gegründet haben soll; die zuerst 1205 erwähnte Afrakirche war die ursprüngliche Parochialkirche von M.; die Stadt⸗ oder Marienkirche verdankt ihre Stiftung dem Burggrafen Hermann I. 1150. Vgl. Flathe, (Das Kloster der Augustinerchorherren zu St. Afrav lin von Webers «Archiv für sächs. Geschichtes, neue Folge,‚ II, Lpz. 1876). Die Klostergebäude sowie einige Domkurien wies Kurfürst Moritz einer der drei von ihm 1543 gestifteten Fürstenschulen an. Ihr erster Rektor war Georg Fabricius (s. d.), zu ihren Zöglingen gehörten Lessing, Gellert, Rabener; seit 1879 besitzt die Fürstenschule ein neues Gebäude, die schöne Aula zieren Wandgemälde von Pawels und Große. Vgl. Flathe, «St. Afra, Geschichte der königlich sächs. Fürstenschule zu M. »(Lpz. 1879). Von den drei städtischen Volksschulen befindet sich die älteste zugleich mit der Realschule nebst Progymnasium an der Stelle des Franziskanerklosters, von dem nur noch ein Teil der Kreuzgänge und die Kirche erhalten ist. Die Ruinen eines dritten Klosters, das Cistercienserinnenkloster zum Heiligen Kreuz, liegen unterhalb M. an der Elbe. Das Rathaus stammt aus dem — 1479. Im Hussitenkriege litt M. große Bedrängnis; im Kaiserlihen gen Kriege wurde es 1632 von den Kaiserlichen genommen, 1637 aber von den Schweden, die es zum Teil niederbrannten. Die hölzerne Elbbrücke brannte Kurfürst Johann Friedrich 1547 bei seinem Rückzuge vor Kaiser Karl V. hinter sich ab, am 15. März 1813 ließ Marschall Davoust die beiden Hauptjoche derselben in Brand stecken und am 15. Juni 1866 wurden dieselben bei dem Rückzuge des sächs. Heeres durch Sprengung abermals vernichtet. Durch große überschwemmungen litt M. 1784, 1845, 1862, 1876. Die meißener königl. Porzellanmanufaktur, welche 750 Arbeiter beschäftigt, bevorzugt in ihren künstlerisch vollendeten Fabrikaten den Rokokostil. Im Anschluß an sie hat sich M. zu einem Sitz des keramischen Kunstgewerbes ausgebildet. Außerdem besitzt es Eisengießereien und Maschinenfabriken, die größte Jutespinnerei und-Weberei Sachsens, eine Stockfabrik(nebst Elfenbeinschnitzerei), Zünderfabriken, zwei bedeutende Cigarren⸗ und Tabaksfabriken, ferner Fabriken von Essig, Nähmaschinen, Telegraphenapparaten, eine Zuckersiederei, zwei Bierbrauereien, mehrere Gerbereien, Schiffahrt, Speditionshandel, nahebei reiche Thonlager, sowie Granit⸗ und Porphyrbrüche. Bei M. wird viel Wein und Obst gebaut; die Umgegend bietet große landschaftliche Reize, namentlich der Park des Schlosses Siebeneichen, der Stadtpark, der Heilige Grund, an den sich eine Sage von Bischof Benno knüpft, das Spaargebirge und Schloß Scharfenberg mit Silberbergwerk. Vgl. Reinhard, „(Die Stadt M., ihre Geschichte, Merkwürdigkeiten u. s. w. »(Meiß. 1829); Gersdorf, Urkundenbuch der Stadt M. (Lpz. 1873). Die Mark Meißen entstand als eine der fünf Marken, in welche Kaiser Otto I. nach Geros Tode 965 dessen große Sorbenmark zerlegte. Dieselbe erstreckte sich, die Gaue Niseni, Dalaminza und Chutizi umfassend, vom Gebirge aus an der Elbe und den beiden Mulden abwärts bis Strehla, Dahlen und Grimma. Als ihr erster Markgraf wird Wigbert genannt; unter seinen nächsten Nachfolgern ragt Ekkehard I. hervor, der die Milzener jenseit der Elbe unterwarf und als Kronprätendent nach Kaiser Ottos III. Tode 1002 zu Pölde ermordet wurde. Sein Tod überlieferte die Mark M. den Einfällen der Polen unter Boleslaw, denen erst 1018 der Friede zu Bautzen ein Ende machte. Grafen aus dem Hause Weimar-Orlamünde und dem der braunschw. Brunonen verwalteten hierauf die Mark, bis Kaiser Heinrich IV. nach der Achtung Egberts II. mit derselben um 1089 den Grafen Heinrich von Eilenburg belehnte, von dessen kinderlosem Sohne Heinrich II. dieselbe 1123 an seinen Vetter Konrad von Wettin gelangte. (S. Sachsen.) Vgl. Posse, Die Markgrafen von M. und das Haus Wettino (Lpz. 1881). Das Bistum Meißen verdankt seine Begründung dem Kaiser Otto I. 968 und war, wie die gleichzeitig gestifteten Bistümer zu Merseburg und Zeitz, in geistlichen Dingen dem Erzbistum Magdeburg unterworfen. Der erste Bischof war des Kaisers Hofkapellan Burkhard. Sein Nachfolger Volkold brachte bereits die Stadt Wurzen und andere Orte an das Stift, und mehr und mehr sich erweiternd, reichte der bischöfl. Sprengel von der böhm. Grenze bis an die Zwickauer Mulde und die Schwarze Elster. Unter allen Bischöfen wurde Benno (s. d.) der berühmteste. Nach Einführung der Reformation in der Stadt nahm infolge Vertrags 1559 auch das Stift die prot. Kirchenverfassung an; der Bischof aber wählte Wurzen (s. d.) zu seiner Residenz. Endlich trat 1587 der Bischof Johann von Haugwitz selbst zur prot. Kirche über und legte sein bischöfl. Amt nieder, worauf zunächst ein Vertrag zwischen dem Kurfürsten von Sachsen und dem Domkapitel dahin zu Stande kam, daß der Administrator desselben stets aus dem Kurhause Sachsen gewählt werden solle. Kurfürst Johann Georg II. erlangte 1663 durch einen anderweiten Vertrag für das Kurhaus Sachsen das Recht fortwährender Administration des Domkapitels, das nun völlig dem kursächs. Lande einverleibt wurde. Vgl. Gersdorf, Urkundenbuch des Hochstifts M.v (3 Bde., Lpz. 1864—67); Machatschek, «Geschichte der Bischöfe des Hochstifts M.v (Dresd. 1884). Das Burggraftum Meißen gehört zu den wenigen Burggraftümern, deren Inhaber von der niedern Stufe eines Befehlshabers kaiserl. Truppen sich zu höherer Macht, Ansehen und Erblichkeit erhoben. Die Anfänge des Burggraftums fallen wahrscheinlich mit denen der Stadt zusammen; der erste namentlich vorkommende Stadtkommandant ist 1010 Friedrich von Eilenburg, die eigentliche Burggrafschaft datiert erst von dem 1068 als praefectus urbis erscheinenden Burchard. Dieselbe bildete nicht ein geschlossenes Gebiet, sondern bestand aus einer Menge zerstreuter Besitzungen, darunter den Schlössern Frauenstein, Hartenstein, Rochsburg. Nachdem der kinderlose Burggraf Heinrich II. aus dem Hause Hartenstein 1426 bei Aussig gefallen war, nahm Kurfürst Friedrich I. die Burggrafschaft als heimgefallen in Besitz, seine Söhne überließen zwar dieselbe dem Vetter des Gefallenen, Heinrich von Plauen, dem der Kaiser sie vergeben hatte, jedoch ohne die markgräfl. Lehen, und durch den preßburger Machtspruch von 1439 wurde die ganze Burggrafschaft samt Frauenstein an Kursachsen abgetreten, die übertragung des Titels und der Würde auf die Stammbesitzungen der ältern plauenschen Linie veranlaßte aber die Entstehung einer neuen, freilich nur titularen Burggrafschaft M., bis Kurfürst August 1569 auch diese nebst dem Vogtlande an sich brachte. Vgl. Märker, Das Burggraftum