Moralstatistik nennt man die auf Massenbeobachtung und große Zahlen gestützte Untersuchung der sittlich bedeutsamen Handlungen in der menschlichen Gesellschaft. Notgedrungen muß sich die Beobachtung auf solche Erscheinungen dieser Art beschränken, die an die Offentlichkeit gelangen und Gegenstand fortlaufender Erhebungen werden können, wie Eheschließungen, uneheliche Geburten, Verbrechen, Selbstmord. Auf die Regelmäßigkeiten, welche sich in der Frequenz aller dieser Handlungen zeigen, wies zuerst Quetelet (s. d.), besonders in seinem Werke Sur Ihomme (Par. 1835) hin. Quetelet betonte aber vorzugsweise das scheinbar naturgesetzliche Moment in diesen Erscheinungen; den freien Willen des einzelnen betrachtet er nur als eine accidentelle Ursache in der Gesamtheit der gesellschaftlichen Kräfte. Drobisch unterwarf diese mechanische Auffassung der M. in seiner Schrift „Die moralische Statistik und die menschliche Willensfreiheits (Lpz. 1867) einer berechtigten Kritik, und Quetelets Anschauung findet seitdem kaum noch wissenschaftliche Vertreter. Daß in der Frequenz der Erscheinungen, z. B. der Verbrechen im Verhältnis zur Bevölkerung, bei Massenbeobachtungen eine gewisse Regelmäßigkeit auftritt, hängt mit den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zusammen und schließt die Selbständigkeit der einzelnen Handlung keineswegs aus. Eine Verarbeitung des gesamten Stoffs der M. hat A. von Sttinger in seinem Werke „Die M. und die christliche Sittenlehrer (Bd. 1, Erlangen 1868; 3. Aufl. 1883) geliefert. Vgl. Knapp, «Die neuern Ansichten über M.» (Jena 1872); Lexis, (Zur Theorie der Massenerscheinungen in der menschlichen Gesellschaft² (Freib. 1877).