FeedMormonen
ReligionBrockhaus 1882

Mormonen oder Heilige des Jüngsten Tages (Latter-Day-Saintsz) heißen die Mitglieder einer religiösen Sekte in Nordamerika, welche 1830 von Joe Smith (geb. 23. Dez. 1805 zu Sharon im Staate Vermont, gest. 27. Juni 1844 zu Karthago im Staate Illinois) gestiftet wurde. Er ließ eine Schrift drucken The book of Mormony EDas Buch Mormonv, deutsch, Hamb. 1852), von welcher er vorgab, sie sei geschrieben auf einer Anzahl goldener Platten, welche ein Engel ihm gezeigt und welche er entziffert habe mit Hilfe einer ihm vom Engel überreichten Brille von zwei Steinen, dem Urim und Thummim. In Wahrheit hatte Smith das Manustript eines Romans benutzt, welchen ein früherer Presbyterianerprediger Salomo Spaulding um 1812 verfaßt und ein Baptistenprediger Sidney Rigdon um 1824 abgeschrieben hatte. Joseph Smith, ein Mann ohne litterarische ildung und festen Beruf, von wenig achtbarem Charakter, stellte daraus die sog. Bibel der M. her. Sie berichtet in ungenießbar breiter, der Bibel nach-Duteierch Sprache, wie Lehi, ein frommer jüd. Patriarch, mit seinen Söhnen Laman, Lemuel, Sam und Nephi zur Zeit des Königs Zedekia von Jerusalem auswanderte nach Amerika. Hier wohnten die Jarediten, welche ihrer Gerechtigkeit wegen bei der habylon. Sprachverwirrung verschont blieben. Die Nachkommen Lehis, nach dem Sohne Nephi alle Nephiten genannt, nannten sich Christen schon vor der Geburt Christi. Ihnen predigte Christus nach seiner Auferstehung das Evangelium. m J. 320 n. Chr. ging infolge innerer Streitigkeiten alle Gottesfurcht verloren, da erschien Mormon, besiegte die Lamaniten, welche zur Strafe für ihre Gottlosigkeit die weiße Farbe verloren und rot wurden. Ihre Nachkommen sind die Indianer. Um 400 n. Chr. wurden die Nephiten ihrer Laster wegen von den Lamaniten gänzlich ausgerottet. Moroni, der Sohn Mormons, blieb Ubrig, setzte die von Nephi begonnene Geschichte bis zu jener Zeit fort, vergrub die Platten nebst der Brille, welche dann Smith mit Hilfe des Engels wieder auffand. Ani 1. Juni 1830 organisierte Joseph Smith mit 30 Anhängern die neue Kirche in Fayette im Staate Neuyork, zog aber schon 1831 nach Kirtland in Ohio. Von großem Einfluß wurde der Beitritt des Sidney Rigdon, welcher die eigentümlichen Lehren der Gemeinschaft ausbildete und die Wie⸗ „derherstellung aller biblischen Amter veranlaßte: Apostel, Propheten, Patriarchen, Bischöfe, Evangelisten, Alteste, Diakonen, Prediger, Lehrer, Priester. Schon 1831 wurde zu Independence eine neue Niederlassung begründet. Die Zahl der An⸗ [)hänger wuchs, aber wiederholte Zwistigkeiten mit [den Nachbarn führten überall zur Vertreibung der M., sodaß sie eine blühende Niederlassung nach der andern aufgeben und immer weiter nach Westen ziehen mußten, 1833 nach Far-West, 1841 nach Nauvoo am Mississippi. Smith wurde wegen zahlreicher Vergehen ins Gefängnis geworfen und hier von einer wütenden Volksmenge getötet. Sein Nachfolger Brigham Poung führte die »Heiligeno im J. 1847 zu ihrer jetzigen Niederlassung am Salzsee. Hier gründeten sie als Hauptstadt das Neue Zionp oder Neue Jerusalemo und schufen in dem von der Natur wenig begünstigten Gebiet durch unermüdlichen Fleiß bald eine blühende Niederlassung. Der Versuch, sich von der Regierung der Vereinigten Staaten völlig unabhängig zu machen, mißlang, und der Mormonenstaat bildet einen Teil des Territoriums Utah. Wiederholt ist es, besonders wegen der Vielweiberei der M., zu Streitigkeiten mit der Regierung gekommen, doch hat diese ein entschiedenes Durchgreifen vermieden. An der Spitze des Staates steht der Präsident, welcher zugleich als Prophet der Empfänger der göttlichen Offenbarungen ist. Ihm zur Seite stehen zwei Räte. Es folgen die zwölf Apostel, welche besonders umherziehen müssen, um neue Genossen zu gewinnen. Unter ihnen stehen die Siebzig. Sie alle zusammen bilden die Generalversammlung. In schwierigen Fällen entscheidet der ——7 Rat der zwölf Hohenpriester. Geistliche und weltliche Angelegenheiten werden nicht unterschieden, daher fällt die bürgerliche Verwaltung mit der kirchlichen Organisation durchaus zusammen. Eine allseitig ausgearbeitete Lehre haben die M. nicht, sondern die fortdauernde Offenbarung gibt Bestimmungen über alle möglichen Angelegenheiten. Anfangs hielten die M. an den Hauptlehren der christl. Religion fest, aber allmählich gerieten sie auf mancherlei Irrtümer. Von der christl. Gotteslehre wurde zunächst die Persönlichkeit des Heiligen Geistes aufgegeben; dann kam die Lehre auf von einer Vielheit göttlicher Wesen, von welchen jedes einen bestimmten Distrikt des Weltalls beherrsche. Gott selbst wird materiell gedacht und öfter in pantheistischer Weise mit dem Weltstoff in Beziehung gesetzt. Die Seelen haben Präexistenz und es ist verdienstlich, durch Zeugung von Kindern ihnen Leiber zu verschaffen. Dies ist die dogmatische Begründung der Vielweiberei, welche seit 1851 öffentlich verkündigte Ordnung ist. Sie hat für Familienleben, Kindererziehung u. dgl. die nachteiligsten Folgen. Sonst ist unbedingter Gehorsam gegen die Anordnungen des Präsidenten die höchste Pflicht aller M. Jeder M. zahlt bei seinem Eintritt den Zehnten von seinem Vermögen, später jährlich den Zehnten vom Einkommen, sowie den zehnten Teil seiner Zeit für öffentliche Arbeiten. Alle eingeführten Waren zahlen 1 Proz., geistige Getränke 50 Proz. des Wertes an Zoll. Brigham Voung starb 29. Aug. 1877. Ihm folgte e als Präsident John Taylor. Im J. 1880 hatte f das Territorium Utah 144 000 E., darunter 111820 M. Außerdem zählten sie Anhänger in Arizona 1895, in Colorado 600, in Großbritannien 5251, in Skandinavien 5205, in Deutschland 798. Besonders in Großbritannien und Skandinavien finden die M. neue Anhänger. Vgl. Ch. Mackay, The Mormonso (Lond. 1851); G. Ferris, Wtah and the Mormonse (Neuyork 1856); Hyde, «The Mormonism, its leaders and designso (Neuyork 1857); M. Busch, „Geschichte der M.y (Ipz. 1870); Stenhouse, The Rocky-Mountain-Saintso (Neuyork 1873); Codman, (The Mormon Country. A summer with the Latter-Day-Saints » (Neuyork 1874); R. von Schlagintweit, Die M.» (Lpz. 1874; 2. Aufl. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 874Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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