FeedMülhausen
ErdkundeBrockhaus 1882

Mülhausen, die industriereichste Stadt des Reichslandes Elsaß⸗-Lothringen, liegt 15 Km westlich vom Rhein, 30 km nordwestlich von Basel und 43 km südlich von Colmar im Bezirk Oberelsaß, in fruchtbarer Gegend an der Ill, am Rhein-Rhönelanal und an der Eisenbahn Straßburg-Basel, die hier nach Belfort und Mülheim abzweigt, ist Sitz einer Kreis- und Polizeidirektion, eines reform. Konsistoriums, eines Landgerichts mit einer Kammer für Handelssachen, eines Amtsgerichts, sowie einer 1825 gegründeten Industriegesellschaft (Société industrielle), mit welcher das industrielle Museum, eine Mustersammlung von Erzeugnissen aller Länder, verbunden ist. Die Stadt hat ein Gymnasium, eine Gewerbeschule, eine Chemieschule, Zeichenschule, Gewerbemuseum, eine öffentliche Bibliothek, ein Theater, ein Naturalienkabinett, eine Ringbahn, eine Straßenbahn mit Dampfbetrieb, Wasserlei. tung und großartige Anstalten zur Hebung und Besserung der Lage der Fabrikarbeiter. Die sog. Arbeiterstadt liegt im Nordosten der Stadt. Sie besteht aus ungefähr 1000 ein⸗ und zweistockigen Häusern, welche von den Arbeitern gegen eine mäßige Anzahlung und monatliche Ratenzahlungen zu Eigentum erworben werden können. Für die Bedürfnisse der Arbeiter ist seitens der Mülhäuser Arbeiter-Viertelgesellschaft, außerdem durch Speisehäuser, Konsumvereine, Lesezimmer, Bade- und Wascheinrichtungen gesorgt. Die Fabriken selbst liegen teils in der Stadt, zum größern Teile zwischen der Stadt und Dornach und in Dornach selbst. Die Altstadt, auf einer von der Ill und dem Neubreisach-Kanal gebildeten Insel gelegen, hat unregelmäßige, aber breite Straßen, schöne Häuser und öffentliche Gebäude, darunter das 1551—53 erbaute Rathaus am Réêunionsplatze, die neue prot. Kirche und die Synagoge. Die Neustadt dehnt sich von der Ill bis zum Rhein-Rhönekanal aus, hat gerade Straßen, im Mittelpunkt den großen Börsenplatz, umgeben von eleganten Häusern. Der kleine alte Lambertplatz ist mit einer Denksäule des Mathematikers Lambert geschmückt. Eine schöne Promenade bilden die Kais am großen Kanalbassin. Die industrielle Entwickelung der Stadt M. datiert vom J. 1746, als drei mülhauser Bürger, Samuel Köchlin, Joh. Jakob Schmaltzer und Joh. Heinr. Dollfus, daselbst die Fabrikation der gedruckten Baumwollzeuge, der sog. Indiennes, einführten. Dieselbe nahm insbesondere in neuester Zeit einen großartigen Aufschwung. Die Stadt zählte 1821 nur 13027, 1851 erst 29574, 1861 bereits 45887, 1875 trotz zahlreicher Auswanderungen infolge des Kriegs von 1870 und 1871 58513 und 1880 63 629 E., darunter 47395 Katholiken. M. ist das Centrum eines der bedeutendsten Bezirke der kontinentalen Baumwollindustrie. Seine Fabriken liefern Kattun, Kaliko, Zitz, Musselin u. s. w. Hieran schließen sich Färbereien und Zeugdruckereien hervorragendster Art, die besonders in feinern Farben, sowie in Schönheit der Muster Vorzügliches leisten. Ferner fertigt man Leinwand, Wäsche, Tuch, Maroquin und anderes Leder, Handschuhe, Seifen, chem. Produkte, Stärke, Spielwaren, Druck⸗ und Farbenpapier; auch bestehen große Maschinenfabriken, Gießereien, Schlossereien, sowie zahlreiche Ateliers von Zeichnern, Holz⸗ und Kupferstechern. Die bedeutendsten Fabriken gehören den Firmen Köchlin (s. d.) und Dollfus (s. d.).— M., bereits 717 als Mülenhausen erwähnt, gehörte im Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. 9. Jahrh. der Abtei Masmünster, wurde im J. 1246 von dem Bischof von Straßburg in Besitz genommen, 1273 vom Kaiser Rudolf von Habsburg zur Freien Reichsstadt erhoben, trat 1338 dem Elsässischen Städtebund bei, schloß 1466 eine Allianz und 1515 einen ewigen Bund mit den schweiz. Kantonen und wurde 1648 als Teil der schweiz. Eidgenossenschaft anerkannt; am 29. Jan. 1798 wurde die Republik M. mit Frankreich vereinigt. Im Deutsch— Französischen Kriege von 1870 und 1871 wurde die Stadt deutscherseits zuerst am 16. Sept. 1870 und dauernd vom Oktober desselben Jahres ab besetzt. Vgl. Metzger, La république de M. 717—17985 Der Kreis Mülhausen zählt auf 625 qkm

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 913Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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