FeedSauerstoff
NaturlehreBrockhaus 1882

Sauerstoff oder Orygéen (chem. Zeichen O; Atomgewicht = 16), das wichtigste und zugleich das am meisten verbreitete unter den chem. Elementen, findet sich mit seinem vierfachen Volumen Stickstoff vermischt in der atmosphärischen Luft vor, welche diesem Bestandteile ihre Eigenschaft verdankt, das Atmen und Verbrennen zu unterhalten. Es bildet mit Wasserstoff das Wasser, ist ein Bestandteil aller Erden, Alkalien und Metalloxyde, der meisten Salze, kurz bei weitem der meisten die feste Masse der Erde bildenden Körper und kommt auch in verschiedener Quantität in einer großen Anzahl tierischer und pflanzlicher Körper vor. Im reinen Zustande erhält man es durch Erhitzung solcher Metalloxyde, welche in der Hitze ihren S. ganz oder zum Teil abgeben, z. B. Quecksilberoxyd und Braunstein. Auch mehrere Salze sauerstoffreicher Säuren geben beim Erhitzen reinen S., z. B. chlorsaures Kali u. s. w. Viele sauerstoffhaltige Körper, welche für sich nicht zersetzbar sind, geben in Berührung mit oxydierbaren Stoffen ihren S. ganz oder zum Teil an diese ab, und hierauf beruhen größtenteils die technischen und chem. Anwendungen der Salpetersäure, des Kupferoxyds u. s. w. In reiner Gestalt ist der S. ein farb⸗ und geruchloses Gas, etwa ein Zehntel schwerer als atmosphärische Luft, welches bei starkem Druck und Kälte verflüssigt werden kann. Das Sauerstoffgas ist daran erkennbar, daß jede Verbrennung in ihm mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und großem Glanze vor sich geht. Glimmender Schwamm verbrennt im S. mit lebhaftem Licht, Stahl verbrennt darin unter glänzendem Funkensprühen, Phosphor verbrennt mit einem — den das Auge kaum zu ertragen vermag. Mit den meisten andern Clementen verbindet er sich direkt, zum Teil schon bei gewöhnlicher Temperatur, wohin auch teilweise das Anlaufen und Rosten der Metalle gehört, zum Teil erst bei gewissem Wärmegrade. In vielen Fällen geschieht diese Verbindung so lebhaft, daß sich dabei Licht und Hitze entwickelt, und dann nennt man sie Verbrennung. Die Produkte solcher Verbindung nennt man im allgemeinen Oxyde (s. d.). Das Atmen der Menschen und Tiere ist ein Oxydationsprozeß, eine Aufnahme von S. aus der Luft. Mit jedem Atemzug wird der Luft etwas S. entzogen, der, in den Lungen durch den Blutfarbstoff (s. d.) aufgenommen, in alle Teile des Körpers getragen wird und hier Oxydationswirkungen ausübt, als deren Produkt Kohlensäure abgeschieden wird. Diese Übertragung des S. an Körperbestandteile verursacht die allen lebenden Wesen eigene Wärme. Die Luft, die durch die seit Jahrtausenden in derselben atmenden Menschen und Tiere nach und nach ihres S. beraubt und durch die ausgeatmete Kohlensäure kohlensäurereicher geworden sein sollte, zeigt dennoch jetzt allenthalben die nämliche Zusammensetzung, die sie früher hatte, da die Pflanzen ebenso viel Sauerstoff aus Kohlensäure abscheiden, wie von Menschen und Tieren verbraucht wird. Von den technischen Methoden der Darstellung von S. ist ein Verfahren von Tessié du Motay erwähnenswert, auf der Extraktion des S. aus der Luft beruhend. Nach demselben gibt mangansaures Natrium bei hoher Temperatur unter Mitwirkung eines Dampfstroms S. ab und wird, der Einwirkung eines Luftstroms im erhitzten Zustande ausgesetzt, wieder in die ursprüngliche Verbindung übergeführt, die von neuem zur Darstellung von S. dient. Ein anderes beachtenswertes Verfahren der Sauerstoffgewinnung ist das von Mallet; es beruht darauf, daß feuchtes Kupferchlorür die Eigenschaft besitzt, S. aus der Luft aufzunehmen und dadurch Kupferoxychlorid überzugehen, welches letztere bei 400° allen aufgenommenen S. wieder abgibt und Kupferchlorür bildet, welches von neuem zur

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 258Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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