Scheintod (asphyxia, d. h. Pulslosigkeit) nennt man den Zustand eines organischen Wesens, in welchem die Erscheinungen des Lebens nicht mehr bemerkt werden und dennoch der Lebensprozeß selbst noch nicht aufgehört hat, namentlich Fäulnis noch nicht eintritt. Die Symptome des S. beim Menschen und den höhern Tieren sind: das Gehirn und das übrige Nervensystem, das Herz, die Lungen, das Gefäßsystem scheinen ihre Funktionen eingestellt zu aben, indem das Bewußtsein und die Empfängichkeit der Sinne erloschen sind, die Muskeln keine Bewegungen mehr vollbringen, Atem, Herz⸗ und Pulsschlag nicht mehr wahrnehmbar sind. Doch sind nach Bouchuts Untersuchungen stets noch die Herztöne, wenigstens der zweite, hörbar; erst wenn diese erlöschen, ist der Tod sicher. Das Hauptkennzeichen des S. bleibt jedoch das gänzliche Ausbleiben der Fäulnis, trotz vorhandener, dem Faulen günstiger Außenverhältnisse (Wärme, Luft, Feuchtigkeit), sowie das Fehlen der Totenstarre. (S. To d.) Die innere Ursache des S. ist zunächst Stillstand des Herzens, und dieser kann eintreten: bei scheintot Neugeborenen, nach Verblutungen, nach langem Hungern (Fasten) und heftigen Krampfanfällen, bei vom Blitz Getroffenen, bei Schlagflüssigen, Erfrorenen, Erdrosselten und Ertrunkenen; ferner beim Einatmen irrespirabler Gasarten. Auch kann der S. ein somnambulistischer Zustand sein. Der wirkliche Tod kann vom S. nur dur die eintretende Fäulnis unterschieden werden. Vor eingetretener Fäulnis läßt sich jedoch oft durch Zusammenstellen aller andern Zeichen des Todes mit dem bekannten Verlauf der Krankheit (z. B. Schwindsucht) mit völliger Gewißheit aussprechen, daß kein Wiedererwachen möglich sei. Jetzt sucht man das Begraben der Scheinleichen durch gesetzliche Maßregeln zu verhüten, unter denen das Verbot der zu frühen Beerdigung, die sorgfältige überwachung der Leichen, die obligatorische Leichenschau durch Sachverständige und die obligatorische Leichenöffnung die wirksamsten sind. Die Behandlung des S. erfordert vor allem die möglichst frühzeitige Einleitung künstlicher Atmungsbewegungen, indem man den Scheintoten auf den Rücken, mit etwas erhöhtem Oberkörper, legt, die Zunge aus dem Munde hervorzieht und nun abwechselnd, etwa 10—15 mal in der Minute beide Arme vom Brustkorb ab und langsam nach oben über den Kopf zieht, während ein Gehilfe unmittelbar darauf den Bauch komprimiert, wodurch eine itorbes erf Erweiterung und Verengerung des Brustkorbes erfolgt (s. ausführlicher unter Ertrinken); daneben sind starke Riech- und Niesmittel, kräftige Hautreize (Besprengen mit kaltem Wasser, Reiben und Bürsten des ganzen Körpers, Einwickeln der Füße in Senfteige) und reizende Klystiere zu versuchen. Vgl. Hasselt, «Die Lehre vom Tod und S. »(Bd. 1, Braunschw. 1862); G. Le Bon, De la mort apparente et des inhumations prématureso (Par. 1866); Esmarch, «Die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen » (Lpz. 1882).