Scholastik und Scholastiker. Scholastiker hießen bei den Römern die an den kaiserl. Schulen angestellten Lehrer der Beredsamkeit. In der Regel bezeichnet man aber damit die Philosophen des Mittelalters. Letzteres hat seinen histor. Ursprung daher, daß die nach der Barbarei des 6. bis 8. Jahrh. seit Karl d. Gr. in den Klöstern, bischöfl. und erzbischöfl. Sitzen gestifteten Schulen (scholae) der Sitz einer erneuerten wissenschaftlichen Kultur und dadurch mittelbar philos. Bestrebungen wurden, die dann später ihren Mittelpunkt in den Universitäten, besonders in Paris und Oxford, fanden. Der wesentliche Grundcharakter dieser mittelalterlichen Philosophie ist Beschränkung der philos. Untersuchung auf die Theologie. Man kann die Zeit vom 9. bis zu Anfang des 11. Jahrh. als die vorbereitende Periode dieser Richtung betrachten. In sie fallen, nächst Johannes Scotus Erigena und Gerbert, einem Mönche zu Aurillac, der später als Papst Sylvester II. hieß, Berengar von Tours, Lanfranc, Anselm von Canterbury.“ Ein starkes Ferment für die Ausbildung der Philosophie wurde die gegen die Mitte des 12. Jahrh. durch Joh. Roscellinus angeregte Frage über die Bedeutung der allgemeinen Begriffe, sowie die über denselben Gegenstand zwischen Wilhelm von Champeaur (gest. 1120) und Abälard geführten nominalistischen Streitigkeiten. (S. Nominalis mus.) Sie wurde zu Gunsten des Realismus (s. d.) entschieden, und von dieser Zeit an blieb der Realismus die ganze Blütezeit der Scholastik im 12. und 13. Jahrh. hindurch die herrschende Denkart. Die Theologie, als deren Quelle unabhängig von der Philosophie der Glaube an die Offenbarung betrachtet ward, wurde immer mehr nicht nur das Objekt, sondern auch die Norm und Regel der Philosophie, und zwar ausdrücklich in der Form, in welcher sie sich durch die Kirchenväter, die Konzilienbeschlüsse und die Entscheidungen der Päpste als Dogma ausgebildet hatte. Die Philosophie hatte also kein Recht, den Inhalt der kirchlichen Glaubenslehre anzutasten, sondern sie hatte denselben nur in die Form eines Systems zu bringen, und daher der Ausdruck: die Philosophie ist die Magd der Theologie (philosophia theologiae ancilla). Was nicht unmittelbar mit dem Dogma zusammenhing, wurde entweder vernachlässigt oder nach Begriffen behandelt, die aus dem Altertum überliefert waren. Vorzugsweise bezogen sich daher die Bemühungen der Scholastiker auf solche Probleme, die in den Dogmen der Kirche entweder wirklich lagen oder in sie hineingetragen wurden, und dadurch verwickelte sich die Scholastik in viele teils notwendige, teils gemachte Subtilitäten und Distinktionen. Mit dem größten Fleiße wurde zugleich alles behandelt, was sich auf den Formalismus der Logik und Dialektik bezog, die man aus den logischen Schriften des Aristoteles kannte. Man betrachtete sie nicht bloß als ein methodisches Hilfsmittel, sondern als das materiale Organon der Philosophie und gab ihr im Laufe der Zeit eine fast monströse Ausdehnung. Die Anwendung des dialektischen Verfahrens auf das Dogma war anfangs nur fragmentarisch. So bei den meisten Vertretern der Scholastik im 12. Jahrh., z. B. bei Gilbert de la Porrée, Alanus ab Insulis, Petrus Lombardus. Während des 12. Jahrh. hatte aber die vermehrte Berührung mit Arabern und Griechen auch zur Bekanntschaft mit den physischen und metaphys. Schriften des Aristoteles, wenn auch zunächst nur durch das Medium unvollkommener übersetzungen, geführt, und sowie sich der Gesichtskreis der Scholastiker dadurch erweiterte, so gewannen auch ihre Gedanken festere Haltepunkte. Die unbedingte Herrschaft des Aristoteles fällt demnach erst mit der eigentlichen Blütezeit der Scholastik zusammen, und es treten nun allmählich die großen durchgeführten Systeme der christl. Theologie hervor. Nächst Alexander von Hales waren die drei Hauptvertreter der Scholastik Albert der Große, Thomas von Aquino und Duns Scotus, um welche sich eine große Anzahl mehr oder weniger selbständiger Schüler und Anhänger gruppiert. Der Ruhm und der Einfluß, den solche Männer hatten, war in jenen Jahrhunderten um so größer, je mehr der Mangel des Buchdrucks die Lernenden an die Person des Lehrers band und die vielen öffentlichen und feierlichen Disputationen der dialektischen Schlagfertigkeit mannigfaltige Gelegenheit gaben, das Staunen der Zuhörer zu erregen. Die Verehrung, welche man ausgezeichneten Lehrern zollte, zeigte sich darin, daß man ihnen ehrende Beinamen beilegte, unter welchen sie häufig citiert werden. So hieß Alanus von Ryssel Doctor universalis, Alexander von Hales Doctor irrefragabilis, Duns Scotus Doctor subtilissimus, Thomas von Aquino Doctor angelicus, Wilhelm Durand aus St.⸗ Pourgain Doctor resolutissimus u. s. w. Mit Thomas von Aquino und Duns Scotus hatte die Scholastik ihren Höhepunkt erreicht, und verschiedenartige Gründe wirkten zu ihrem allmählichen Verfall zusammen. Die Mystik, eine gläubige Gefühlstheologie, hatte fortwährend einen Gegensatz zu der scholastischen Verstandestheologie gebildet. Im 12. Jahrh. vertraten diese Richtung hauptsächlich das Kloster zu St. Victor in Paris und der heil. Bernhard von Clairvaux, im 13. Jahrh. Bonaventura, bis der Mystizismus im 14. Jahrh. bei Eckhart, Joh. Tauler, im 15. bei Johann von Gerson, Nikolaus von Clemanges, Thomas von Kempen u. a. auch durch seine ethische und praktische Tendenz in entschiedener Feindseligkeit gegen die Scholastik auftrat. Innerhalb der Scholastik selbst hatten die dialektischen Gedankenwendungen namentlich in der niemals ganz überwundenen Richtung des Nominalismus häufig auf Folgerungen geführt, die sich mit dem Dogma nicht wohl vereinigen ließen, und es gewann allmählich die Unterscheidung zwischen philos. und theol. Wahrheit, also der Satz: es könne etwas philosophisch wahr und theologisch falsch sein, und umgekehrt, eine für die Scholastik selbst bedenkliche Geltung. (Vgl. M. Maywald, „Die Lehre von der zweifachen Wahrheito, Berl. 1871.) Dazu kamen die abweichenden Meinungen, welche sich unter den Scholastikern selbst auch über nichttheol. Fragen gebildet hatten, und außerdem pflanzten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen Thomas von Aquino und Duns Scotus auf die mächtigen Orden der Dominikaner und Franziskaner fort. Endlich erhob der Nominalismus in Wilh. von Occam sein Haupt wieder energisch und entzog der Scholastik durch die Bestreitung der Voraussetzungen ihres unkritischen Realismus ihre Hauptstütze. Der Nominalismus war aber seiner Natur nach ebenfalls unfähig, einen Fortschritt in der Richtung hervorzubringen, in welcher sich die bisherige Art zu philosophieren bewegt hatte, und so erfolgte nun mit seinem Wiedererstehen zugleich immer mehr der innere Verfall der Scholastik, während der Nominalismus selbst noch im 15. Jahrh. an Buridan, Peter d'Ailly u. a. berühmte und glänzende Verteidiger aufzuweisen hatte, auch die alte scholastische Lehrart sich noch bis ins 17. Jahrh. hinein auf den Universitäten erhielt. Je mehr sie zuletzt in die abgeschmacktesten Wortstreitigkeiten sich verlor, desto entschiedener wurde in allen vorwärts strebenden Köpfen die Abneigung gegen sie. Männer wie Lorenz Valla, Ludw. Vives, Erasmus, Rudolf Agricola, Petrus Ramus, Giordano Bruno u. a. bekämpften ihre Geschmacklosigkeit, die Illiberalität der Denkungsart, die Armut an wirklichen Kenntnissen, die sklavische Bewunderung des Aristoteles mit allen Waffen des Ernstes und des Spottes. Gleichwohl mußten so durchgreifende Ereignisse wie die Wiedererweckung der klassischen Litteratur, die Erfindung der Buchdruckerkunst, die ersten großen Entdeckungen eines Galilei und Torricelli, Kopernikus und Kepler in den Naturwissenschaften und die Reformation zusammenwirken, um diese Fessel des Geistes allmählich zu brechen. Die scholastische Lehrart verlor sich selbst in Deutschland und Frankreich nur sehr langsam; in den katholisch gebliebenen Ländern fand sie namentlich in den jesuitischen Schulen eine einflußreiche Stütze und ist selbst jetzt noch nicht ganz verschwunden. Die Beurteilung der Scholastik hat sich in neuerer Zeit in dem Maße wieder günstiger gestaltet, als ihre übeln Nachwirkungen als überwunden angesehen werden dürfen. Man hat nicht nur den Fleiß, den Scharfsinn und relativen Tiefsinn gerechter würdigen gelernt, den ihre Lehrer in der Behandlung dogmatischer Probleme zeigten, sondern auch den großen Nutzen erkannt, der der christl. Kirche durch eine Religionsphilosophie erwuchs, welche zum ersten mal die Nationen des ganzen christl. Europa in den aufgeklärten Begriffen der bedeutendsten Philosophen des klassischen Altertums denken lehrte. Vgl. Hauréau, De la philosophie scolastiquep (2 Bde., Par. 1850; neue Aufl., Bd. 1, Par. 1873); Kaulich, 4Geschichte der scholastischen Philosophie (Tl. 1, Prag 1853); Stöckl, «Geschichte der Philosophie des Mittelalters (3 Bde., Mainz 1864 — 66); Prantl, «Geschichte der Logik im Abendlander (Bd. 2—4, Lpz. 1861—70). Unter den Kompendien der Geschichte der Philosophie (. d.) behandelt namentlich dasjenige von Erdmann (Bd. 1, 3. Aufl. 1878) die Scholastik eingehend. Schoelcher (Victor), franz. Schriftsteller und Politiker, geb. 21. Juli 1804 zu Paris, machte 1829 eine Reise nach Nordamerika und trat hierauf für die Emancipation der Sklaven in mehrern Schriften ein. Zunächst erschien De L'esclavage des noirs et de la législation coloniale (1833), dann „L'abolition de l'esclavage v (1840). Darauf unternahm er eine Reise nach den Antillen, infolge welcher er Les colonies françaiseso (1842), Les colonies étrangères et Haitis (1843) veröffentlichte, dann besuchte er Agypten, Griechenland, die Türkei und schrieb L'Egypte en 18455, (1846) und «Histoire de P'esclavage pendant les deux dernières années (2 Bde., 1847). Nach Ausbruch der Februarrevolution 1848 von dem neuen Marineminister Francois Arago 3. März zum Unterstaatssekretär ernannt, betrieb er aufs eifrigste die Einsetzung einer Kommission für die Vorbereitung eines die unmittelbare Freilassung der Negersklaven betreffenden Gesetzes, und am nächstfolgenden 27. April erschienen die auf Abschaffung der Sklaverei lautenden Dekrete. Hierfür wählte ihn die Insel Guadeloupe zu ihrem Repräsentanten in der Konstituante und erneuerte sein Mandat für die Legislative. In beiden Versammlungen hielt er sich zur Gruppe der Männer vom Berge» und wurde ihr Vizepräsident. Am 2. Dez. 1851, als er gegen den Staatsstreich in seiner Eigenschaft als Volksvertreter protestieren wollte, wurde er von einem Bajonnettstich verwundet, flüchtete nach England und kam erst bei der Nachricht von dem Sturze des zweiten Kaiserreichs wieder nach Paris, wo die Regierung der Nationalverteidigung ihn zum Stabsobersten der Nationalgarde ernannte. Während der Belagerung von Paris kommandierte er die Artillerielegion der Nationalgarde. Am 8. Febr. 1871 wählte ihn die Kolonie Martinique zu ihrem Abgeordneten in der Nationalversammlung, wo er der Fraktion der „Union républicaine beitrat, die ihn zu ihrem Präsidenten ernannte. Im Dez. 1875 wurde er als lebenslängliches Mitglied in den Senat gewählt, wo er sich der äußersten Linken anschloß. Von ihm sind noch zu erwähnen: The Life of Haendel o (1857), (The Sunday resto (1870), Le crime de décembre en provincev (1875), (La grande conspiration du pillage et du meurtre à la Martinique (1875), Le vrai Saint-Paul, sa viè, sa morale v (1879).