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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Seneca ist der Name einer span.⸗röm. Familie, aus welcher zwei Mitglieder in der ersten röm. Kaiserzeit als Schriftsteller sich bekannt gemacht haben. Annäus S., der Altere, gewöhnlich der Rhetor benannt, war um das J. 54 v. Chr. in Corduba (Cordova) in Spanien geboren, und kam als Knabe nach Rom, wo er sich besonders unter der Leitung des Rhetors Marillus rhetorischen Studien widmete. In seine Heimat zurückgekehrt, verheiratete er sich mit der Helvia, die ihm drei Söhne gebar: den Novatus, den Lucius S. und den Mela, den Vater des Dichters Lucan. Um das J. 3 n. Chr. kam er wieder nach Rom, wo er wahrscheinlich bis zu seinem im J. 38 oder 39 n. Chr. erfolgten Tode lebte. In hohem Alter verfaßte er auf Bitten seiner Söhne eine Sammlung von Sentenzen und glänzenden Stellen aus den Deklamationen (Übungsreden) einer großen Anzahl von Rhetoren, die er selbst gehört hatte. Das Werk trägt nach den Handschriften den Titel Oratorum et rhetorum sententiae, divisiones, coloreso und zerfällt in zwei Hauptteile von sehr verschiedenem Umfang: zehn Bücher «Controversiae »‚ von denen das erste, zweite, siebente, neunte und zehnte vollständig, die übrigen im Auszug erhalten sind, und ein Hlud (Suasoriae, dem jetzt der Anfang und der Schlu fehlt. Die erste kritische Ausgabe dieses Werks besorgte Bursian (Lpz. 1857), eine neue Kießling (Lpz. 1872). Außerdem hatte er verschiedene verloren gegangene Schriften, darunter ein Geschichtswerk (Historiae) vom Anfang der Bürgerkriege bis auf die letzten Tage seines Lebens herab, verfaßt. Vgl. Koerber, «Uber den Rhetor S. und die röm. Rhetorik seiner Zeits (Kassel 1864). Sein zweiter Sohn, Lucius Annäus S., der Philosoph zubenannt, war um 4 v. Chr. in Corduba geboren, erhielt in Rom unter Leitung seines Vaters, der ihn zum Redner bilden wollte, eine sorgfältige Erziehung, wandte sich aber später von der Redekunst ab der Philosophie zu, in welcher er sich zu den Ansichten der Stoischen Schule, wenn auch nicht ohne einen gewissen CEklektizismus, bekannte. Er wurde 41 n. Chr. vom Kaiser Claudius wegen seines vertrauten Verhältnisses zu der 3690 desselben, Julia, auf Betrieb der Messalina nach Corsica verbannt; nach acht Jahren aber durch den Einfluß der Agrippina zurückberufen, bekleidete er die Prätur und wurde zum Erzieher des spätern Kaisers Nero ernannt. Nach dessen Thronbesteigung (54 n. Chr.) wurde er einer seiner vertrautesten Ratgeber. Doch ward dem Kaiser, der seinen Lüsten immer ungescheuter sich hingab, sein philos. Ratgeber, so gut derselbe auch sich in die Rolle eines Hofmanns zu finden wußte, allmählich unbequem. Um der drohenden Gefahr zuvorzukommen, zog S. sich freiwillig vom Hofe zurück. Dennoch wurde er beschuldigt, an der Verschwörung des Piso teilgenommen zu haben, und deshalb zum Tode verurteilt; als besondere Vergünstigung gestattete ihm der Kaiser, sich selbst den Tod zu geben. S. ließ sich in Gegenwart einiger Freunde die Adern öffnen, und da dies nicht schnell genug wirkte, in einem heißen Bade ersticken. Mit ihm gab sich seine Gattin Pompeja Paulina freiwillig den Tod (65 n. Chr.). S. war ein Mann von hoher Begabung, aber kein reiner Charakter; das Leben S.s, der seine Stellung auch zur Erwerbung eines kolossalen Vermögens benutzt hat, steht mit den strengen Grundsätzen der Moral, die er lehrt, vielfach im Widerspruch. Von ihm sind eine bedeutende Anzahl philos. Abhandlungen erhalten: die zehn in 12 Büchern „(Dialogio zusammengefaßten, ferner die Abhandlung De clementia in 2, früher 3 Büchern, die Schrift „De beneficiis o in 7 Büchern, die umfangreichste derselben, und die nur teilweise erhaltene Abhandlung De remediis fortuitorumo, dazu 7 (oder vielmehr 8) Bücher Quaestiones naturalese, 124 Briefe philos. Inhalts, an seinen Freund Lucilius gerichtet, und eine beißende Satire auf den Tod des Kaisers Claudius unter dem Titel Apocolocyntosis o (d. i. „Verkürbsungo, spöttisch für „Vergötterung). Der Stil aller dieser Schriften ist ein sehr gekünstelter, besonders durch zahlreiche zugespitzte Antithesen und sentenziös-prägnante Wendungen; doch fand er unter seinen Zeitgenossen viele Bewunderer und Nachahmer. Unter den Gesamtausgaben seiner Schriften sind die von Fickert (3 Bde., Lpz. 1842—45) und von Haase (3 Bde., Lpz. 1852 fg.) hervorzuheben. Eine neue kritische Bearbeitung der «Dialogio von Koch hat Vahlen (Jena 1879) herausgegeben. Eine vollständige deutsche Übersetzung haben Moser und Pauly geliefert (17 Bdchn., Stuttg. 1828 - 55). Vgl. Holzherr, Der Philof 0 Lucius Annäus S.» (2 Tle., Rost. 1858 fg.); Siedler, «Die religiös-sittliche Weltanschauung des S.y (Frankf. 1863). Noch sind unter S.s Namen, außer den Phoenissae, zwei in Wirklichkeit kaum zusammengehörige Scenen aus dem thebanischen Sagenkreise, neun Tragödien vollständig erhalten. Von diesen werden sieben non o) jetzt allgemein S. zugeschrieben; eine (&Hercules Oetacuso) wird wenigstens in ihrem zweiten Teile ihm abgesprochen; die neunte, «Octavia », ist sicher erst nach Neros Tode verfaßt, über die Zeit ihrer Abfassung gehen aber die Ansichten im übrigen weit auseinander. Sie behandelt das Ende der Gemahlin Neros, die diesen Namen trägt. Die echten Tragödien stimmen in dem Reichtum an Phrasen, Figuren und Sentenzen mit den prosaischen Schriften überein und überbieten dieselben in rhetorischem Wortschwall. Eine kritische Ausgabe der Tragödien gaben Peiper und Richter (Lpz. 1867), eine neue Leo (2 Bde., Berl. 1878 fg.); eine vollständige deutsche Übersetzung lieferte Swoboda (3 Bde., Wien 1828 fg.), während von der von Sommer nur sechs Lieferungen erschienen sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 696Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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