Slawata (Wilh.) von Chlum und Koschumberg, böhm. Edelmann, geb. 1. Dez. 1572 aus einem alten, aber 1548 durch die Konfiskationen verarmten böhm. Adelsfamilie. Er wurde in den Lehren der Brüdergemeine erzogen, trat aber bald zum Katholizismus über, machte Reisen in Italien, Dänemark, England, Holland, Frankreich, Spanien, verheiratete sich 1602 mit Lucie Ottilie aus dem Hause Rosenberg-Neuhaus und gelangte dadurch, als deren einziger Bruder starb, in den Besitz der reichen Güter dieses Geschlechts. Schon als Kammerpräsident (seit 1612) griff S. in den Händeln der Evangelischen und Katholiken zu Gunsten der letztern ein, besonders geschah dies aber, als er Mitglied der aus den zehn obersten Landesbeamten bestehenden Statthalterschaft war, welche den abwesenden Kaiser Matthias zu vertreten hatte; gegenüber den Beschwichtigungsversuchen der Majorität drang S. mit Martiniz auf Anwendung der schärfsten Gewaltmaßregeln gegen die Opposition. Es kam zur Katastrophe 23. Mai 1618: die vrot. Stände drangen ins prager Schloß (Hradschin) ein und stürzten nach erbitterten Erörterungen S., Martiniz und den Schreiber Philipp Fabricius aus den Fenstern kopfüber 28 Ellen tief in den Schloßgraben herab. Alle drei kamen ohne erhebliche Verletzungen davon; Martiniz und Fabricius flohen ins Ausland, S. blieb krank in Prag zurück, erhielt aber 1619 gegen einen Revers die Erlaubnis, nach Teplitz in die Bäder zu gehen, von wo er nach Freiberg und zuletzt nach Passau floh. Nach der Niederwerfung Bohmens in der Schlacht am Weißen Berge 1620 kehrte S. im Triumph nach Prag zurück, ward wieder in seine Amter und Würden eingesetzt, 1621 in den Grafenstand erhoben, stieg von Staffel zu Staffel und war 1628 bis zu seinem Tode Obersthofkanzler und damit Chef der gesamten Staatsverwaltung von Böhmen. Er starb 19. Jan. 1652 in Wien und ward in der Jesuitengruft zu Neuhaus bestattet. S. war ein eifriger Förderer der Jesuiten, und neuere Quellenforschungen haben in ihm, wenn auch wohl nicht den eigentlichen Urheber, so doch das Hauptwerkzeug zum Sturze Wallensteins entdeckt. Er selbst schrieb, meist czechisch, ein großes Geschichts- und Memoirenwerk (Pamétiv), das im Archiv zu Neuhaus aufbewahrt wird und woraus Joseph Jirecek Publikationen veranstaltete, zuletzt in Gindelys Staré paméti döjin deskycho (Alte Denkmäler der böhm. Geschichte v). Vgl. Schebek, „Die Lösung der Wallenstein-Fraged (Berl. 1882). Slawen. Die S. gehören zum indogerman. Stamme, unter dessen Gliedern sie der litauischen Familie am nächsten verwandt sind. (S. Slawische Sprachen.) Die ursprüngliche, einheimische Form des Volksnamens ist Slovèénin, im Plural Slovöne. Viel später, nicht volkstümlich und erst spät nachweisbar ist Slarjanin, Slavjane. Man leitete den Namen ab von slava, Ruhm, und deutete ihn als die Ruhmreicheno, was sicher unrichtig, oder von slovo, Wort, als adie Redendeno, was ebenfalls unerwiesen. Aus dem Worte Sloveuin ist die deutsche Benennung entstanden. Doch ist bei allen german. Stämmen der Name Wenden oder Winden für sämtliche S. gebräuchlich gewesen, während die S. selbst sich nie so nannten, sondern entweder jenen angegebenen Namen anwendeten oder ihre einzelnen Stämme mit besondern Namen bezeichneten. Die slaw. Familie ist in eine große Anzahl einzelner Stämme geteilt, deren älteste Wohnsitze und älteste Geschichte, wie die der übrigen europ. Völker und fast noch mehr als diese, sehr dunkel ist. Aus den Berichten der alten Schriftsteller, sowie aus der Richtung der spätern Wanderungen ergibt sich mit einiger Sicherheit der ursprüngliche Wohnsitz der slaw. Völker. Sie bewohnten von unbestimmter, jedenfalls weit vor den Beginn unserer Ara hinaufreichender Zeit ber bis ins 3. oder 4. Jahrh. n. Chr. ein Gebiet, [dessen ungefähre Begrenzung folgende ist: vom Niemen bis zur Dünamündung, doch von der Ostsee abgeschnitten durch die Litauer; vom Rigaischen Meerbusen über die Waldaihöhen bis zur Mündung der Oka, nördlich und östlich von Finnen begrenzt; die Ostgrenze bildete eine Linie von der Oka nach Kiew, von da bis an den Bug, dann die Westgrenze ungefähr die Karpatenlinie und die obere Weichsel. Eine große Völkerwanderung trennte dies slaw. Gesamtvolk. Am Ende des 5., Anfang des 6. Jahrh. sind die nördl. Donauufer in der Gewalt der S., die von dort aus bald, wahrscheinlich am Anfang des 7. Jahrh., auch das südl. Ufer, Mösien; und Thrazien einnahmen. Nach Auswanderung der Vandalen, Burgunder und anderer german. Stämme von der Oder und Elbe kamen im 5. Jahrh. S. ins Oderland, von da bis zur Saale und Niederelbe und an die westl. Ostseeküsten; gegen Ende desselben Jahrhunderts bevölkerten sie Böhmen und Mähren. AÄußerdem erfolgten Wanderungen aus den hinterkarpatischen Ländern nach Pannonien (dem westl. Ungarn), von wo aus slaw. Stämme etwa vor dem J. 600 in Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Krain eindrangen. Endlich kamen im Anfang des 7. Jahrh. die Kroaten und Serben nach Dalmatien und dem ganzen alten Illyricum (dem spätern Bosnien, Serbien u. s. f.). Von den sämtlichen ursprünglich in den hinterkarpatischen Ländern einander benachbarten Stämmen blieb außerdem ein großer Teil in den ursprünglichen Sitzen und breitete sich von da namentlich nach Norden und Osten aus. Von diesem Gebiete haben die S. im Laufe der Geschichte wieder verloren das Elb⸗ und Oderland an die Deutschen, Oberösterreich, den größten Teil Kärntens und Steiermarks ebenfalls an die Deutschen, das heutige Siebenbürgen und Ungarn zum großen Teil an Magyaren und Rumänen, in den Süddonauländern einiges an Albanesen und Griechen. Die jetzt vorhandenen S. teilen sich in zwei größere Gruppen: A. südöstliche S., mit den Einzelvölkern 1) Bulgaren, 2) Serben, 3) Kroaten, 4) Slowenen, 5) Russen, mit den Hauptstämmen: Kleinrussen,‚, Großrussen, Weißrussen; B. westliche S., und zwar 1) Czechen, mit den Unterabteilungen: Czechen im engern Sinne, Mähren, Slowaken; 2) Sorben (lausitzer Wenden), geteilt in Ober⸗ und Niedersorben; 3) Polen (Lechen), mit dem Nebenstamme der Kassuben. Zu den westlichen S. gehörten außerdem die slaw. Elbanwohner (Polaben), die jetzt (etwa seit Mitte des 18. Jahrh.) ganz ausgestorben sind. Die Zahl der S. beträgt nach neuern Zählungen, resp. Schätzungen, in runder Zahl ungefähr 90 Mill., davon Russen circa 60 Mill., Bulgaren 5½ Mill., Serben und Kroaten 6—6 ½Mill., Slowenen circa 1300000, Czechen und Slowaken circa 7 Mill., Sorben (lausitzer Wenden) circa 130000, Polen und Kassuben 10 Mill. Von den S. gehören die Bulgaren, Russen und Serben fast ausschließlich zur griech. Kirche, die Westslawen anit Ausnahme des größten Teils der lausitzer Wenden, eines Teils der Czechen und Polen) zur römisch-katholischen, ebenso die Slowenen und zur römische Rill., zur protestanti Mill., zum Islam 900606 Bis zum 6. Jahrh. unserer Zeitrechnung ist die überlieferung über die S. eine äußerst dürftige. Tacitus erwähnt ihrer in der Germania unter dem Namen Veneti, weiß aber nicht, ob sie den Germanen oder Sarmaten beizuzählen sind; ebenso erwähnt sie Plinius der Altere, und unter den zahlreichen Völkernamen aus dem östl. Europa beim Geographen Ptolemäus gehören einige sicher slaw. Stämmen an. Eine bestimmtere Gestalt gewinnt die überlieferung erst bei Jordanes und Procop im 6. Jahrh. Diefe kennen nördlich von der untern Donau und östlich von den Karpaten zwei slaw. Hauptvölker, Anten und Sclavenen, die bei Jordanes den Gesamtnamen Vinidao (Wenden), bei Procop die sonst verschollene gemeinsame Bezeichnung Sporen führen. Die S. hatten damals schon ihre große Völkerwanderung angetreten und es beginnt jetzt die Einzelgeschichte der obengenannten besondern slaw. Völker. Die S. in Mösien und Thrazien wurden von den finnisch-tatar. Bulgaren im J. 678 unterworfen, welche aber dabei slawisiert wurden und ihren Namen auf die unterworfenen S. übertrugen. Diese nun Bulgaren genannten nahmen im Laufe des 9. Jahrh. das Christentum an und bildeten bis zum J. 1019 ein selbständiges Reich, das von den Griechen vernichtet wurde; am Ende des 12. Jahrh. befreiten sich zwar die Bulgaren zum großen Teil wieder von griech. Herrschaft, ohne aber die alte Macht wieder zu erlangen. Kroaten und Serben nahmen ebenfalls im 9. Jahrh., zum Teil früher, das Christentum an; die Kroaten unter eigenen Fürsten anfangs abhängig teils vom Byzantinischen, teils vom Fränkischen Reiche, wurden Ende des 11. Jahrh. mit der ungar. Krone vereinigt; die Serben, geteilt in einzelne Gaue unter besondern Zupanen (Zupani), standen erst auch in loser Abhängigkeit vom Byzantinischen Reiche, bis im 12. Jahrh. Stephan Nemanja alle Serbenländer vereinigte und ein Serbisches Reich gründete, das bis 1389, bis zur Schlacht bei Kossowo, bestand, in der es seine Unabhängigkeit an die Türken verlor. Die Heldenzeit des Volks, auch die vielen Kämpfe der Unterdrückten mit den Türken, sind durch eine große Anzahl noch heute gesungener epischer Lieder gefeiert. Die Slowenen brachten es nie zu selbständiger Entwickelung. Unter Karl d. Gr. kam ihr Land in die Gewalt der Franken und bildete die Windische Mark; seitdem blieb es stets von Fremden abhängig. Die Russen dagegen brachten es zu einer dauernden staatlichen Gründung. Die um Nowgorod und südlich wie östlich davon angesessenen S. riefen um 862 normann. (Waräger⸗) Fürsten ins Land, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, Rurik, der eine Herrschaft in Rowgorod gründete, Sineus, der in Bjeloozero herrschte, Truwor, der Isborsk lin Estland) innehatte. Diese Waräger —— auch Russen und gaben dem Lande und Volke später ihren Namen, der also kein einheimisch slawischer ist. Schon 864 vereinigte Rurik die drei Herrschaften. Von da datiert die russ. Monarchie, die sich unter Ruriks Nachfolgern bis an die Ostsee, Karpaten, Wolga und das Schwarze Meer ausdehnte. Unter Wladimir (bis 1015) nahmen die Russen das Christentum an. Um dieselbe Zeit kommen auch die Polen unter dem Fürstengeschlecht der Piasten (860) zu einer größern polit. Vereinigung, indem die einzelnen Stämme zu einem poln. Reiche vereinigt wurden. Die Annahme des Christentums geschah im 10. Jahrh., namentlich durch den heil. Adalbert (Wojciech). Die Czechen sind wahrscheinlich gegen Ende des 5. Jahrh. in Böhmen eingewandert; ihre histor. Periode beginnt unter der Dynastie der Przemysliden (bis 1306). Das Christentum kam nach Böhmen im 9. Jahrh., sowohl von Deutschland als von Mähren aus, daher anfangs sowohl die lat. als slaw. Liturgie bestand. Mähren, Slowaken und die ihnen verwandten Stämme bis zum Plattensee bildeten das Großmährische Reich unter Rastisflaw und namentlich Swatopluk (870—894), das 907 von den Magyaren zertrümmert wurde. Das Christentum gelangte nach Mähren teils durch die deutsche Geistlichkeit in Salzburg, namentlich aber durch die bulgarisch-griech. Priester Konstantin (Cyrill) und Methodius, die um 864 nach Großmähren kamen und den dortigen S. die in die altbulgarische (nach andern in die pannonisch-slowenische) Sprache übersetzte slaw. Liturgie brachten. Methodius ward Erzbischof von Mähren. Doch wurden die slaw. Priester nach dessen Tode 885 wieder vertrieben. Die slaw. Stämme an der Elbe, Saale und Oder wurden während des Mittelalters von den Deutschen entweder ausgerottet oder bis auf wenige Reste (die Sorben oder lausitzer Wenden) germanisiert. Im sog. hannov. Wendlande, im Luüneburischen, hielten sich kleine Stämme bis ins 18. . Vgl. Schafarik, «Slaw. Altertümer v 2. Aufl., Prag 1858 fg.; deutsch von Mosig von Ahrenfeld, 2 Bde., Lpz. 1842 —44).