Sokrätes, einer der größten Denker unter den Griechen, zugleich ein Charakter, der in seiner einfachen Größe fast einzig dasteht, war geboren zu Athen 470 v. Chr. Seine Eltern waren Sophroniskus, ein Bildhauer, und Phänarete, eine K ebamme. Er widmete sich zunächst der Kunst seines Vaters; noch zu der Zeit des Pausanias zeigte man in Parten am Eingange der Akropolis eine Gruppe bekleideter Grazien als sein Werk. So dürftig alle Nachrichten über seine frühere Lebenszeit sind, darf man doch annehmen, daß der Trieb nach Wissenschaft und Weisheit ihn s chon frühzeitig über die Grenzen seiner Kunst hinausgeführt habe. Später ließ er sie ganz fallen und lebte von seinem väterlichen Vermögen, was ihm nur durch die strenge Mäßigkeit seiner Lebensweise möglich war. Mit den Schriften der ältern Denker, welche über die Natur philosophiert, war er nicht unbekannt; mit einigen, wie mit Anaxagoras und Archelaus, verkehrte er persönlich. Aber die eigentümliche Richtung seiner Denkart, das Gepräge seines Charakters und seines Lebens ist Produkt seines eigenen Wesens, unabhängig von fremdem Einfluß. Den verhältnismäßig größten, aber nur negativen Einfluß scheint auf ihn das Thun und Treiben, die zum großen Teil gesinnungslose Scheinweisheit der Sophisten gehabt zu haben, indem sie ihn aufforderte, seine unerschütterliche überzeugung, daß es für das menschliche Denken und Handeln etwas Festes und Haltbares geben müsse, durch ein klares und zusammenhängendes wissenschaftliches Denken zu rechtfertigen. Sowie er sich selbst dergestalt in seine Gedanken vertiefen konnte, daß er bisweilen stundenlang nachsinnend auf derselben Stelle gestanden haben soll, so suchte er auch bei andern die Liebe zur Weisheit dadurch anzuregen, daß er ihr eigenes Denken anregte und unterstützte. Wir sehen ihn auf den öffentlichen Versammlungsplätzen, in den Straßen, in den Gymnasien, in den Werkstätten der Künstler und Handwerker, anknüpfend an jegliches scheinbar noch so unbedeutende, zufällig gegebene wäche h und Ereignis und andere dadurch in Gespräche hineinziehend. Zugleich behandelte er das e als die Form der freien Gedankenentwickelung, mit einer solchen Kunst, daß daher der Namen Sokratische Methode seinen Ursprung hat. Er selbst nannte sie oft scherzend Mäeutik, d. i. Hebammenkunst, indem er, scheinbar auf eigenes Wissen Verzicht leistend und ganz in den fremden Gedankenkreis eingehend, andern dazu verhelfe, die Gedanken, welche schon in ihnen seien, zu Tage zu fördern. Oft bediente er sich auch, namentlich zur Widerlegung, der Ironie, indem er sich als den Lernbegierigen und Nichtwissenden den Leuten gegenüber erscheinen ließ, die von der Unfehlbarkeit ihrer Ansichten überzeugt waren, und verstand vortrefflich die Kunst, eingebildete Menschen durch verfängliche Fragen von ihrer Unwissenheit zu überführen und ihnen zu zeigen, daß sie der wahren Erkenntnis ermangelten und des Unterrichts gar sehr bedürften. Durch das Interesse, welches sein Unterricht, und durch die Achtung, welche seine durch ein klares, sittliches Bewußtsein getragene Persönlichkeit einflößten, zog er Jünglinge und Männer von sehr verschiedenen Altern, Bildungsgraden und Charakteren an sich, die sich mit Stolz und Liebe seine Schüler nannten, obwohl sein Umgang und Unterricht nicht bei allen dieselben Früchte trug. Es mag sein, daß er über der Sorge für die geistige Bildung seiner Freunde und Schuler sein Hauswesen vernachlässigte, und seine Hausfrau Xantipve (f. d.) mag ihn das haben empfinden lassen. Allein seinen Pflichten als Bürger entzog sich S. nicht. So hat er drei Feldzüge des Peloponnesischen Kriegs mitgemacht: den ersten in seinem 39. Jahre bei der Belagerung von Potidäa in Thrazien, wo er alle seine Mitbürger in der Leichtigkeit übertraf, mit welcher er die Beschwerden eines Winterfeldzugs ertrug und den Alcibiades errettete, aber den Ehrenpreis, den er dafür erhielt, diesem selbst gab. Sieben bede später trug er bei Delium den mit dem Pferde gestürzten Xenophon auf seinen Schultern aus der Schlacht und war bei der Flucht der Athener der letzte; endlich trug er noch einmal bei Amphipolis 420 die Waffen. In seinem 65. Jahre wurde er als Mitglied des Rats der Fünfhundert Epistates, d. h. Vorsteher und Leiter der Volksversammlung, und rettete durch seine Festigkeit die Feldherren, welche bei den Arginusischen Inseln gesiegt hatten, und die wegen der Versäumnis der Pflicht, die Gebliebenen zu begraben, in Anklagestand waren versetzt worden, vor dem Verdammungsurteil der aufgereizten Volksversammlung. Ebenso leistete er bei andern Gelegenheiten den ungerechten Forderungen der dreißig Tyrannen Widerstand. Seine entschieden ausgeprägte Persönlichkeit erregte bei vielen Anstoß, und daraus erklären sich die zwei wichtigsten Ereignisse seines Lebens, die Verspottung, welche er von Aristophanes in dessen „Wolkeno erfuhr, und sein Prozeß. Daß Aristophanes den S. als Repräsentanten einer spitzfindigen und unsittlichen Scheinweisheit mit den Sophisten auf eine Linie stellte, hatte seinen Grund darin, daß Aristophanes inmitten des Verfalls des athenischen Staatswesens die Philosophie für ein gefährliches Auflösungsmittel der alten Sitte und Zucht ansah. Für S. selbst, der über die Scherze des Komikers lachte, 5010 die Aufführung der «Wolken » weiter keine olgen, und er wirkte noch 22 Jahre in seiner gewohnten Weise. Verhängnisvoll dagegen wurde für ihn die gerichtliche Anklage, welche in seinem 69. Lebensjahre Meletos, ein junger tragischer Dichter, Lykon, ein öffentlicher Redner, und Anytos, ein Gerber, gegen ihn erhoben. Der Inhalt der Anklage war, «daß S., an die Götter, an welche die Stadt glaube, nicht glaubend, neue Götter einführe und daß er die Jugend verderbev. Ein Vorwand für den ersten Anklagepunkt war unter anderm, daß S. sich selbst einen Dämon zuschrieb, eine Art göttlicher Warnungsstimme, im Gegensatz zu äußern Orakeln, dem Befragen der Eingeweide und des Vogelflugs; den zweiten Punkt suchte man dadurch zu begründen, daß der Tyrann Kritias und der Staatsfeind Alcibiades seine Schüler gewesen seien. Das wahre Motiv der Anklage war der Widerstand, welchen S. der ausgearteten Demokratie Athens entgegenstellte. Der Prozeß wurde vor den Heliasten, einer Art Volksgericht, geführt: das Urteil lautete durch eine Mehrheit von sehr wenigen Stimmen auf Geldstrafe, oder Verbannung, oder Tod. S. konnte sich abschätzen, wenigstens wählen zwischen Verbannung und Tod; aber er weigerte sich dies zu thun, weil er, wie er sagte, dadurch eine Schuld eingestanden hätte. Statt süßer Worte sprach er in seiner Verteidigungsrede bittere Wahrheiten aus: er forderte als Lehrer und Wohl-Re des Volks eine Ehrenstelle im Prytaneum. ei der dadurch on denheneiern zweiten Abstimmung stimmten von den beleidigten Richtern viele, die vorher für ihn gestimmt hatten, nunmehr Voan ihn. Ein religiöses Gesetz verzögerte die ollziehung des Urteils 30 Tage, bis zur Rückkehr des heiligen Schiffs von Delos. Diese Zeit verbrachte S. im Gefängnis in ernsten Gesprächen mit seinen Schülern und Freunden. Die dringenden Bitten seiner Freunde, namentlich des Kriton, sich durch die Flucht zu retten, schlug er, gestützt auf sittliche Gründe, beharrlich aus, und das Platonische Gespräch «Kritono ist ebenso wie dessen «Apologie und teilweise der Phädono als der treue Ausdruck seiner Gesinnung zu betrachten, wenn auch die Kunstform der Darstellung von Plato herrührt. Das Verhalten des S. und seiner Richter ist von Hegel (in der Geschichte der Philosophiev, Bd. 2), von Rötscher (Aristophanes und sein Zeitalter», Berl. 1827) und noch energischer von Forchhammer (Die Athener und S., die Gesetzlichen und der Revolutionäro, Berl. 1837) mehr zu Gunsten der letztern beurteilt worden, weil S. in der That durch die Opposition gegen das Staatsprinzip Athens an dem letztern zum polit. Verbrecher geworden sei. Dieser Gesichtspunkt ist nicht minder durchführbar als der entgegengesetzte, welcher in der Tötung des S. den Frevel eines die Geister knechtenden Staatsprinzips gegen das von S. geltend gemachte Menschenrecht freier Forschung erblickt, wie ihn gegen Forchhammer Bendixen in der Schrift «über den tiefern Schriftsinn des revolutionären S. und der gesetzlichen Athenero (Husum 1839) geltend gemacht hat. Jenes ist der relative, dieses der absolute Rechtsstandpunkt, und auch Hegel ordnet nicht diesen jenem unter, sondern umgekehrt. Vgl. Hanne, „S. als Genius der Humanitäto (Braunschw. 1841); Lasaulx, Des S. Leben, Lehre und Tod v (Münch. 1857); Volquardsen, «Das Dämonium des S. und seine Interpreteno (Kiel 1862); Alberti, „(S., ein Versuch über ihn nach den Quellen» (Gött. 1869); W.Windelband, «Sokrateso(in «Präludieno, Freib. u. Tüb. 1884). Den Gehalt der Lehre des S. betreffend, so ist das erste Wesentliche, was nach des Aristoteles Zeugnis dem S. die Philosophie verdankt, die bewußtvolle Bestimmung des Begriffs der Wissenschaft und der echten wissenschaftlichen Methode überhaupt, das Verfahren regelmäßiger Begriffsbestimmungen und Begriffsableitungen durch Schlüsse. Er gewann die festen Begriffe auf dem Wege der Induktion (s. d.), indem er das Gemeinbers suchte. Hierdurch wurde S. der Begründer er Dialektik in der später von seinem Schüler Plato weiter entwickelten Bedeutung, und vielleicht ist schon S. auf die allgemeinen Grundsätze jener wissenschaftlichen Methodik geführt worden, welche später Aristoteles auch formell feststellte. Das Gebiet, auf welches er diese Methode des begriffsmäßigen Denkens anwandte, war mit mernWer der Naturphilosophie, mit der sich die frühern Versuche der griech. Philosophie fast ausschließend beschäftigt hatten, das ethische, weil er ein begriffsmäßig klares Bewußtsein über das Suteß ür Saltehm hielt, und zugleich auch die unmittelbaren Haltepunkte eines sichern Wissens nur allein in sittlichen Üüberzeugungen suchte und fand. Deshalb legte er einen so hohen Wert auf den Spruch des Chilon, der auch die Inschrift des Apollotempels zu Delphi war: Erkenne dich selbst! und es beruht auf dem gemeinsamen Zeugnis des Altertums, daß er die Ethik als zweite Person in die Philosophie eingeführt habe, wie Aschylus den zweiten Unterredner in das Drama. Ebendeshalb sagt Cicero von ihm, er habe die Philosophie vom Himmel auf die Erde und in die Wohnungen der Menschen geführt. Denn er erklärte Wissen, Weisheit und Einsicht für die wesentliche Bedingung des sittlichen Lebens und schlug die Kraft dieses Wissens so hoch an, daß er den Satz aussprach: jeder Schlechte sei eigentlich ein Unwissender; niemand thue mit Wissen und Willen das Böse. Durchgängig suchte er die Begriffe von dem, was Recht oder Unrecht, gut oder böse sei, zu bestimmen; was ist die Tugend, die Tapferkeit, die Frömmigkeit, die Staatskunst? Diese und ähnliche Fragen sind es, um welche sich seine Gespräche bewegen. Dieses Interesse an sittlich-präktischen Fragen steht in einer genauen Verbindung mit seinen religiösen Überzeugungen. Vor allem sucht er in dieser Hinsicht den Ungrund des Unglaubens an das Göttliche zu zeigen; das Wirksame sei überall unsichtbar, und Thorheit sei es, Vernunft nur in dem Menschen anzunehmen, nicht auch in dem großen Weltganzen. Den Glauben an das Dasein Gottes als eines alles beherrschenden und lenkenden, gütigen, allwissenden und gerechten Wesens stützte er hauptsächlich auf die teleologische Betrachtung der Natur; doch haben sich die in Kenophons „Memorabilieno mitgeteilten besondern Ausführungen dieses Gedankens als spätere, von den Stoikern ausgegangene Einschiebungen erwiesen. Vgl. Krohn, S. und Xenophono (Halle 1874). Von der Vorsehung und Güte des höchsten Wesens leitete er auch die Vernunft des Menschen ab. Die Seele ist ihm, als des göttlichen Wesens teilhaftig, unvergänglich und unsterblich; der Mensch ein Glied in der sittlichen Ordnung der Dinge, die ihren Mittelpunkt in der höchsten Vernunft findet. Vgl. Schleiermacher, «über den Wert des S. als Philosophen » (in 4Gesammelte Werkey, Abt. III, Bd. 2, Berl. 1838); Labriola, WLa dottrina di Socrate secondo Senofonte, Platone, Aristoteles (Neap. 1871); Fouillée, „La philosophie de Socrates (2 Bde., Par. 1874).