Staatsroman ist im allgemeinen die Bezeichnung für Staatsschriften in der Form des Romans. Allen hierher gehörigen litterarischen Arbeiten ist gemeinsam, daß sie gegenüber den realen Erscheinungen des staatlichen Lebens ein Ideal aufstellen, welchem sie das Gewand der Wirklichkeit geben. Man kann sie der Hauptsache nach in zwei Klassen teilen, nämlich in solche, welche einzelne wirklich staatliche oder gesellschaftliche Zustände, wie z. B. das Königtum, idealisieren, und in solche, die ein ganzes System nur idealer Zustände in der angegebenen Art entwickeln. In die erste Klasse gehören gewissermaßen schon die Schriften Platos (s. d.), mehr noch die übrigens nicht unmittelbar auf uns gekommenen Schriften des Helatäos, Jambulos, Euhemeros und Theopompos. Das frühere Mittelalter kennt keine S. Wohl aber beginnen sie mit dem 16. Jahrh. Der erste und zugleich wichtigste, von einer gänzlichen Umgestaltung der sozialen Verhältnisse ausgehende S. ist das 1515 erschienene, in zwei Büchern bestehende Werk des Kanzlers Thomas Morus (s. d.) von der Insel Utopia, das ähnlichen Darstellungen, den sog. Utopien (‚. d.), den Namen gegeben. Länger als ein währte es, bis der Gedanke des S. 9 achahmung fand, und war es erst der calabresische Dominikanermönch Thomas Campanella (s. d.), welcher ihn in seiner (1620 zu Frankfurt gedruckten) «Cixitas Soliso (deutsch von Grün, Darmist. 1845) wieder aufnahm. Dieser reihten sich fast gleichzeitig oder doch in rascher Folge an: Andreäs „Reipublicae christianopolitanae descriptioo (Straßb. 1619), Bacons „(Nova Atlantiso (geschrieben zwischen 1621 und 1626), Harringtons „Oceanay (Lond. 1656), Vairasses Histoire des Sevarambeso (zuerst 1677) ferner Foigny lein franz., zum Protestantismus übergetretener Mönch), Les auventures de Jacgues Sadeuro (zuerst Genf 1676); Berington (ein kath. Priester), Denkwürdigkeiten Gaudentios von Lucca (ursprünglich wohl englisch geschrieben und 1753 zu Amsterdam in franz. übersetzung erschienen); Holberg, Nic. Klimii iter subterraneumo (1741); Morelly, WPasiliade, ou naufrages des iles flottantes„ (1753) und dessen KCode de la naturen (1755); La république des philosophes, ou histoire des Ajaoienso (angeblich von Fontenelle Genf 1768); Retif de la Bretonne, La découverte australe par un homme volanto (zu Paris und Leipzig in den achtziger Jahren des 18. Jahrh. ohne nähere Angabe erschienen); «Die glückliche Nation, oder der Staat von Felicieno (angeblich aus dem Französischen übersetzt, Lpz. 1794); Cabet, (Voyage en Icaries (Par. 1840; 2. Aufl. 18⁴²). In die zweite Klasse zählen Xenophons Cyropädie y5; Anton le Grand (kath. Missionar in England), einem unbekannten Verfasser, Lpz. 1699); Ramsay, „Les voyages de Cyrus (Par. 1727) „Terrasson (Abbe), «„Sethoso (Amsterd. 17³²); Stanislaus Lesczynski (der vertriebene Polenkönig), «Entretien d'un Européen avec un insulaire du royaume de Dimocalas (Par. 1756); L'an deux mille quatre gent quarantey (von einem unbekannten Verfasser Amsterd. 1771); A. von Haller, « Usongo (1771), „Alfredo (1774) und Fabius und Catoo, eine Trilogie, die trotz des berühmten Verfassers von geringer Bedeutung ist. Vgl. R. von Mohl, Die