FeedStein (Lorenz von)
Recht & StaatBrockhaus 1882

Stein (Lorenz von), ausgezeichneter Rechts⸗ und Staatslehrer, geb. 18. Nov. 1815 zu Eckernförde, studierte zu Kiel und zu Jena Philosophie und Rechtswissenschaft und begann dann in der Kanzlei zu Kopenhagen die Lausbahn des praktischen Staatsdienstes, gab diese aber wieder auf, um sich an der Universität Kiel zu habilitieren. Er veröffentlichte damals die Schrift «Geschichte des dän. Civilprozesses und das heutige Verfahreno (Kiel w1841) und erhielt darauf ein Reisestipendium, das ihm gestattete, 1841 nach Berlin, von da nach Paris zu ehen. Zu Paris machte er die Bekanntschaft der ourieristen, und hieraus ging seine Schrift hervor: Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreich o (Lpz. 1844). Zugleich sammelte er in Paris die Materialien zur Geschichte des franz. Rechts, die er nach seiner Rückkehr mit Warnkönig in der Franz. Staats⸗ und Rechtsgeschichter (3 Bde., Bas. 1846—48) verarbeitete. Im J. 1846 erhielt er in Kiel eine außerord. Professur. In der schlesw.-holstein. Frage trat er publizistisch für das Recht der Herzogtümer ein. Ner J. 1848 ging er im Auftrage der Provisorischen Regierung der Herzogtümer nach Paris, wo er auch die Broschüre La question de Schleswig-Holsteind schrieb. Zugleich bearbeitete er sein Werk über die sozialen Verhältnisse Tutet ache neu und ließ dasselbe nun unter dem Titel «Geschichte der sozialen Bewegung in rankreich von 1789 bis auf unsere Tager (3 Bde., Lpz. 1849—51) erscheinen. Seitdem wandte sich S. entschieden den eigentlichen Staatswissenschaften zu und begann die Ausarbeitung seines«Systems der Staatswissenschafteno (Bd. 1 u. 2, Stuttg. 1852—56), in welchem die Nationalökonomie als die Grundlage der übrigen Teile dieser Wissenschaft auftritt. Nachdem Dänemark im Jan. 1852 auch von Holstein Besitz ergriffen, erfolgte die Entsetzung von zehn kieler Professoren, unter welchen auch S. war. Er lebte zunächst als Privatmann in Kiel, bis er 1854 sich nach Wien wandte, wo er 1855 an der Universität die Professur der Staatswissenschaften erhielt. Zugleich trat er in nähere Beziehungen zu dem Staatsminister von Bruck und war bei den Versuchen zur Lösung der großen finanziellen Fragen Ssterreichs beteiligt. Unter anderm veröffentlichte erDie neue Gestaltung der Geld- und Kreditverhältnisse in Osterreichs (Wien 1855). Auf wissenschaftlichem Gebiete strebte er mit seinem Lehrbuch der Volkswirtschaft' (Wien 1858; 2. Aufl. 1878) und dem Lehrbuch der Finanzwissenschafte (Lpz. 1860; 5. Aufl., 2Bde. in 4Abteil., 1885—86) eine wahrhaft systematische Behandlung in historischer und vergleichender, alle europ. Staaten umfassender Auffassung dieser Lehren an, wodurch er in einen zum Teil sehr schar⸗ —5 Gegensatz zu Roscher und Rau trat. An dieses erk schloß sich die Gründung einer selbständigen Verwaltungslehre auf Basis höherer wissenschaftlicher Auffassung des Staats und zugleich der Vergleichung der Verwaltungen Europas. Den Beginn machte seine Schrift: «Die vollziehende Gewalto⸗ (2. Aufl., 3 Bde., Stuttg. 1869). Dann erschien „Die Verwaltungslehres (7 Bde., Stuttg. 1865— 68) und das vollständige System im «Handbuch der Verwaltungslehre » (2. Aufl., Stuttg. 1876); von da an wandte er sich dem Gedanken zu, das bürgerliche Recht auf die volkswirtschaftlichen Begriffe zurückzuführen, während er zugleich in seiner Lehre vom Heerwesen» (Stuttg. 1872) die wissenschaftliche Bearbeitung desselben in die Staatswissenschaften einzuführen suchte. Im J. 1878 ward er der erste evang. Docent der jurist. Fakultät in Wien und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Seine Schrift „Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomies (2. Aufl., Stuttg. 1886) wurde in die meisten europ. Sprachen übersetzt. Im J. 1885 mußte S., bei Vollendung seines 70. Lebensjahres, nach einem Gesetz von 1870 seine Professur niederlegen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 185Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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