FeedStroganow
ErdkundeBrockhaus 1882

Stroganow, eine angesehene russ., jetzt gräfl. Familie, deren Adel zwar neu, deren histor. Berühmtheit indes in frühe Zeit zurückgeht. Der Ahnherr dieser Familie, die sich gegenwärtig in zwei Aste teilt, war Anika S., ein reicher nowgorodischer Kaufherr, der zu Anfang des 16. Jahrh. unermeßliche Domänen und Salinen am Fuße der uralischen Berge besaß, und dessen drei Söhne Jakow, Grigorij und Ssemen Anikitsch S. sich zwischen der Kama und Dwina mit andern Russen ansiedelten, um diesen Besitzungen näher zu sein und zugleich den Pelzhandel aus erster Hand betreiben zu können. Anika S. legte die Salzsiedereien an der Wytschegda an und entdeckte einen Handelsweg über das Uralgebirge nach Sibirien. Zar Iwan Wasiljewitsch der Grausame erteilte den beiden ältern Söhnen Anikas Schenkungsbriefe über die wüsten Plätze südlich von der Stadt Perm zwischen der Kama und Tschussowaja. Die Brüder gründeten mehrere Städte und befestigte Dörfer (Ostrogs); sie hielten Truppen, dämpften 1572 die Empörung der Tscheremissen, Ostjäken und Baschkiren und beschützten den Nordosten Rußlands. Nachdem sie so die Grenzen des bewohnten moskowitischen Staats bis zur Felsenkette des Ural ausgedehnt, baten sie, als der mongol. Eroberer Sibiriens, Kutschjum, ihre Anlage an der Kama zerstören wollte, um einen Ukas, im sibir. Lande Festungen erbauen zu dürfen, und erhielten unterm 30. Mai 1574 von Iwan den Schenkungsbrief über das feindliche Land. Diesen Eroberungskrieg führte aber erst nach ihrem Tode (1580) ihr üngster Bruder Ssemen Anikitsch, nebst seinen Neffen Marim Jakowlew und Nikita Grigorjsew. Sie wußten den Hetman der donischen Kosaken, Jermak Timofejew, zu gewinnen. Dieser erhob mit seinen Gefährten die Fahnen an der Wolga, und nach drei Gefechten entschied 26. Okt. 1581 der Sturm auf das Lager Kutschiums am Irtisch die Eroberung der Haupkstadt Ssibir. Mit 700 Mann unter Jermaks und S.s Besehlen war die Entthronung des Mongolen-Chans und im Laufe von zwei Jahren die vollständige Unterwerfung Sibiriens gelungen, das nunmehr als Zartum den Ländern der russ. Krone hinzugefügt wurde. Die S. erhielten vom Zaren außerordentliche Vergünstigungen; der ganze Handel Sibiriens wurde in ihre Hände gelegt. Sie wurden Erbauer und Besitzer von mehr als 100 Dörfern, Fabrikanlagen und Hüttenwerken, wozu sich dann später noch die einträglichen Goldwäschereien im Ural und Altai gesellten. In Anerkennung ihrer Verdienste bewilligten ihnen bei der Thronbesteigung der Romanows der Zar Michael Feodorowitsch und die beiden Kammern (der Bojarenhof und die Kammer der Gemeinden) das Vorrecht, eigene Truppen und Festungen besitzen und freie Gerichtsbarkeit über ihre Untergebenen ausüben zu dürfen, auch konnten sie nur durch den Zaren und jene Kammern gerichtet werden. Zu Ende des 17. Jahrh. lebte von der Familie nur noch Grigorij S. Derselbe hatte drei Söhne, Alexander, Nikolaus und Sergei, denen Peter d. Gr. 6. Mai 1722 alle durch ihre Ahnen erworbenen Vorrechte entriß, für die er sie allein durch den Barontitel entschädigte. Von Nikolaus und Sergei stammen die jetzt bestehenden zwei gräfl. Linien des Geschlechts ab. Der Sohn Sergeis, Alexander S., geb. 1734, war mit einer Verwandten der Kaiserin Elisabeth vermählt und erhielt 1761 von Franz I. den Grafentitel des Heiligen Römischen Reichs, worauf ihn Kaiser Paul 1798 auch in den russ. Grafenstand erhob. Er starb als Oberkammerherr, Wirkl. Geheimrat erster Klasse und Präsident der Akademie der Künste 1811 zu Petersburg. Sein Sohn, Graf Paul S., zeichnete sich als General in den Feldzügen gegen die Franzosen aus, namentlich 1814 in der Schlacht von Craonne, wo sein einziger Sohn an seiner Seite fiel. Er starb 1817 und hinterließ nur eine Tochter als Erbin seiner großen Besitzungen. Der Enkel des Nikolaus, Grigorij Alexandrowitsch S., war 1805—8 Gesandter zu Madrid, dann zu Stockholm und 1821 zu Konstantinopel, wo er sich durch seine Haltung gegen den Divan zum Schutze der Griechen auszeichnete. Doch verließ er den Staatsdienst und unternahm Reisen ins Ausland, von denen er 1825 nach Petersburg zurückkehrte. Im J. 1826 wurde er vom Kaiser Nikolaus in den Grafenstand erhoben. Im Herbst 1827 trat er in den Staatsdienst zurück, wurde Mitglied des Reichsrats und ging 1838 als außerordentlicher Gesandter zur Krönung der Königin Victoria nach England. Er starb 19. Jan. 1857. Sein ältester Sohn, Sergei S., heiratete die Tochter des Grafen Paul S., die Erbin der jüngern Linie des Hauses, und erhielt infolge dessen noch vor seinem Vater den Grafentitel. Als Gouverneur von Minsk nach dem Falle von Warschau, erwarb er sich 1831 durch Thätigkeit und Umsicht große Verdienste. Er wurde 1835 zum Kurator des Universitätsbezirks von Moskau ernannt, legte dieses Amt aber 1847 nieder. Doch blieb er Generallieutenant, Generaladiutant des Kaisers und Senator und wurde 1852 General der Kavallerie, 1855 Mitglied des Reichsrats und übernahm 1857 die Leitung der archäol. Ausgrabungen in Rußland, die seitdem auf Kosten des kaiserl. Kabinetts mit größerm Eifer betrieben wurden. Er veröffentlichte seit 1860 in russ. und franz. Sprache die «Comptes rendus de la commission archéologiques (mit vielen Abbildungen), sowie Nachrichten über die Altertümer, welche in dem Lande der alten Skythen ausgegraben worden sind (Recueil d'antiquités de la Scythies, 1866 fg.). Die von ihm erworbene, von Stephani 1860 beschriebene Statue des Apollo Boödremios ist unter dem Namen Apollo-S. bekannt. Die ihm 1859 übertragene Würde eines Generalgouverneurs von Moskau legte er bald wieder nieder, indem er zum Kurator des damaligen Thronfolgers Nikolai ernannt wurde. Als solcher leitete er die Erziehung und den Unterricht des jungen Großfürsten bis zu dessen Tode. Im J. 1865 wurde er zum Präsidenten des Hauptkomitees der Eisenbahnen in Rußland ernannt. Graf S. kam in den Besitz eines großen Teils der von seinem Urahn angelegten Salzsiedereien und Eisenwerke im Gouvernement Perm und in Sibirien. Er stiftete eine auf eigene Kosten erhaltene Zeichenschule in Moskau und war Präsident der Gesellschaft für russ. Geschichte und Altertümer. Er starb 10. April 1882 in Petersburg. Der zweite Sohn von Grijorii Alexandrowitsch, Graf Alexander S., nahm als Oberst an dem poln. Feldzuge von 1831 teil, war dann Mitglied des Verwaltungsrats des Königreichs Polen, Generalgouverneur von Kleinrußland und 1839—41 Minister des Innern. Er wurde gleichfalls Generaladjutant des Kaisers, Generallieutenant der Artillerie und w1850 Mitglied des Reichsrats. Der jüngste der Brüder, Alexei S., Wirkl. Staatsrat und Kammerherr, war Geschäftsträger in Turin und 1841—48 Gesandter in Lissabon. Der älteste Sohn des Grafen Alexander, der kaiserl. Stallmeister und Generallientenant Graf Grigori lgest. 20. Febr. 1879), vermählte sich 1856 in morganatischer Ehe mit der verwitweten Herzogin von Leuchtenberg, Großfürstin Marie Nikolajewna (gest. 24. Febr. 1876), aus welcher Ehe eine Tochter, die Gräfin Marie S., geboren wurde.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 306Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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