FeedTasso (Bernardo)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Tasso (Bernardo), ital. Dichter, Vater des Torquato T., stammte von einem altadeligen Geschlecht aus Bergamo, wurde geb. zu Venedig 11. Nov. 1493, verlor früh seine Eltern und erhielt durch seinen Onkel, Luigi Tasca „Bischof von Recanati, eine sorgfältige gelehrte Bildung. Im J. 1531 trat er in den Dienst des Ferrante Sanseverino, Fürsten von Salerno, verehelichte sich 1536 mit der schönen und geistreichen Porzia de' Rossi aus dem Hause der Marchesi von Calenzano, zog sich 1530 nach Sorrento zurück, teilte seit 1550 mit seinem Herrn das Los der Verbannung und starb 4. Sept. 1569 als Gouverneur von Ostiglia. Sein Hauptwerk ist „L'Amadigis (Vened. 1560; 4 Bde., Bergamo 1755 u. öfter), romantisches Epos in 160 Gesängen nach span. Originalen, ein phantastisches Kaleidoskop ohne poetischen oder litterarischen Wert. Für die polit. und litterarische Geschichte seiner Zeit sind seine Briefe (Lettere, beste Ausg. von Volpi, Seghezzi und Serassi besorgt, 3 Bde., Padua 1733—51; deutsch von Jagemann, 1803) von Wichtigkeit. Seine übrigen Schriften (Utre libri degli amoriv, Vened. 1555; 4 Rime, Odi e Salmin, 2 Bde., Vened. 1560; &II Floridantev, Mantua 1587) sind längst vergessen. Tasso (Torquato), einer der berühmtesten ital. Dichter, der Sohn des vorigen, wurde zu Sorrento 11. März 1544 geboren. Nachdem er bei den Jesuiten in Neapel, dann in Rom und Bergamo Unterricht erhalten, teilte er in Pesaro den Unterricht mit dem Sohne des Herzogs von Urbino. Mit seinem Vater hielt er sich ein Jahr lang in Venedig auf und ging dann, 13 J. alt, nach Padua, um die Rechte zu studieren. Seine Neigung zog ihn jedoch unwiderstehlich zur Poesie. Im Alter von 17 trat er mit einem epischen Gedicht in zwölf Gesängen, Rinaldos, hervor, das einigen Beifall gewann, worauf der Vater, nach langem Widerstande, einwilligte, daß er die Rechtsstudien aufgab. T. widmete sich nun mit doppeltem Eifer litterarischen und philos. Studien zu Bologna und begann den schon in Padua gemachten Entwurf zu einem epischen Gedicht von der Eroberung Jerusalems auszuführen. Von Bologna ging er nach Modena und folgte dann der Einladung des Scipione Gonzaga nach Padua. Mit großem Fleiße studierte er Philosophie, namentlich die des Plato. Vom Kardinal Lodovico von Este zum Hofcavalier ernannt, wandte sich T. im Okt. 1565 nach Ferrara, um den glänzenden Festen beizuwohnen, mit welchen die Vermählung des Herzogs Alfons II. mit Barbara von Osterreich gefeiert wurde. Die beiden Schwestern desselben, Lucrezia, nachmalige Herzogin von Urbino, und Leonore, begegneten dem Dichter mit Wohlwollen. Aufgemuntert von dem Herzog, begann er wieder an seinem Epos zu arbeiten und verließ Ferrara nur auf kurze Zeit, um Padua, Mailand, Pavia und Mantua zu besuchen. Er hatte acht Gesänge seines Gedichts beendigt, als er im Gefolge des Kardinals von Este 1570 nach Frankreich reiste. Wegen unbesonnener Außerungen über religiöse Dinge mußte er seine Stellung bei dem Kardinal aufgeben, trat aber bald darauf in die Dienste des Herzogs Alfons. Im J. 1573 entstand sein Schäferspiel Amintav, welches zwar alles Frühere in dieser Gattung übertraf, indes bald durch Guarinis Pastor fidos verdunkelt wurde. T.s Ansehen und Gunst stiegen, damit aber auch sein Argwohn, daß Neider insgeheim auf seinen Sturz hinarbeiteten. Von Jugend an mit krankhafter Reizbarkeit behaftet, versiel er immer mehr in eine Gemütsstimmung, die ihn unglücklich machte, während sie auf seine Stellung an einem Hofe nicht anders als ungünstig wirken konnte. Nachdem er mehrere Monate in dem reizenden Castel Durante bei Urbino in vertrauter Freundschaft mit seiner großen Gönnerin Lucrezia verlebt, kehrte er mit reichen Geschenken nach Ferrara zurück und wendete sich wieder zu seinem Epos, welches er unter dem Titel 4Goffredos Ende 1574 beendigte. Der Herzog behandelte ihn mit verdoppelter Auszeichnung. T..· mußte ihn nach seiner Villa Belriguardo begleiten, t „und Lucrezia, die sich von ihrem Gemahl getrennt „und zu ihrem Bruder zurückgekehrt war, wünschte 5den Dichter stets um sich zu haben. Nur mit Mühe wirkte er sich im Nov. 1575 die Erlaubnis aus, esnach Rom zu gehen, um dort sein Gedicht einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen. Hier wurde „er von seinem Freunde Scipione Gonzaga dem Kardinal Ferdinand von Medici, nachmaligem Großherzog von Toscana, vorgestellt, der ihn einlud, in den Dienst seines Hauses zu treten. T. ließ „sich in Unterhandlungen ein, welche zu keinem an—⸗ dern Ziel führten, als daß er deswegen in Ferrara als Verräter angesehen zu werden fürchtete. Bei seiner Rückkehr nach Ferrara wurde er zwar von dem Herzog und den Prinzessinnen mit gewohnter Freundlichkeit behandelt; allein bald zeigte es sich, daß sein Geist von melancholischen Einbildungen zerrüttet war. überall glaubte er sich von Feinden umgeben und sein Gedicht von der Inquisition als ketzerisch bedroht. In dieser Stimmung zog er einen Dolch gegen einen Diener in den Zimmern der Herzogin von Urbino. Auch diese Heftigkeit verzieh ihm der Herzog und gab ihn nach kurzer Haft wieder frei, ließ ihn aber zu arztlicher Behandlung in das Franziskanerkloster von Ferrara bringen. Er blieb daselbst nur einen Tag und, seiner selbst nicht mächtig, entfloh er 1577, fast ohne Geld, mit Hinterlassung aller seiner Papiere, zu seiner Schwester nach Sorrento. Durch die Sorgfalt der Schwester begann T. die innere Ruhe wieder zu erlangen. Bald bereute er seine Flucht und wendete sich an den Herzog und die Fürstinnen, um seinen Posten, vornehmlich aber ihr Wohlwollen wieder zu erlangen. In der That ging er auch nach Ferrara zurück, aber sein altes übel kehrte wieder und er entwich zum zweiten mal. Vergebens suchte er in Mantua, Padua und Venedig eine Zuflucht; auch in Urbino und Turin, wo er die wohlwollendste Aufnahme fand, verließ ihn seine Unruhe nicht, die allmählich einen schlimmern Charakter annahm. Er sehnte sich nach Ferrara zurück und hielt dazu die nochmalige Vermählung des Herzogs mit Margareta Gonzaga für den schicklichsten Zeitpunkt. Bei der Ankunft sah er sich jedoch bitter getäuscht. Er glaubte sich zurückgesetzt, ja gemieden. Laut ergoß er sich in Schmähungen gegen Alfons und dessen Hof, sodaß der Herzog im März 1579 ihn in das Annenhospital bringen und als einen Irrsinnigen verwahren ließ. Das Verfahren gegen T. hat zu der unhaltbaren Tradition Veranlassung gegeben, daß T. durch seine Liebe zur Prinzessin Leonore die Ehre des herzogl. Hauses verletzt habe. Goethe hat diese Tradition benutzt, indem er in seinem «Tassor das Verhältnis des Dichters zu dem Hofe zu Ferrara von dem Standpunkte eines tiefern psychol. Konflikts aus dramatisch behandelte. Der wirkliche Wahnsinn, welcher den Dichter, wenigstens von Zeit zu Zeit, ergriff, die Plage, die er damit dem Herzog bereitete, und sein unzurechnungsfähiges Betragen sind mehr als hinreichend, Alfons' Maßregeln zu erklären, der ihn nie als einen Verbrecher, sondern stets nur als einen Gemütskranken behandeln ließ. Der Zustand des Kranken wechselte oft. T. fand auch jetzt ruhige Augenblicke, in denen er sich herrlich bald in Versen, bald in philos. Betrachtungen aussprach. Ein neuer Schlag für ihn war die Nachricht, daß sein Gedicht KGerusalemme liberatap in unkorrekter und verstümmelter Gestalt zu Venedig im Druck erschienen. Dieser ersten Ausgabe folgten schnell an verschiedenen Orten mehrere andere. Inzwischen hatte T. die mächtigsten Personen aufgeboten, um zu seinen Gunsten zu vermitteln. Gregor XIII., der Kardinal Albani, der Großherzog von Toscana, der Herzog und die Herzogin von Urbino, die Herzogin von Mantua, mehrere Fürsten des Hauses Gonzaga hatten sich vergebens für ihn verwendet. Die Stadt Bergamo, T.s eigentliche Heimat, hatte in gleicher Absicht einen eigenen Gesandten an den Herzog geschickt. Endlich überließ Alfons im Juli 1586 auf dringendes Bitten den Dichter nach mehr als siebenjähriger Haft seinem Schwager, Vincenzo Gemaga, welcher ihn so zu bewachen versprach, daß Alfons nie etwas von ihm zu befürchten haben sollte. In Mantua fand T. die freundlichste und ehrenvollste Aufnahme; aber sein Übel hatte bereits zu tief gewurzelt. Doch nahm er seine litterarischen Arbeiten wieder vor. Er vollendete unter anderm den von seinem Vater begonnenen 4Eloridanteo, sein Trauerspiel Torrismondo arbeitete er von neuem um. Im folgenden Jahre besuchte er Bergamo und wendete sich nach Rom, wo er nicht nur von Scipione Gonzaga, sondern auch von mehrern Kardinälen und Prälaten so wohl aufgenommen wurde, daß er neue Hoffnungen faßte. Allein nichts ging in Erfüllung, und er begab sich 1588 nach Neapel, um einen Versuch zu machen, das eingezogene Vermögen seiner Eltern wieder zu erlangen. Hier beschäftigte er sich mit einer gänzlichen Umarbeitung seines großen Gedichts, kehrte nach Rom zurück und lebte dann eine Zeit lang in Florenz, Mantua und Neapel, stets unstet und unruhig, sich und andern mißtrauend, krank und arm. Die Um⸗ (zuerst 1593 gedruckt) und die Dichtung Le sette giornate del mondo creatos entstanden in dieser unglücklichen Zeit. Da fand er einen neuen Gönner. Kardinal Cinzio Aldobrandini, Neffe Papst Clemens' VIII., bewog ihn nach Rom zu kommen, um die feierliche Dichterkrönung auf dem Kapitol zu erhalten. Im Nov. 1594 langte T. an; man verschob aber die Feierlichkeit bis zum Frühjahr. Während des Winters schwand seine Gesundheit mehr und mehr. Er fühlte sein nahes Ende und ließ sich in das Hieronymitenkloster Sant-Onofrio auf dem Janiculum bringen, wo er an einem hitzigen Fieber 25. April 1595 starb und in der Kirche des Klosters bestattet wurde. Der Kardinal Bevilacqua von Ferrara ließ ihm ein Denkmal setzen; ein glänzenderes, aber geschmackloses wurde unter Gad IX. über seinem Grabe errichtet. Auch die

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 487Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6