Telegraphie (technisch) nennt man die Kunst, von einem Orte aus sinnlich wahrnehmbare Wirkungen (Zeichen) an einem andern, entfernten Orte hervorzurufen, behufs unmittelbarer Verständigung zwischen zwei an diesen Orten befindlichen Personen. Mittels der Telegraphen werden Nachrichten (Telegramme) meist auf große Entfernungen und mit möglichster Geschwindigkeit befördert. Die Wissenschaft, welche von der telegr. Beförderung von Nachrichten handelt, führt ebenfalls den Namen Telegraphie. Beim Telegraphieren wird die Nachricht nicht als Ganzes mit einem mal und an etwas Körperliches, z. B. ein Blatt Papier, gebunden befördert, wie bei postalischer Beförderung, sondern es werden ihre einzelnen sprachlichen Teile getrennt befördert und als solche am fernen Orte empfangen. Schon in den ältesten Zeiten versuchte man wiederholt, durch Benutzung des Lichts eine telegr. Beforde? rung zu ermöglichen, namentlich mittels der u den vollkommenern der Mar Zeichentelegraphen brachen 1633 der arquis von Worcester, 1660 der Franzose Amontons die Bahn; den ersten solchen Telegraph stellte der Engländer Rob. Hook 1684 her; 1763 errichtete Edgeworth u seinem Privatgebrauche eine telegr. Linie von London nach Newmarket. Die 1750 von Bergträßer in Hanau vorgeschlagene telegr. Flaggeninie kam nicht zur Ausführung. Erst 1789 eranden die Gebrüder Chappe (s. d.) einen wirklich rauchbaren Telegraphen. Die erste mit diesen Teleraphen besetzte Linie wurde von Paris nach Lille 794 vollendet, und auf ihr als erste Nachricht die zinnahme von Conde nach Paris gemeldet. Diese 0 Meilen lange Linie hatte 22 Telegraphen, deren jeder 44000 Livres kostete. Besonders für Kriegszwecke wurden nun rasch noch viele andere telegr. Linien in Frankreich, bald auch in England, Deutschland, Amerika und andern Ländern errichtet. Von Paris nach Lille (225 Km) ging ein Zeichen in 2 Minuten, nach Calais (255 km) in 4 Minuten, nach Straßburg (450 km) in 5 Minuten 52 Setunden, nach Toulon in 13 Minuten 50 Sekunden, nach Bayonne in 14 Minuten, nach Brest (562 km) in 6 Minuten 50 Sekunden. Hierbei sind natürlich Unterbrechungen durch die Abenddämmerung, Nebel u. s. w. nicht mit eingerechnet. Bei diesen optischen Telegraphen wurden auf erhabenen Punkten Türme oder sonstige Gebäude errichtet, welche, eins in des andern Gesichtsfelde und innerhalb der mit einem guten terrestrischen Fernrohr zu beherrschenden Entfernung (in der Ebene an 25 bis 30, in gebirgiger und waldiger Gegend nur 4 bis 8 km), die eigentlichen Telegraphen trugen. Von einem unter diesen Telegraphen befindlichen Zimmer aus wurden mit festgerichteten Fernrohren die beiden nächsten Telegraphen beobachtet, die erhaltenen Zeichen notiert und dann telegraphisch weiter gegeben. Für die einzelnen Schriftzeichen, zum Teil für ganze Wörter und Sätze waren willkürlich genau bestimmte, sich deutlich voneinander unterscheidende telegr. Zeichen festgesetzt. War das Telegramm chiffriert, so ging es durch alle nicht den Schlüssel der Schrift besitzenden Stationen, ohne daß in denselben sein Inhalt bekannt wurde. Diefranzösischen optischen Telegraphen bestanden aus einem Balken (Regulator), an dessen Enden zwei kürzere Flügel drehbar befestigt waren und durch Hebel und Schnüre vom Beobachtungszimmer aus gestellt werden konnten. Der Regugulator konnte in vier verschiedene Stellungen bildung unter 45, 90“, 135, 1800“, 225², 270° und 315* gegen den Regulator gestellt werden; daher hätten 196 verschiedene Zeichen gegeben werden aber WS Zeichen auf schräg stehendem Regulator formiert und der Regulator dann entweder in die wagerechte oder lotrechte Stellung gebracht; auch so waren 196 Zeichen möglich; von diesen wurden die auf der linken Schrägstellung gebildeten 98 für dienstliche Meldungen, die auf der rechten gebildeten 98 aber für den eigentlichen telegr. Verkehr benutzt. Jedes Zeichen blieb auf jedem Telegraphen so lange stehen, bis es der nachfolgende richtig nachgebildet hatte. Dem englischen Telegraphen gab Lord Murray 1795 in zwei lotrechten Rahmen je drei übereinanderliegende achteckige, um ihre Achse drehbare Klappen, welche entweder ihre Offnung deckten oder offen ließen; die egenseitige Stellung der offenen und geschlossenen Felder lieferte dann 64 verschiedene telegraphische Zeichen. Der preußische ½ini bestand aus einem senkrechten, 652m langen aste, mit drei 1m langen und 0, m breiten Flügeln an jeder Seite, welche durch drei über drei als Zifferblätter dienenden Scheiben drehbare Arme bewegt, dabei durch die zugehörigen Schnüre, unter 4⁵⁵², »und 135 gegen das untere Mastende gestellt werden und so 4096 verschiedene Zeichen geben konnten. Ein mäßiger Saß gelangte in 15 Minuten von Berlin bis an den Rhein, durch 50 Stationen in je 15 km durchschnittlicher Entfernung voneinander. Nachts wurde mit Fackeln telegraphiert. Die noch jetzt gebräuchlichen optischen Eisenbahnsignale (s. d.) sind mit diesen Zeichentelegraphen verwandt, geben aber nur eine kleine Anzahl verschiedener Zeichen und benutzen dazu teils Flügel, teils drehbare Scheiben, teils Körbe u. f. w., bei Nacht meist Laternen mit farbigen Blenden. Für andere, besonders für Vermessungs- und Kriegszwecke (s. Feldtelegraphie) benutzt man vorwiegend Lichtblicke von verschiedener Dauer zum Telegraphieren, indem man Strahlen von Sonnenlicht oder künstlichem, besonders elektrischem Licht von einem Orte zum andern sendet. (S. Photophon.) Bei den in ihrer Anwendung sehr beschränkten akustischen Telegraphen besteht das telegr. Zeichen in einem Schall, welcher sich von dem Absendungsorte in der Luft oder besser in Schallröhren nach dem Empfangsorte fortpflanzt. Pneumatische Telegraphen werden jetzt vielfach im kleinen angewendet; in ihnen bringt in Bewegung versetzte Luft die telegr. Zeichen hervor. Die größte Wichtigkeit aber besitzen die elektrichen Telegraphen. Da die Elektricität sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit in den dieselbe leitenden Körpern fortpflanzt, so kann man die mittels derselben von einem Orte aus an einem andern Orte hervorgebrachten Wirkungen (Anziehung und Abstoßung leichter Körper, Funkenerzeugung, Entzündung brennbarer Stoffe durch den Funken, Erregung von Magnetismus, Ablenkung von Magnetnadeln oder Stromleitern, chem. Zersetzungen) als telegr. Zeichen verwerten. Anfänglich war man dabei auf die einzige damals bekannte Art der Elektricitätserregung, nämlich durch Reibung (mittels der Elektrisiermaschine) beschränkt. Der erste, ziemlich vollendete Vorschlag dazu, den 1753 ein Schotte (Ch. Marshall?) veröffentlicht hat, und auch die spätern, z. B. von Lesage in Genf (1774), Lomond (1787) und Reußer (1794) blieben ohne Erfolg; am ehesten hätte es noch auf dem von Ronalds (1816—23) eingeschlagenen Wege glücken können, mittels der so schwer zu isolierenden und nicht leicht in großer Menge zu beschaffenden Reibungselektricität auf weitere Fernen zu telegraphieren. Mittels der wesentlich günstigern Berührungselektricität oder des Galvanismus (s. d.) zu telegraphieren, versuchte zuerst Sömmerring in München (1809); in seinem zweifellos lebensfähigen Telegraphen benutzte er als telegr. Zeichen die Gasblasen welche aufsteigen, wenn der elektrische Strom Wasser zersetzt. Die Entdeckung des Elektromagnetismus (s. d.) und des Multiplikators 1820 gab aber noch bessere Mittel an die Hand, und doch blieb der an den Sömmerringschen erinnernde Entwurf von Ampere (1820) unausgeführt. Ebenso jener Schillings von Canstadt in Petersburg. Erst 1833 wurde ein elektromagnetischer Telegraph von Gauß und Weber in Göttingen angelegt. Steinheil in München' befähigte 1836 diesen Telegraphen, bleibende Zeichen (Punkte in zwei Zeilen) zu schreiben, baute 1837 eine Telegraphenlinie von München nach Bogenhausen und entdeckte 1838, daß die Erde als Rückleiter des Stroms benutzbar sei. Im J. 1837 erhielten in England Wheatstone und Cooke (welcher letztere in Heidelberg die Schillingsche Erfindung kennen gelernt hatte) ein Patent auf einen Nadeltelegraphen. In demselben Jahr machte auch Morse (s. d.) in Neuyork seinen nor jetzt vielgebrauchten Telegraphen bekannt, un nahm 1813 den Bau der ersten langen Telegrapher linie in Amerika, von Washington nach Baltimore in Angriff. England besaß damals noch weni