Temperament nennt man die individuelle Disposition zur Entstehung von Gemütsbewegungen. Gewöhnlich unterscheidet man von alters her vier T., das cholerische, phlegmatische, sanguinische und melancholische. Dem cholérischen (warmblütigen, Kant) Temperament, welches in der Regel mit einer robusten, straffen Konstitution verbunden ist, legt man eine starke Reizbarkeit und eine dieser Reizbarkeit entsprechende kräftige Thatigkeit bei. Starke, schnell wechselnde Empfindungen und Affekte, schnelle Entschlüsse, rasche, energische Handlungen, heftige Leidenschaften und bedeutende Widerstandsfähigkeit, Neigung zum Zorn und zum Stolz, aber auch Großmut und Freigebigkeit pflegen als Züge angeführt zu werden, woran man dasselbe erkennt. Den Phlegmatiker (kaltblütiges Temperament, Kant) mit seiner häufig schlafsen Konstitution charakterisiert der langsame Wechsel und die geringe Intensität der Gemütsbewegungen, die Liebe zur Bequemlichkeit, die Gemütsruhe, die sich auf Unerregbarkeit gründet, der Mangel an heftigen, großartigen Leidenschaften, aber auch die Besonnenheit, die Freiheit von Illu-V sionen, übereilten Entschlüssen u. s. w. Dem sanguinischen (leichtblütigen, Kant) Tem perament, welches der reizbaren Konstitution ent-H spricht, schreibt man große Beweglichkeit und Erregtheit bei geringer und wenig anhaltender Selbstthätigkeit zu, also viel Phantasie bei wenig Tiefe des Gemüts, rasch wechselnde, aber nicht tiefgehende ff Leidenschaften, schnell vorübergehende Affekte, Nei-Hi ung zur Genußsucht, Flatterhaftigkeit und Leichtuom, uberhaupt die Neigung, die Dinge und Ereignisse mehr von ihrer heitern als trüben Seite zu nehmen. Der Melancholiker (schwerblütiges Temperament, Kant) endlich erscheint mehr mit sich selbst als mit der Außenwelt beschäftigt. Was ihn berührt, läßt tiefe Spuren in ihm zurück; langsam wechselnde, aber starke Affekte charakterisieren ihn. Er ist ernst, in sich zurückgezogen, treu, beharrlich, sorglich, daher zur Traurigkeit und zum Trübsinn, zur ascetischen eligiosität und zur Menschenfeindlichkeit geneigt. Diese Verschiedenheit der Charaktere suchten sich die Alten zunächst aus der Beschaffenheit und der Mischung (das Wort temperamentum heißt Mischung) der den Körper bildenden Bestandteile zu erklären. Von dem vermeintlichen Vorherrschen der gelben Galle, des Blutes, der schwarzen Galle und der Lymphe oder des Schleims suchten sie die Ursache der Temperamentsverschiedenheit abzuleiten, und hierdurch entstanden zunächst die Namen cholerisch, sanguinisch, melancholisch und phlegmatisch. Später suchte man diese Unterscheidung auf sehr verschiedene physiol. Gesichtspunkte zurückzuführen. Unbestreitbar ist, daß diesen geistigen Unterschieden meist eine gewisse körperliche Beschaffenheit zu entsprechen pflegt. Der Choleriker ist gewöhnlich braun, fest, aber nicht feist (Percy in Shakespeares «Heinrich IV. „); der Phlegmatiker fett, gedunsen und bleich (Falstaff in jenem Drama); der Sanguiniker rotblütig, warm, blühend und beweglich (Egmont in Goethes Schauspiel); der Melancholiker mager, schwarzblütig, kalt und langsam (Oranien in jenem Drama). Natürlich gibt es auch viele Mittelstufen und gemischte, d. h. aus zweien zusammengesetzte T. Temperamentstugenden und Temperamentsfehler nennt man Tugenden und Fehler, zu welchen der Mensch schon vermöge seines T. disponiert ist. So ist z. B. die Verträglichkeiteine emperamentstugend des Phlegmatischen, Jähzorn ein Temperamentsfehler des Cholerikers. (Vgl. Kon stitution, medizinisch.)