Temperanzgesellschaften heißen diejenigen freiwilligen Vereinigungen in den Vereinigten Staaten und in England, welche nach Art unserer Mäßigkeitsvereine ihren Mitgliedern die völlige oder teilweise Enthaltsamkeit von allen geistigen Getränken zur Pflicht machen und im allgemeinen dem Laster des Trunks entgegenarbeiten. In den Vereinigten Staaten lassen sich ihre ersten Spuren bis 1808 zurückverfolgen. Doch traten sie bis zum Anfang der dreißiger Jahre nur vereinzelt auf und gewinnen erst in dem zweiten Drittel des 19. Jahrh. eine größere polit. und soziale Bedeutung. Der Staat Maine führte 1851 das erste absolute Verbot aller geistigen Getränke ein, und wenn dieses Gesetz, das sog. Maine-Liquor-Law, auch 1856 wieder aufgehoben wurde, so ging es doch mehr oder minder in die Gesetzgebung fast — aller Staaten der Union über. So gilt unter anderm auch das absolute Verbot im Staate Massachusetts. Ein Ausfluß der Temperanz ist die Gesetzgebung für die strikte Beobachtung des Sonntags (Sunday-Laws), an welchem kein Wirtshaus geöffnet und kein berauschendes Getränk verkauft werden darf, wie z. B. in Neuyork, Pennsylvanien und selbst in westl. Staaten. Wenn auch keine bessondere Partei, so bilden die Temperanzler doch in den Vereinigten Staaten ein mächtiges polit. Element, das besonders von der Geistlichkeit und den Frauen gestützt wird. In Fällen, wo ein unbedingtes Verbot geistiger Getränke unerreichbar scheint, verstehen sie sich auch zu Kompromissen; namentlich wurde in einer Anzahl von Staaten das sog. «Local-Option-Lawo zum Gesetz erhoben, wonach es jeder Stadt freisteht, den Verkauf berauschender Getränke zu verbieten. Die obersten Gerichtshöfe einzelner Staaten haben jedoch dieses Gesetz für unkonstitutionell erklärt. Die bedeutendste Organisation in der Union ist die National-Society, welche fast in allen Staaten Hilfsgesellschaften errichtet hat. Der große Irrtum der Temperanzler besteht darin, daß sie, statt von der Schule und Familie, von der Bildung und Erziehung die Förderung der Moral und Sitte zu erwarten, diese polizeilich erzwingen zu können glauben, daß sie sich also in ihren Mitteln vergreifen und folglich nichts Dauerndes zu schaffen vermögen. Teetotalers oder Teetotallers ist ein Spitzname, den man in England und Amerika den Mitgliedern solcher Vereine gegeben hat, die sich nicht nur des Branntweins, sondern überhaupt aller berauschenden Getränke (des Weins, Biers etc.) enthalten. Die Schreibart Tea-totaler (von Thee), die häufig gebraucht wird, ist unrichtig, obwohl die Enthaltsamkeitsmänner allerdings, da ihnen die Spirituosen verboten, hauptsächlich auf den Genuß des Thees oder Kaffees angewiesen sind. Die Entstehung des Wortes wird darauf zurückgeführt, daß einst ein Schmied aus Birmingham in einem Meeting anstatt I am a totalero mit stotternder Stimme gesagt haben soll: Iam a t-t-totalero.