Tours, Hauptstadt des franz. Depart. Indreet-Loire, ehemals der Provinz Touraine (s. d.), am südl. Ufer der Loire zwischen diesem Flusse und dem Cher löstlich der Stadt durch einen 2,5 EKm langen Kanal verbunden), in einer überaus reizenden und fruchtbaren Ebene voll Weingärten und Obstpflanzungen gelegen, Station der Linie Tours-Les Sables d'Olonne der franz. Staatsbahnen und der Linie Paris-Bordeaux der Orléansbahn, die hier nach Vendöme und Bretigny, Le Mans, Nantes und Saint-Nazaire, Vierzon und Chäteauroux abzweigt, ist Sitz eines Erzbischofs, zu dessen Diöcese die vier Suffraganbistümer Le Mans, Angers, Laval und Nantes gehören, des Stabes der 18. Division, einer Artilleriedirektion, eines Handelstribunals, einer Handelskammer, einer Ackerbaukammer und einer Bankfiliale. Die Stadt hat ein Lyceum, das Collége St. Louis de Gonzague, eine mediz.⸗pharmaceutische Vorbereitungsschule, ein großes und ein kleines geistliches Seminar (letzteres mit Bibliothek von 20000 Bänden), seit 1828 ein Museum für Kunst, Altertum und Naturgeschichte, eine Zeichenschule, eine öffentliche Bibliothek von 50000 Bänden mit wertvollen Handschriften und dem Departementsarchiv, einen botan. Garten (seit 1843), ein Theater, Gesellschaften für Wissenschaft und Kunst, ein Zellengefängnis, eine Irrenanstalt, Pferdebahnen u. s. w. T. ist in der Bauart großenteils noch altertümlich. Der Kai an der Loire mit einer Platanenallee und die Rue Royale, welche mit ihrer Verlängerung, der Avenue de Grammont, ganz T. in einer Länge von 3 km durchschneidet, sind die besten Straßen; der neue Stadtteil, welcher sich bis zum Cher erstreckt, ist modern-einförmig gebaut. Üüber die Loire führt eine 1765—77 erbaute schöne Brücke von 15 Bogen, 434 m lang und 14,6 mbreit. Von den zahlreichen Kirchen, darunter auch eine reformierte, zeichnet sich die 1170—1547 in got. Stil aufgeführte Kathedrale St.⸗Gatien aus durch Adel der Form, schöne Glasmalereien aus dem 13. und 16. Jahrh. und durchbrochene Triforien, durch ihre in Farbenpracht glänzende Rose, schöne Portale und zwei 66 und 68 mhohe Türme von meisterhafter Arbeit im Renaissancestil; im Innern befindet sich ein sehr anmutiges Renaissancegrabmal für zwei Kinder Karls VIII., ein treffliches Werk von dem hier geborenen Jean Juste aus dem J. 1506. Von der einst prachtvollen und 1802 abgetragenen Kollegiatkirche des heil. Martin sind nur noch zwei Türme aus dem 12. und 13. Jahrh. vorhanden. Die ehemalige Abteikirche St.⸗Julien aus dem 13. Jahrh. hat einen roman. Turm aus dem Ende des 10. Jahrh., einen schönen modernen Hauptaltar und prächtige Fresken von Douillard. Die Kirche Notre-Dame-la-Riche aus dem 12. und 16. Jahrh. besitzt ein herrliches Südportal und bemerkenswerte Glasmalereien von Pinaigrier. Außerdem sind bemerkenswert der erzbischöfliche, der Justiz⸗ und der Handelspalast, das Stadthaus aus dem 18. Jahrh., die Präfektur mit der Bibliothek, die Kavalleriekaserne mit der Tour de Guise, dem einzigen Reste des alten Schlosses der Grafen von T., das Hötel Gouin, ein schönes Monument der Renaissance vom J. 1440, der elegante Bahnhof, die beiden Hängebrücken über die Inseln St.⸗ Jacques und Simon der Loire, die Boulevards zwischen der innern Stadt und den Faubourgs, und die Marmorstatuen Descartes'(von de Nieuwerkerke) und Rabelais' (von Dumaige), beide auf dem Stadthausplatze an der Hauptbrücke. Die Stadt zählt (1881) 45 684 (Gemeinde 52209) C., abgesehen von dem gleich einer Vorstadt rechts gegenübergelegenen Städtchen St.⸗Symphorien mit 3180 E. T. war einst der Mittelpunkt der unter Ludwig XI. erblühenden Industrie Frankreichs und namentlich durch die Fabrikation von Seidenwaren (Gros de I.) in ganz Europa berühmt. Die Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes 1685 versetzte jedoch der blühenden Stadt einen harten Schlag. Gegenwärtig sind die Hauptnahrungszweige der Stadt die Fabrikation von Seidenstoffen und Bändern, von Tuch, Teppichen, Decken, allen Arten von Kanevas, von Leder, Schuhmacher⸗, Posamentier⸗-, gewöhnlichen und feinen Thonwaren, farbigem Glas, Bleiweiß und Glätte. Auch betreibt man Spinnerei, Färberei, Gerberei, Wein⸗ und Obstbau, sowie bedeutenden Handel mit Fabrikaten, Wein, Branntwein, getrockneten Früchten, Hanf und Wachs. Die berühmte Buchdruckerei Mame beschäftigt 1200 Arbeiter. Es bestehen drei große Jahrmärkte, von denen jeder zehn Tage dauert. T. war die Hauptstadt der Turones oder Turoni in Gallia Lugdunensis und hieß unter den Römern Caesarodunum, später und noch mittellat. Turones. Erst 1853 hat man Reste eines röm. Amphitheaters aus dem 1. oder 2. Jahrh. n. Chr. aufgefunden, das größer war als das von Nimes, sowie von der gallo-röm. Mauer. Zur Zeit der Frankenherrschaft, bis ins 11. Jahrh., hatte T eigene Grafen. Es war als die Stadt des heil. Martin (l. d.) der Anziehungspunkt unzähliger Pilger. Durch Karl Martells Sieg bei Poitiers wurde es 732 vor dem drohenden Angriff der Sarazenen gerettet. In dem Kloster des heil. Martin stiftete Alkuin eine Schule, welche neben der Hofschule als die erste im Reiche Karls d. Gr. galt. Im J. 854 wurde die Stadt von den Rormannen verwüstet. Im Mai 1163 fand hier eine Kirchenversammlung unter Vorsitz des Papstes Alexander III., 1468, 1470 und 1484 Reichstage statt; am 1. Juni 1444 schlossen zu T. England und Frankreich Waffenstillstand auf zwei Jahre. Im 16. Jahrh. der Schauplatz eines glänzenden Hoflebens, ward es unter Heinrich III. zum Sitz des Parlaments und der andern hohen Gerichtshöfe erkoren. Die Stadt war bis 1772 Münzstätte. Während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 und 1871 war T. vom 13. Sept. bis 10. Dez. 1870 Sih der Delegation der Regierung der Nationalvertheidigung (Cremieux, Fourichon, Glais-Bizoin, seit 7. Okt. Gambetta); 19. Jan. 1871 wurde es von Generallieutenant von Hartmann besetzt. Nur 1 km westlich von der Stadt, bei dem Dorfe La Riche, sieht man die geringen Reste des in der Revolutionszeit gänzlich zerstörten königl. Schlosses Plessis-les-Tours, wo Ludwig XI. 1483 starb. Etwa 2,5 Em östlich von T. liegen die Reste der Abbaye des Marmoutiers, ein Turm aus „dem 11. Jahrh. und das Portail de la Crosse aus „dem 14. Jahrh. Vgl. Giraudet, «Ilistoire de la Nville de I.„ (2 Bde., Par. 1873).