FeedTraum
TierreichBrockhaus 1882

Traum (somnium) nennt man das Erzeugnis der Seelenthätigkeit im Schlafe. Man findet vielleicht keinen Menschen, der sich nicht erinnerte, zuweilen geträumt zu haben, während es ungewiß ist, ob jeder Schlaf von Träumen begleitet sei; denn meist erinnern wir uns nicht, daß wir geträumt haben. Bloß besonders lebhafte oder im unvollkommenen Halbschlaf stattgehabte Träume hinterlassen eine Erinnerung in dem wachen Gehirn. Der T. gehört zu den normalen Erscheinungen des Lebens. Vor dem Einschlafen, noch ehe der wirkliche T. beginnen kann, zeigen sich oft die sog. Schlummerbilder, ½ Punkte, Striche, Umrisse von Figuren und Menschen, welche ineinander verschwimmen, aber isoliert und ohne innern Zusammenhang sich dem Gesichtssinn darstellen. Das eigentliche Träumen hingegen besteht aus der Vorstellung zusammenhängender Reihen von Erscheinungen und Ereignissen, bei deren Wahrnehmung es scheint, als ob die Sinnesorgane wirklich ihre Funktion erfüllten (d. h. als ob man höre, sehe, fühle), da man noch nach dem Verschwinden eines lebhaften T. oft die Folgen von Sinneseindrücken, eine Affektion des Auges, einen Klang im Ohr, einen ungewöhnlichen Geschmack u. dgl. empfindet. Man darf jedoch nicht annehmen, daß diese Empfindungen durch die Sinne zum Vorstellungsvermögen gelangen, sondern —1 vielmehr die Erzeugung derselben in dem Gehirn suchen (wie bei den Hallucinationen). Während des Wachens wird die Thätigkeit der Seele größtenteils durch die Einwirkung der Außenwelt bestimmt und die Eindrücke auf die Sinne geben den Stoff zu den Vorstellungen, denen der Verstand eine Art Zusammenhang, verleiht. m Schlafe hingegen fällt die Thätigkeit des Verstandes fort, und die Phantasie verarbeitet die Seeleneindrücke in freier Willkür. Man kann daher auch wachend träumen, wenn man der Phantasie freien Spielraum läßt, welche dann nach ihrer Weise eine Reihe mehr oder weniger zusammenhängender Ideen erschafft. Jedoch ist hierbei der Wille mehr thätig und der Phantasie weniger unterthan als im Schlafe. Die Phantasie nimmt den Stoff zu ihren Bildungen immer aus dem Gedächtnis, indem sie ganze Scenen aus der Vergangenheit mit mehr oder weniger Abänderungen wiederholt oder aus mehrern derselben, sowie aus gehabten Anschauungen ein neues Bild zusammensetzt. Daher träumen Blindgeborene nie vom Sehen, Erblindete nur noch eine Zeit lang nach ihrem Erblinden von Sichtbarem, Taube nicht von Hörbarem. Jedoch sind nicht immer bloß die Phantasie und das Gedächtnis beim T. thätig, sondern auch der Verstand gibt den Traumbildern eine bewußte Bedunch Be uns und erregt so das eigene Gefühl durch Bewußtsein der Freude, der Trauer, des Schmerzes. Endlich sind auch Beispiele vorhanden von Träumen abstrakter Art. Sogar Probleme der Philosophie, der Physiologie, der Poesie u. s. w. sollen im T. gelöst worden sein, während in andern Fällen die Phantasie durch Vorführung unauflöslicher Aufgaben oder durch vermeintliche Entdeckungen, die beim Erwachen entweder schnell verschwinden oder sich als widersinnig erweisen, den Verstand und den Schlaf beunruhigt. Diese gewissermaßen reinere Thätigkeit des Verstandes erklärt sich durch die Abhaltung störender äußerer Eindrücke im Schlafe, welche im wachen Zustande nur schwer auszuschließen sind. Eigentümlich gestaltet sich der Verkehr des Träumenden mit der Außenwelt. Die Sinne, deren Thätigkeit im Schlafe nicht ganz erloschen, werden durch die ihnen Gudruchsiark. Einflüsse angeregt. Wenn dieser Eindruck stark bie ist, um empfunden werden zu können, ohne die Erregung bis zum Erwecken zu steigern, so deutet dann die Phantasie denselben auf ihre Weise aus, webt ihn in den T. hinein oder erzeugt aus ihm weitere Traumbilder. In Dpler Art wird besonders das Gehör häufig zum Schöpfer von Träumen. Empfindungen des Gemeingefühls, welche im Innern des Körpers * ihren Grund haben, stellen sich als von außen kommende und angenehme oder unangenehme Empfindungen erzeugende Sinneseindrücke dar. So werden die Träume auch durch krankhafte Zustände verschiebeim 2 modifiziert. Die Muskelbewegung findet beim T. meist in der Schwäche der Macht des Willens über die Muskeln ein Hindernis, kann aber in den verschiedensten Graden stattfinden, von der geringsten Regung bis zum Schlafwandeln mit Vollbringung mehr oder weniger zweckmäßiger Handlungen. (S. Somnambulismus.) Charakteristisch für den T. ist die Fähigkeit der Seele, die eigene Erfindung als eine Frende zu betrachten, andern, deren Erscheinung sie schafft, mündliche Außerungen und Handlungen unterzulegen, die sie selbst erfindet, und so ihre eigensubjektive Thätigkeit als objektiv zu betrachten. Dabei geht jedoch der Träumende nicht leicht aus seiner eigenen Persönlichkeit heraus, ja er endigt den T. fast willkürlich, wenn die Widersinnigkeit der Traumbilder die Urteilskraft zu sehr beleidigt. Nicht selten endlich vereinigt sich die Thätigkeit der Phantasie mit der des Verstandes im T. zu einem Gedanlenfluge, der während des Wachens nie stattfindet. Wenn die Einflüsse der Außenwelt auf die Sinne im wachen Zustande unsere Vorstellungen regeln, so hemmen sie dieselben zugleich durch die Schranken der Zeit und des Raums. Im Traumzustande aber waltet der Gedanke fast fessellos und erschafft oder erhält Anschauungen, deren er im Wachen nie teilhaftig werden würde. So entstehen die Träume der Vision, Inspiration und Divination. Doch entbehren die Traumvorstellungen der logischen Beherrschung, auch ist die Einheit der Zeit und des Ortes meist nicht gewahrt und in raschem Wechsel wird im Traum oft das Sinnloseste und Ungewöhnlichste miteinander verbunden. Als krankhafte Traumzustände sind zu betrachten: das Aufschrecken und Zusammenfahren im SHaß das Alpdrücken und die Hallucinationen. Daß auch die auf den höchsten Stufen stehenden Tiere träumen, beweisen viele Erscheinungen, während man den niedrigern, bei denen das Seelenleben immer tiefer sinkt, diese Fähigkeit kaum zusprechen kann. Litteratur. Schubert, «Symbolik des T.» (4. Aufl., Lpz. 1862); Pfaff, „Das Traumleben und seine Deutung (pz. 1868; 2. Aufl., Potsd. 1873); Strümpell, Die Natur und Entstehung der Träumev (Opz. 1874); Siebeck, Das Traumleben der Seeler (Berl. 1877); Spitta, „Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seeley (Tüb. 1878); Radetock, «Schlaf und T. Eine aberg. chlaf Unteruchunge (Lpz. 1879); Frensberg, Schlaf und T. Berl. 1885).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 812Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 5

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Tierreich 6